Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg. Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegründet worden. Eine ähnliche gab es in
Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule. Dort stand als
Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen. In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch für die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.
Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr. Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband republikanischer Hochschullehrer tätig. Sein Assistent, der Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr rechts, aber diskret damit. In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen des Britischen Empires zu referieren. Er hatte mich auf die zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien. Ich kam zu einem für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung nur schwer verbergen konnte. Er hatte mich auf die vielen Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war ja allgemein bekannt an der Hochschule). Es gab sie ja auch, aber ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei Dank recht behalten. Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft, Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden. Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das mich wirklich interessierte. Als weitere Nebenfächer an der TH belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl, einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter meiner Mutter. Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes Programm.
Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in Kattowitz. Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es gab viel Geselligkeit. Die Studenten, die in den Ferien nach Hause kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt. Zum Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr. Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik studierte. Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6), war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr Vater an die Universität Göttingen ging.
Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war. Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich daraus entwickeln mußten. Man hatte ja schon Unterricht in polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht. Im Studium in Berlin war man dem etwas mehr entrückt. Karl Heinz zum Beispiel hatte sich entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.
Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen mit Studium, besonders hektisch verlaufen. Während der Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte. Erich Oettinger schlug die Lehrlings und Fortbildungsschule der AEG in Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter. Ich wollte nicht wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner Bude in Charlottenburg hin und herfahren. Ich gab mein Zimmer auf, mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem unteren Mittelstands und Arbeiterbezirk. Die Belegschaft in Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich über die politische Entwicklung spreche.
In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes Geburtstagsdinner statt. Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren, man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war. Wir sollten versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße. Der Besuch meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin. Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten Freunde einladen. Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu. Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen Urlaub für Neujahr geben wollte. Ich nahm ihn mir einfach, schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich. Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das AEG Management. Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben. Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte. Ich wußte allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war. In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und Stahlindustrie im damaligen Palästina.
Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue Dimensionen zu entwickeln. Es war einerseits die Welt von Martin Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben. Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben auch zur Entstehung des Christentums führte.
Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen nichtfundamentalistischen Forschungen. In der Preußischen Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser religionsgeschichtlichen Literatur. Meine religiösen Gefühle aber blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.
Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht alles beim Alten blieb. Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig. Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur aber nicht ausreichte. Es wurde daran gedacht, das große, gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür zu stehen.
Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen wollte. Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen. Mein Vater schien besonders glücklich damit. Ich machte nur einen kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung, Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw. schon im Zuge waren.