Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul­ und studentischen Jugend abhielt. Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde gingen dorthin. Der VDA war damals schon stark auf die Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz lagen. Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war, meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache. Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher wünschenswert. Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen. Ich meldete mich vorher bei der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdST­er Neumann geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.

Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin. In meinem Abteil saßen drei VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die Stimmung war antagonistisch. Auf einer der Haltestellen kam ein anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung. Man konnte mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich waren. Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich. Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen Studentenschaft zu sein. Abgesehen von einer wirklich interessanten und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst. Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.

Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee, sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend, aber es war nicht wirklich interessant. Die Formen der Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt. Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem Lied "Schleswig­Holstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten mich herausreißen. Das war es also "von der Etsch bis an den Belt". Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler Vertrages? Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?

Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA, wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben. Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form des Kommerses verleitet dazu. Eine zeitgemäßere Form wäre besser, zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung. Er notierte das.

Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit Sitz im neugebildeten Hauptausschuß. In der ersten Sitzung war ich dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit. Meine Einstellung war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt hatten. Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen. Ich blieb aber ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der

Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch. Einer unserer älteren Mentoren, Hans­Helmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im Stich".

Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Es war ja grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören. Mein Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen Parteiorganisation miterlebt. Es gab mir aber einen neuen Einblick über deutsch­jüdische Beziehungen. Er machte durchaus einen Unterschied daraus, daß ich jüdisch war. Er grenzte es ganz scharf ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden, sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu wollen schien. Mir war das recht so. Im Grunde genommen hat es mir geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.

Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen Aktivität. Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften. Einmal hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen Vortrag besprechen. So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit der Rückfahrt vertrug.

In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch beim Studentenbund bemerkbar. Der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes, eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden. Der Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär. Da war schon viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer. Eine große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden, und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.

Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik, wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich, also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite her kam. Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts. Auch Dr. Ludwig Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.