Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A". Unter den Beschränkungen des Versailler Vertrages für deutsche Rüstung war der Bau von vier solchen Schiffen erlaubt. Die neue Regierung der Großen Koalition hatte von der vorherigen den Beschluß zum Bau geerbt, und als dies in den Etat aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten. Die Polemik und Presseagitation nahm Ausmaße an, die meinem Gefühl nach in keinem Verhältnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen. Der Kampf darüber hatte eine lähmende Wirkung im Gefüge der Großen Koalition. Auch in unserem Studentenbund gab es Gegensätze darüber, wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte. Ich fand, da der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafür stimmen. Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker, die dafür stimmen wollten (12).

Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit. Im November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des Parteiausschußes, an der ich als einer der Studentenvertreter teilnahm (13). Der demokratische Parteiausschuß war vollkommen gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am stärksten an das Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in Erinnerung, weil es mich irritierte, daß ich eine so verschiedene Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch wenn ich nicht ganz allein damit stand.

Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers A mit den deutschen Zielen für Revision der deutschen Ostgrenzen mit Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15). Man kann heute aus unterdessen veröffentlichen Akten herauslesen (16), daß diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein wirkliches Bild des Klimas in der Öffentlichkeit der späten 1920er Jahre.

Diese Frage der Ostgrenzen gehörte doch damals nicht zu einem politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt". Deutschland war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade überstanden, das Hauptthema der Gegner der "Erfüllungspolitik" der Weimarer Parteien, auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last der Reparationen. Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren militärisch unvergleichlich stärker als die Weimarer Republik. Das Argument, daß der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien plausibel.

Die deutschen Vorbehalte über die Ostgrenzen waren publizistisch hochgespielt worden, um den Locarno Westpakt der deutschen Rechten mehr schmackhaft zu machen. Die Linke ergriff Aktion gegen den Panzerkreuzer, aber nahm nicht entscheidend Stellung gegen Wünsche nach Revision der Ostgrenzen, was wirklich der Kern der Sache gewesen wäre, wenn man dem Bau dieses Panzerkreuzers einen aggressiven Anstrich beimaß. Die Frage der Ostgrenzen aber war ein heißes Eisen, sie war eher Tabu, man wollte sie nicht wirklich in den Bereich ernster öffentlicher Diskussion bringen. Nachdem Hitler 1939 die Bevölkerung über diese Frage der deutsch­polnischen Grenzen in den 2. Weltkrieg führen konnte, wird einem klar, welche fatalen Wirkungen manchmal auch solche "Vorbehalte" haben können, wenn sie zu oft und lange genug gemacht werden.

Auch in der damaligen Stimmung in Oberschlesien lag die Idee einer Rückkehr des abgetretenen Gebiets sehr fern. Die deutsche Minderheit war in einem andauernden Kampf um die Behauptung ihrer Minderheitsrechte auf Defensive ausgerichtet, und das waren die motivierenden Gesichtspunkte des täglichen Lebens.

Als Karl­Heinz Lubowsksi in Krakau studierte, trat er dort auch dem Verband deutscher Studenten bei, und durch ihn lernte ich auch dessen damaligen Vorsitzenden Jobst v. Idendorff kennen, mit dem er sich sehr angefreundet hatte. Wendorff stand politisch auf der deutschen Rechten, war sehr intelligent und recht vorurteilslos. Scherzend betonte er mir gegenüber immer, daß sein mecklenburgischer Verwandter ja Demokrat und preußischer Landwirtschaftsminister im Kabinett Braun war.

Es war interessant, die verschiedenen Stimmungen unter diesen deutschen Studenten in Polen zu beobachten. Sie waren ja dauernd den Polen, polnischer Kultur und Geschichtsvorstellungen nahe, das tägliche Leben sozusagen in sie eingebunden. Manche von ihnen kamen aus deutschen Siedlungsinseln im Innern Polens, z.B. Lodz oder Ostgalizien. Ihre Existenz als Deutsche in Polen hatte also damals nichts direkt zu tun mit deutschen Wünschen nach Revision der Versailler Ostgrenzen. Sie waren in einer typischen deutschen Minderheitssituation. Es hieß aber nicht, daß sich unter ihnen nicht manchmal die radikalsten deutschen Nationalisten fanden (17).

Um nun von der Betrachtung mehr schicksalsvoller Fragen zu meinen Erinnerungen an den demokratischen Studentenbund zurückzukehren, es gab dort auch gesellschaftliche Veranstaltungen. So hatten wir ein Sommerfest draußen im Westen, als Redner hatte ich Gertrud Bäumer gewonnen, man mußte sie dort an einem Bus abholen, mit mir machen wollte das Gabriele Müller. Sie war die Schwester der Filmschauspielerin Renate Müller, deren Vater beim Berliner Tageblatt war. Gabriele war überhaupt ein sehr eifriges und ehrgeiziges Mitglied unseres Studentenbunds, wo wir also nicht nur Talent sondern auch Charme versammelt hatten (18).

Im Wintersemester gab es dann den jährlichen Ball im Kaiserhof, den ich damals mit vorbereiten und eröffnen mußte. Es waren alle demokratischen Minister gekommen, und viele andere prominente Freunde. Die Damenrede sollte Dr. E. Willy Hellpach halten, der grade von einer Operation ins politische Leben zurückgekehrt war, wozu ich ihn bei der Einführung herzlich beglückwünschte. Er dankte dafür überschwenglich (19), und ich hatte mit ihm seitdem guten Kontakt. Die Abfassung eines kleinen Theaterstücks war dem im linken Flügel stehenden Berthold Weinberg überlassen worden, es wurde eifrig dafür geprobt, ich hatte es nicht gesehen. Das Theaterstück erregte den Unwillen von Koch­Weser und die Minister verließen bald nach der Aufführung unseren Ball.