Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß. Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft daraufhin vom Ministerium aufgelöst. Meine Mitgliedschaft währte also nicht lange.
Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben, unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der Deutschen Studentenschaft entwickelt. Sie sollten weiter bestehen, unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V. mit Sitz in Dresden zusammengefaßt. Die Wirtschaftseinrichtungen wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil halb oder sogar vollberuflich dort tätig waren. Es hatte sich also eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den Landesbehörden interessiert waren.
Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta) gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft anzustreben. Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt mitvertreten(8).
Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen Studentenschaft ausgeschlossen. Die Leipziger Studentenschaft war auch nahe dran. Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.
An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht. An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda. An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen vertreten. An unserer TH waren sie nicht vertreten. Die Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter Studentenvertreter für ihre Gremien. Die erste wichtige Aufgabe war lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte. Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet. Die Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.
Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen Hochschulen so ergab. Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung von Bürostunden. Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund, und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere Semester. Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC und später der Sozialist Ahrens.
Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement. Nichts ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte" auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.
Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten politischen Themen etwas zu sagen gehabt. Die maßgebenden Mitglieder hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals plausiblen Nachfolger. Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel. Müllerburg, Tismer, Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch noch sehen, wie man die übrigen Vorstands und anderen Mitglieder dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch im Wasser.
Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung, die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den Hochschullehrern, die ihr nahestanden. Sie gehörten teilweise zu der Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts. Dann waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten Zeitungen. Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen in der Studentenschaft hatten. Besonders Werner Mahrholz galt als so etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste. Die Besuche bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.
Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden. Wir Studenten mußten an den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben. Die Wahl wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete. Es bildete sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler. Die Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich KochWeser (Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung). Dies ging zusammen mit einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der Republik zu Hilfe zu kommen. Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf Mandate. Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben. Es war eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu bestellen.