Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler Vertrag folgten, nach Spartakus und Freikorpsrebellionen, Inflation, Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann. Zunächst hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925 zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter kandidiert). Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren. Wirtschaftlich hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der Studentenschaft.
Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine besondere Rolle. Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50% der Studentenschaft stellte.
So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin besuchte. Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte, aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war. Winners, aus westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem Seminar Friedrich Meineskes. Er war dann auch Herausgeber des Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei. Vorsitzender des Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke, Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge und Lotte Kronheim.
Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten, dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion, auf die man sich vorbereiten sollte. Es war hochinteressant, anregend und eine gute Schule. Danach konnte man noch ins Restaurant des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen Klubmitgliedern.
Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.
Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus einem besonderen Zusammenhang ergeben. Die Studenten einer Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen Studentenschaft. Diese war nach 1918 unter Führung von zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke, ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B. auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach. Aber die alten studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutschvölkische Gruppen.
Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf "völkisch"deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß jüdischer Studenten. Die Verfassungen mußten aber von den zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte. Die Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin. Die Studentenschaft hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip", auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von Studenten jüdischer Abstammung.
Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt, besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph, und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.
Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen, sondern auch Parlament und Tagespresse. Es war mir somit vor Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutschjüdischer Herkunft aus PolnischOberschlesien, zu dem umstrittenen Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn. Mir wurde zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.
Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Wegscheider im preußischen Landtag zu melden. Ich traf eine sehr resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium. Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im preußischen Kultusministerium. Nach einiger Zeit wurde ich zur Studentenschaft gebeten. Der Schriftführer Walther Nothis, der konservativkatholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).