Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter Oettinger mich dafür untergebracht hatte. Gesundheitlich war ich seit einiger Zeit angeschlagen. Allergisches Asthma und dann die Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt. Ich wollte die Ferien dazu benutzen, das hinter mich zu bringen.
Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf und ab ein ständiger Begleiter bleiben.
Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der Dahlemer Verwandten erholen. Ich war ja dort immer wieder zu sehr herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden. Das Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg an der Hardenberg Ecke Schillerstraße, also direkt bei der Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft mit ihm in die Stadt fahren. Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt. Wenn ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.
Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft. Auch kam Ragnar Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar, und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen, die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise dann aufgegeben wurden. Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und Geschäftsprobleme gesprochen.
Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt worden. Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht da. Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.
1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum PestalozziFröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem. Natürlich brachte mich das dann noch öfter dorthin. Dann war dort oft der Sohn des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am KaiserWilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie arbeitete. Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen, auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer interessante Begegnungen.
Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch Hans Bethe, Physikstudent. Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling. Hans trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner Sachs auf der technischen Seite. Seine Schwester Ilse, Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit verschiedenstem background und Begabungen. Sehr enge Freunde waren auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnischschlesischen Grenze, die ich viel in Dahlem sah.
Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte. Ich konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer politischen Tagung in Genf bevor. Auf dem Heimweg von der Tagung verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz. Mich interessierte in München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte. Darüber wollte ich mich orientieren.
Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause. Ich ging wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums. Ich hatte ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach München im Laufe des Semesters immer festere Formen an. Für meine politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch eine sehr an und aufregende Zeit.
b)… und politische Bestätigung