Am 15.Juli fand in Kiel die regelmäßig veranstaltete Norddeutsche Woche statt. Die Deutsche Studentenschaft war immer sehr prominent dabei gewesen, auch bei den Sportveranstaltungen, und diesmal wurde der DStV auch eingeladen. Kurt Berlowitz und ich sollten dorthin fahren. Gleichzeitig sollte dann dort der Norddeutsche Kreistag des DStV stattfinden.

Als wir bei einem Besuch bei Staatssekretär Abegg unsere Reise erwähnten, stellte sich heraus, daß sein Bruder Regierungspräsident in Schleswig­Holstein war und sozusagen der Gastgeber der Tagung. Wir sollten uns bei ihm melden, ja er wollte veranlassen, daß sein Auto uns am Bahnhof abholt. So kam es dann auch, eigentlich etwas zu viel. Die Teilnahme an der Tagung war ja eine rein repräsentative Sache, aber der Kreistag war gut, außer Hamburg und Kiel hatten wir auch in Greifswald und Rostock sehr lebhafte Gruppen, und das Haus Spiegel war wieder sehr gastlich.

Auf der Rückreise standen wir im Zugkorridor nahe dem Berliner Rektor His, der Berlowitz erkannte und uns in ein langes Gespräch verwickelte, von Politik und Hochschule über Probleme der heutigen Jugend, Weltanschauung und Religion. Es bezeugte seine tiefe Menschlichkeit, konnte aber nicht verhindern, daß man bei neuen Studenten Unruhen in kommenden Monaten entgegengesetzter Meinung über Schutz für rechtsradikale Auschreitungen durch eine Hochschulautonomie war. Gerade weil diese Studentenausschreitungen in den Rahmen zunehmender Gewalttätigkeit der Stoßtrupps der radikalen Parteien zu kommen schienen, durften sie nicht allein gelassen werden.

Noch aber schien die Republik auf recht festen Füßen zu stehen. Zu ihrem 10.Jahrestag am 11.August 1929 fanden große Feiern statt. Wir gingen alle in das Stadium zum offiziellen Festakt, das Reichsbanner trat in Stärke auf, es gab keine Störungen. Beim Rückweg im Tiergarten zwischen Zelten und Brandenburger Tor sahen wir Carl Severing, den Reichsinnenminister, vor uns, es war ein lebhafter Betrieb festlich gestimmter Mengen, weit und breit war kein Schutz oder Bewachung für ihn zu sehen. Wir dachten, wo könnte man das sonst so sehen, es schien doch gut um die Republik bestellt. Aber das Hochgefühl dieses Tages blieb mir als Episode eben so in Erinnerung, weil es doch schon zu dieser Zeit, kaum ein Jahr nach den Wahlen in Mai 1928 so viel stärkere Anzeichen fortwährender Bedrohung der Republik gab, die ich selbst auch zu spüren bekam.

Ich wohnte schon für die Ferienpraxis in Reinickendorf, im Norden Berlins. Die Belegschaft war ganz anders als auf dem Bau im Vorjahr, hauptsächlich junge Lehrlinge oder Praktikanten wie ich, und es war nicht nur das sondern auch das Jahr, das vergangen war. Es gab unter den jungen Leuten Gruppen von Nationalsozialisten und Kommunisten und dauernd Spannungen. Von den kursleitenden zwei Werkmeistern war einer deutlich in Sympathie mit seinen Nazischülern. Die standen ja schon unter enormem emotionellem Auftrieb und das geisterte durch die Werkräume. Gott sei Dank war das Arbeitsklima in der Gießerei Jachmann, in der ich abschloß, noch normaler, Arbeiter und Angestellte aller Altersklassen, Spannungen zwischen etwaigen Nazis und Kommunisten kaum zu merken. Ich war aber froh, als ich wieder nach Charlottenburg ziehen konnte.

