Die Deutschnationale Partei Hugenbergs leitete ein Volksbegehren gegen die Annahme des Youngplans ein, und die Nationalsozialisten schlossen sich an. Es trug dazu bei, ihnen entscheidenden Auftrieb zu geben. Wo sie im Mai 1928 noch mit 12 Mandaten gegen 73 Mandate der Deutschnationalen in den Reichstag gezogen waren, wurden sie nun, schon durch die Vehemenz ihrer Propaganda, gleich lautstarke Partner auf der Rechten. Das Referendum am 22.Dezember 1929 ging aber für Annahme des Youngplans aus, die Republik hatte nochmals gewonnen. In einigen Kommunal und Landtagswahlen aber zeigten sich bald beunruhigende Gewinne für die Nationalsozialisten. Zu den Erinnerungen an diese turbulenten ausgehenden Monate des Jahres 1929 gehören natürlich auch die ersten Nachrichten aus New York über Börsenkrach und beginnende schwere amerikanische Wirtschaftskrise. In Deutschland wurde man sich bald der ernsten Bedeutung, die das haben würde, bewußt. Noch aber bestand, durch den Ausgang des Youngplan Referendums bestärkt, starke Zuversicht für die Sache der Weimarer Republik, und der DStV bereitete seinen 2. Studententag für Anfang Januar 1930 vor.
Für den Hauptfestakt suchten wir je einen Redner der drei Parteien oder jedenfalls der politischen Richtungen, die sie für uns repräsentierten. Als Redner für die demokratische Richtung wurde der Historiker Friedrich Meinecke vorgeschlagen. Berlowitz wollte das Privileg, ihn um seinen Vortrag zu bitten, ich ging in den Reichstag zum Prälaten Dr. Schreiber und Felix Raddatz sah den Sozialdemokratischen Staatsrechtler Heller.
Vor dem Studententag fuhr ich für Weihnachten und Sylvester nach Hause. Als ganz persönliche Erinnerung: ich wollte gleich danach wegfahren für die Vorbereitungen zum Studententag, da brach ein Sturm los. Mein Vater beklagte sich, daß mein Studium zu kurz kommt, und wozu das alles gut sei, zum Beispiel in Kiel bei der VDA Tagung hätte ich bloß die Aktentasche von Herrn Külz getragen. Er mußte sich sehr geärgert haben, was unsere Freundin Rosa Speier glaubte, in Kiel gesehen zu haben, und meinen Eltern erzählt hatte. Das Bild da am Rande der Festwiese kam mir wieder in Erinnerung. "Aber es war doch meine Aktentasche.." sagte ich und mußte den Zusammenhang mit der frühen Abreise nach Worms erklären. Die Erwähnung von Worms machte die Lage nur wenig besser. Meine Eltern hatten damals tagelang nicht gewußt, wo ich eigentlich bin. Schließlich sprach Vater noch ein ernstes Wort, ich täte jetzt viel zu viel in meinem Alter, verausgabe mich, und dann würde ich später viel weniger Erfolg haben. Daran habe ich oft gedacht. Wir einigten uns auf einen mittleren Abreisetermin.
Von den zum republikanischen Studententag sich versammelnden demokratischen Delegierten wurde vorher eine Tagung des Reichsbunds demokratischer Studenten abgehalten. Wolfram Müllerburg wollte dafür als Hauptredner neue, nicht so parteipolitisch abgestempelte Namen, und damit vielleicht neues Blut und Ideen zeigen. Es kamen Alfred Weber aus Heidelberg und Heinrich Simon, Herausgeber der Frankfurter Zeitung. Hier war also ein Versuch der Neuerung aus der liberalen Mitte heraus. Ich fand mich auf der Abendveranstaltung, auf der sie sprachen, zwischen den beiden sitzend, die Tagung verlief in Begeisterung und Kampfstimmung.
Auf der DStV Tagung mußte ein neuer Vorstand gewählt werden. Studenten konnten ja solche Ämter nie lange wahrnehmen, Berlowitz wollte ins Referendar, ich im Juni ins Vorexamen an der TH gehen, Raddatz war schon berufstätig. Als neuen demokratischen Vertreter wollte ich unbedingt Helmuth Eichler aus Dresden gewählt haben, sehr energisch und mit Durchschlagskraft, eher leicht rechts von der Mitte und mit gutem Kontakt mit gemäßigt rechten Gruppen auch im Deutschen Studentenwerk in Dresden, dessen Direktor Dr. Schairer auch als Gast bei einigen Veranstaltungen der DStV Tagung teilnahm. Diese Kreise schienen gerade auf dem Weg, sich mit der Republik besser zu befreunden. Trotzdem viele links von Eichler standen, fand der Vorschlag beim demokratischen Studententag Zustimmung, und ich wurde beauftragt, den Vorschlag auf der DStV Tagung mit Bestimmtheit zu vertreten. Man wußte schon, daß es gegen Eichlers Wahl bei den Sozialisten Widerstand gab.
