Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV, führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen. Der lebendige Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre Vergangenheit stolz war. Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2). Dies war keineswegs so bei den verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft organisierten republikanischen Studenten stellten (3).
Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung, die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm in Heidelberg studiert hatten. Er war dort der FWV beigetreten und hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in Berlin weiter studierten.
Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange. Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.
Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter solchen Zeichen. Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen 20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß. Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher, auch der großen Verwandtschaft. Im Haus Grünfeld in Dahlem sah besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen Neigungen folgen konnte.
Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum kulturellen Leben Berlins. Verglichen mit der Generation meines Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in meiner Generation nicht so groß geworden. Während meiner Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen, die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen waren. Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld. Mir war Das Dreieck zu "avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten exzellentes Essen.
In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg, unverheiratet. In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem Breslauer AkademischLiterarischen Verein eine große Rolle (4). Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden. Die literarische Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein großer Kenner und Sammler. Er war politisch konservativ, hielt den Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner Tageblatt.
Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen, nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr nahegestanden habe. Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.
Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren, auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert. Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im nordöstlichen Berlin. Ich war kein geborener Maurer, aber so zu arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese Welt kennenzulernen. Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt, aber das war nun etwas anderes. Mein Maurerpolier, ein richtiger Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man trank Bier.
Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer, daß das nicht mein Beruf war. Ich habe das dann noch zu Hause besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen. Ich wollte nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr hatte. Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung, hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr an.
Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger, ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte. Nach unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach sollte ich eigentlich Soziologie studieren. Das war eine gerade sehr stark beachtete Wissenschaft geworden. Mein hochrangiger nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".