Die nationalsozialistische Studentengruppe an unserer TH war sehr gewachsen, trat ungeheuer aggressiv gegen jeden auf, es war an der TH besonders stark und rapide; in dem fanatischen, von Haß platzenden Hammersen hatten sie einen rasanten Führer. Er stand dem Dr. von Leers nahe, gehörte also zu den Radikalsten unter den Nazis. Die Mehrheit der rechtsgerichteten Großdeutschen Studentenschaft war noch immer durch die Korporationen des Waffenrings vertreten, aber die Nationalsozialisten bauten eine eigene Studentenorganisation auf. Die Korporationen hatten Schwierigkeiten, ein Teil ihrer Mitglieder wurden Nazianhänger.

Im Ausschuß der Wirtschaftshilfe, damals vom Chemiker Dr. Pschorr sehr unparteiisch präsidiert, saßen Korporarionsstudenten als Vertreter der Großdeutschen Studentenschaft, die Zusammenarbeit war sachlich. Es wurden aber von Zeit zu Zeit Vollversammlungen aller Studenten abgehalten, und Hammersen benutzte das für die Nationalsozialisten, um ganz radikale Anträge zu stellen. Ich stellte sofort Antrag auf Ablehnung, er wetterte gegen den "Juden Grünfeld", Geheimrat Pschorr entzog ihm schließlich das Wort. Die Anhänger der Großdeutschen Studentenschaft waren gespalten, ihre gemäßigteren Korporationen stimmten für Ablehnung. Sollte das eine neue Entwicklung werden?

In Leopold Schwarzschild's "Das Tagebuch" drängte der demokratische Politiker Dr. F.Friedensburg auf energischeren Kampf gegen die Republikfeindlichkeit der Studenten, und sah die Hauptursache in den Korporationen. Am 31.Oktober sprach er auf einem Diskussionsabend, der dafür vom Deutschen Republikanischen Reichsbund und der republikanischen Alt­Akademikervereinigung "Der Bund" in dem Demokratischen Klub einberufen wurde. Es sprachen in lebhafter Diskussion u.a. Kultusminister Bekker, manche andere Prominente und für die Studenten Kurt Berlowitz. Daher meldete ich mich nicht zum Wort, aber als uns nachher Leopold Schwarzschild um sich versammelte, um zu fragen, was nun gegen die Korporationen getan werden sollte, da wies ich auf meine Erfahrung an der TH Charlottenburg hin, wo sich als die gefährlichsten Hauptgegner der Republik bereits die organisierten Nationalsozialisten profiliert hatten, daß also von meiner Sicht her die größere Gefahr nun von Hitlers Bewegung kam, die auch in manchen Korporationen als Bedrohung von außen empfunden wurde. Das hieß nicht, daß ich nicht auch in Zukunft gegen die schlechten Einflüsse der Korporationen sprach oder schrieb, ja ich sollte sogar wegen solcher Äußerungen noch bald einem speziellen Boykott durch meine Schulkameraden ausgesetzt sein, aber die politische Entwicklung hatte ich von meiner zugespitzten Erfahrung an der TH her schon damals richtiger gesehen als die anderen Teilnehmer an der Diskussion.

Am 3.Oktober war Stresemann gestorben. Ich erinnere mich deutlich an das Gefühl des Verlusts und auch einer deutlichen Gefährdung der Republik, denn es war zu diesem Zeitpunkt er, der die Große Koalition zusammen zu halten schien. Nach Locarno und Briand­Kellog Pakt führte die Verständigungspolitik zum Abkommen über den Young Plan für die Abwicklung der Reparationen, eine Erleichterung gegenüber früheren Reglungen, aber doch neuerliche Festschreibung einer gewaltigen Last. Die Zustimmung zum Young­Plan durch Stresemann auf einer ersten Haager Konferenz im August 1929 war die logische und unausweichliche Kulmination der durch Locarno eingeleiteten Verständigungspolitik, ein Schlüsselpunkt in der Politik der republikanischen Parteien, einschließlich Stresemanns Deutscher Volkspartei. Man darf nicht vergessen, das Rheinland war noch von alliierten Truppen besetzt. Rheinlandräumung und Annahme des Youngplans hingen zusammen.

Zu den deutschen Sachverständigen, die zur Abfassung des Planes zugezogen wurden, gehörte auch der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht, und er wandte sich plötzlich gegen die Annahme des Plans.