Es war eben die Zeit, als die Regierung der Großen Koalition noch intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Stärke zu gewinnen schien. Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker Sozialist, kam. Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und die ihm dort zugedachte Rolle zu übernehmen. Müllerburg bat mich, meine Pläne für Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen, unser Studententag würde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen. Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden. Wir verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein muß, würde er ein Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun, das zu vermeiden. So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten sich im Gästebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl republikanischer Studenten beisammen. Es gab einen Republikanischen Akademikerklub in Kiel, der für uns einen Begrüßungsabend veranstaltete, ich mußte über den Deutschen Studentenverband sprechen.

Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel: Baumgarten, Schücking, Tönnies, Kantorowicz u.a. Die VDA Tagung ließ sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz, darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und natürlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte. Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Mißton. Wir saßen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. Pflug­Hartung seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik gerichtete Äußerung nach der anderen von ihm zu hören war. Es wurde immer ungemütlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem Ärmel, wir guckten uns alle an, und schließlich beschloß ich, aufzustehen und den Saal zu verlassen. So taten acht bis zehn von uns hinter mir, wie wir da herausdefilierten. Das war eigentlich schade, die Form der Veranstaltung gut gedacht, der für den Abend geplante Vortrag Walter v. Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfällig war Pflug­ Hartung geworden.

Am Samstagabend kam Müllerburgs Telegram, das mich um Hilfe für Montagmorgen in Worms bat. Ich nahm es mit sehr gemischten Gefühlen auf. Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren, Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die Festwiese. Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem früheren Reichsinnenminister Külz, der sich auch für den VDA interessierte, am Rande der Festwiese. Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort mit den beiden, aber vor dem Ende mußte ich gehen, um meinen Zug nach Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklären wollte. Am nächsten Morgen war ich in Worms.

Der Jungdemokratentag war auch ein fröhliches Treiben, aber ich mußte sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht große Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele wiederzusehen oder kennenzulernen. Es sind mir viele in guter Erinnerung geblieben, Hamburg, München, Marburg, Köln. Es war ganz klar, sie wollten wirklich über den Deutschen Studentenverband sprechen und hatten was zu sagen. Zum Schluß wurde ich zum stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen Studenten gewählt. Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an einer Zusammenkunft mit den französischen radikal­sozialistischen Studenten über Pläne für weitere Zusammenarbeit. Ich saß Pierre Mendès­France gegenüber.

Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend­ und der Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch später in der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Köln. Die Rheinfahrt von Mainz nach Königswinter war wirklich schön. Als stärkste Persönlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lüth in Erinnerung geblieben, von großer Vitalität, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht. Mit Hans Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Göttingen, der "junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernführer und dort Ministerpräsident war. Der Sohn war ein sehr begeisteter und ungestümer Kämpfer für die republikanische Sache, repräsentierte die Demokraten und den DStV in Göttingen.

Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin über die Göttinger Universität, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die es weiter zuließen, daß die Deutsche Studentenschaft mit ihren Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat. Zu meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehörte laufender Kontakt mit dem preußischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist, auch in solchen Fragen. Der Kurator hatte Leist gegenüber alle Anschuldigungen Tantzens zurückgewiesen und ihn als einen Krakehler bezeichnet. Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm berichten. Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der Rheinfahrt überredete er mich, nach der Kölner Kreistagung auf dem Rückweg nach Berlin mit ihm über Göttingen zu fahren. Meine kurze Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund Karl­Heinz Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Göttingen weiter Jura studierte. Er war oft bei Göpperts, leider war Maria Göppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit Karl­Heinz zum Tee ein. Zurück in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist über die Göttinger Anschlagbretter. Er wollte veranlassen, daß der Geheimrat Schultz seines Postens als Kurator der Universität enthoben würde. So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften Sommersemester 1929.

Die Aktivitäten des DStV entfalteten sich gut, überall im Reich wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli 1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus. In unserem Büro lernte ich viele der jungen sich bei den Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum, damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf Küstermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.

Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und Übungen an der Universität und Handelshochschule gehörten, führte mich mein Weg ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser DStV Büro in der Albrechtstraße gegenüber dem Schiffbauerdamm. Dazu kam noch die Preußische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee Schön (Unter den Linden). Mein Nachfolger im Demokratischen Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung für menschliche Kontakte. Es hatte sich ein regelmäßiger Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schön gebildet, er war der eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung. Die Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwölf schwanken; es fing mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmäßig Veteranen wie Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, später bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr katholisch, auch bei einer ausländischen Zeitung.

Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen Studentenbund der Staatssekretär im preußischen Innenministerium Dr. Abegg gehört, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch ausgesprochener. Er war in vielem ein wichtiger Mentor. Das Reichsbanner Schwarz­Rot­Gold hatte im politischen Leben Deutschlands eine immer stärkere Bedeutung bekommen. Stoßtrupps von Nationalsozialisten und Kommunisten spielten eine zunehmende Rolle im politischen Kampf. Das Reichsbanner sollte eine Schutzbewegung dagegen sein, und Studenten waren auch beteiligt. Der auch zum VDST gehörige Republikanische Studentenbund von Prinz Hubertus Löwenstein und Walter Kolb hatte Pfingsten 1929 eine Wartburgtagung gemeinsam mit dem Reichsbanner abgehalten und ein süddeutscher Kreistag des DStV wurde anläßlich einer Reichsbannertagung abgehalten.

Am 28.Juni 1929 war der 10.Jahrestag der Unterzeichnung des
Versailler Friedensvertrags. Die Reichsregierung, in delikaten
Verhandlungen mit den Alliierten über eine bessere Regelung der
Reparationsfrage durch den Young­Vertrag verwickelt, hatte sich jede
Demonstrationen aus diesem Anlaß verbeten, aber die Deutsche
Studentenschaft rief zu solchen Demonstrationen an den Universitäten
auf, und es gab an der Universität Berlin die ersten gewalttätigen
Zwischenfälle. War es zulässig, daß die Polizei eingriff, trotz der
Autonomie der Hochschulen, auf der der Chirurg Dr. His als Rektor
bestand, und sich damit dem Vorwurf antirepublikanischer Haltung
aussetzte? Auf der anderen Seite war Dr. Abegg, dem die preußische
Polizei unterstand, als eines der stärksten Instrumente der Weimarer
Republik angesehen.