Kurz darauf bat mich Oskar Meyer in den Reichstag. Er war ein guter Freund unseres Studentenbunds geworden, und wollte mir sagen, daß es nicht richtig war, Koch­Weser als schlafenden Minister darzustellen, und ihn dann die Visionen haben zu lassen, die man auf linker Seite bei uns über die Entwicklung der Weimarer Republik hatte. Ich war erstaunt über die Empfindlichkeit, hatte den frühen geschlossenen Aufbruch einiger Gäste als unerfreulich empfunden, aber nicht als so ernst, wie er anscheinend gemeint war. Oskar Meyer setzte noch hinzu, das Stück wäre ja auch schlecht geschrieben gewesen und "es war nicht einmal gereimt." Das schien mir eine erstaunliche Bemerkung. Als ob das anscheinend politische Odium des Stückes dadurch gelindert gewesen wäre, wenn es besser geschrieben und gereimt war. Vielleicht hatte er recht. Zum Schluß des Semesters gab ich den Vorsitz im Berliner demokratischen Studentenbund ab, da ich in den Vorstand des Deutschen Studentenverbands gewählt werden sollte, und damit begann noch ein neues Kapitel in meiner hochschulpolitischen Tätigkeit. In studentischen Organisationen war ja die zeitliche Begrenzung der Tätigkeit des Einzelnen ein zwingendes Merkmal. Das Studium war an sich begrenzt in Zeit, oder sollte es sein, und Examenszwänge kamen auch während des Studiums oft dazwischen, so finden wir einen steten Wechsel in der Mitarbeiterschaft.

Im ersten nur dreiköpfigen Vorstand des DStV waren Heinz Ollendorf (FWV) als Vorsitzender, Kurt Berlowitz (Sozialist) und Wolfram Müllerburg (Demokrat). Im neuen fünfköpfigen Vorstand mußten die Gewichte anders, den Kräfteverhältnissen entsprechend verteilt werden. Die Sozialistische Studentenschaft war die bei weitem stärkste der republikanischen Studentengruppen, und ihr Vorsitzender Kurt Berlowitz übernahm den Vorsitz im DStV, und sie erhielten noch einen weiteren Sitz mit Gerhard Geisler aus Leipzig. Die sehr aktive sozialistische Studentengruppe dort galt als ziemlich linksstehend. Geissler hatte ein sehr starkes Verhältnis zu den Aufgaben der studentischen Selbstverwaltung, die im Studentenverband auch sein Ressort wurden. Einer wichtigen Entwicklung mußte bei der Vorstandsumbildung Ausdruck gegeben werden:

Der Verband der Zentrumsstudenten hatte beschlossen. dem Deutschen Studentenverband beizutreten, ihr Vorsitzender Felix Raddatz kam in den Vorstand. Er wurde ein wirklicher Eckpfeiler der republikanischen Studentenorganisation, und ich habe ihn sehr geschätzt. Die Zentrumsstudenten standen in ihrer Partei verhältismäßig links, ganz anders als die katholischen Korporationen CV und KV, die nur sehr langsam ihre Verbindung zur Deutschen Studentenschaft lösten. Felix Raddatz, etwas älteren Semesters, war mit dem katholischen Sozialfürsorgewerk des Dr. Sonnenschein verbunden gewesen. Je ein Sitz sollte den Demokraten und den freiheitlichen Korporationen zukommen. Die Demokraten waren bereit, den in Auslandsbeziehungen und fremden Sprachen besonders erfahrenen Joachim Joesten, ein Mitglied des Demokratischen Studentenbunds Berlin, in den Vorstand zu entsenden, wo er dann ein Auslandsamt des Deutschen Studentenverbands aufbauen sollte und das auch sehr erfolgreich tat. Er machte es aber zur Bedingung, daß er sich nicht mit Vertretung der Interessen der Demokraten den anderen Mitgliedsorganisationen gegenüber und auch mit allgemeinen hochschulpolitischen Fragen nicht befassen muß. Er hatte ja auch in der demokratischen Studentenorganisation nie eine Stellung bekleidet oder sich mit solchen Sachen beschäftigt.

Dem sollte damit abgeholfen werden, daß ich als Mitglied der FWV Vertreter der freiheitlichen Verbindungen werde und dabei dann auch die spezifischen Interessen des Reichsbundes Demokratischer Studenten wahrnehmen würde, dessen größte Ortsgruppe, die Berliner, ich ja für ein Jahr grade geleitet hatte. Von den freiheitlichen Verbindungen war außer der FWV hauptsächlich der KC im Deutschen Studentenverband tätig und im Hauptausschuß vertreten und stimmte gegen meine Wahl in den Vorstand (20).

Mein Vorstandsamt im Deutschen Studentenverband lief nur vom Frühjahr 1929 bis wir dann den 1.Republikanischen Studententag im Januar 1930 veranstalteten. Es war eine erfüllte und aufregende Zeit für mich, in sehr guter Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandsmitgliedern. Ich hatte, was wir das "Innenamt" nannten, den Kontakt mit allen Ortsgruppen an den verschiedenen Hochschulen, und den Kreisleitern und ­Ausschüssen, in denen sie zusammengefaßt wurden. Es gab in diesen Kreis­ und Ortsgruppenführungen starke und eindrucksvolle junge Persönlichkeiten, zum Teil schon durch Hauptausschußitzungen des Verbandes in Berlin bekannt, der Kontakt von Berlin wurde durch häufige Rundschreiben aufrecht erhalten, Kreistage wurden veranstaltet und besucht (21).

Im DStV wurden auch die entsprechenden österreichischen Studentengruppen Mitglieder. Besonders die Sozialistische Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien selbstverständlich, daß die republikanischen Studenten sich auch auf großdeutscher Basis organisieren würden, wie es die Deutsche Studentenschaft war. Ähnliche Gruppen an den deutschen Hochschulen in Prag und Brünn sollten auch in den Deutschen Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, daß er sich dieser außerhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewußt war und von seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Lösungen dazu entwickeln wollte.

So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert. Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden gemeinsam mit den "Lese­ und Redehallen der Deutschen Studenten" von Prag und Brünn ab (22). Das waren schon alte Institutionen freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen Prager Kulturszene verwandt. Dazu kamen noch sozialistische Vertreter. Unsere Tagung, stark besucht und recht repräsentativ im Weißen Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit für eine lebendige Eingliederung der Prager und Brünner Gruppen und war auf dem Programm unseres Vorstands. Für mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).

Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut vor, und sie stärkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Strömungen für Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab. Von dieser wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation für die studentische Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit für engeren Kontakt mit führenden Leuten im Studentenwerk(24).

Danach kam Pfingsten, immer eine schöne Zeit für politische Jugend­ und Studententagungen. Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung in Worms als ein deutsch­französisches Jugendtreffen mit der Jugendorganisation der französischen Radikalsozialistischen Partei Herriots. Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf französischer Seite entsprach dem die "Ligue d'Action…"unter Führung von Pierre Mendès­France. Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter über die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.

Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel, besuchen. Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er führte auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch aktiv beim VDA in Kiel. Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel. Meine vorjährige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck gemacht. Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag des bekannten Berliner Historikers Pflug­Hartung und mit Kammermusikumrahmung. Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v. Molo über "Dichtkunst und Volkstum". Da hatte sich doch das Blatt etwas gewendet.