Der DStV republikanische Studententag wurde dann eine starke
Kundgebung von gemeinsamer Einsatzbereitschaft und Kampfstimmung.
Der äußere Rahmen war anspruchsvoll aufgezogen (25). Am Vorabend gab
Minister Becker einen Empfang im Preußischen Kultusministerium, zu
der Eröffnung der Tagung am 10.Januar kam der Reichsinnenminister
Severing. Am Abend gab uns die Vereinigung freiheitlicher Akademiker
"Der Bund" einen vom demokratischen Abgeordneten Dr. Bohnert (26)
geleiteten Empfang im Preußischen Landtag, wo der Reichskanzler
Hermann Müller sprach. Die Akademische Kundgebung mit den Reden von
Meinecke (Geschichte, Staat und Gegenwart), Hermann Heller (Die
Bedeutung der gesellschaftlichwissenschaftlichen Auffassung in allen
Geisteswissenschaften) und Prälat Schreiber (Die politische Bedeutung
des Auslandsdeutschtums) fand auch gute Beachtung.
Bei der folgenden Schlußsitzung nominierte ich Eichler für den demokratischen Vorstandsposten, es gab heftige Meinungsverschiedenheiten, ein zunehmendes Patt. Ein Freund sagte mir nachher, daß ich trotz kompromißlosem Bestehen auf unserem Antrag durch die Art meiner Reden es verstanden hätte, die Wogen zu glätten, statt sie weiter aufzurühren. Ich habe mich im späteren Leben oft an diese Wertung erinnert. Es überzeugte jedenfalls den Zentrumskollegen Felix Raddatz, der die Sozialisten zum Einlenken bewegte.
Ein Nachwort zum Studententag von Werner Mahrholz "Aufbruch zur Fahrt" (27) enthielt auch kritische Töne. Er bejahte den Erfolg in der Suche nach einem unmittelbaren Aktionsprogramm, auch mit einigen Ideen für eine Hochschulreform, aber war kritisch, daß der Studententag eine Wiederherstellung studentischer Selbstverwaltung erst sich vorstellen konnte, wenn "das Bekenntnis zur Republik für die überwiegende Mehrheit der Studenten selbstverständlich ist", und daß zunächst auch die Wirtschaftshilfe als staatliche Organisation auszubauen sei. Das scheint ihm zu viel Hang zum 'Gouvernmentalismus'…man erwartet viel, ja alles vom Vater Staat, und man verläßt sich doch, trotz allen Minderheitscharakter des jetzigen Deutschen Studentenverbandes, zu wenig auf die eigene Kraft".
Das linke Argument dagegen war, die Volksmehrheit hatte sich besonders 1928 eindeutig für die Republik entschieden, es durfte keine studentischen Parlamente geben, die von der klassenmäßig verschiedenen Zusammensetzung der Studentenschaft her staatsfeindlich sein würden. Ich war damals, wie Mahrholz, auch für eine positivere Einstellung zu den Führern, die von gemäßigteren Leuten der Studentenschaft kamen, eine Selbstverwaltung mit für die republikanischen Parteien annehmbarer Verfassung zu planen. Mein Bestehen auf der Wahl Eichlers hatte damit zu tun. Man mußte versuchen, die Schichten auf der gemäßigten Rechten zu erreichen, von denen man vielleicht kein "Bekenntnis zur Republik", aber die Bereitschaft, mit der Republik als selbstverständlich zu leben, im Laufe der Zeit erwarten konnte. Als die Republik 1928 stark war, gab es schon Zeichen solcher Entwicklung im politischen Leben. Der Monarchismus, ursprünglich Hauptquelle der Gegnerschaft gegen die Republik verblaßte, wenn auch nicht im Militär, doch in Bürgerschaft und Jugend. Auch wenn man schon die nationalsozialistische Drohung sah, daß dies wirklich Hitlers Ernte werden würde, schien nicht vorbestimmt. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Auseinanderfallen der Großen Koalition standen noch bevor.
Eichler war also gewählt worden. Als mein eigentlicher Nachfolger im Vorstand des DStV, nämlich als Vertreter der freien Verbindungen, wurde der Mediziner und FWVer Kurt Lange gewählt, der eine lange Erfahrung in hochschulpolitischer Arbeit noch aus der Zeit der alten Selbstverwaltung an der Universität Berlin hatte. Die anderen drei neuen Vorstandsmitglieder, die Sozialisten Heinrich Kaun (Vorsitz), Martin Böttcher und Zentrumsmann Mielnickel erschienen mir damals, als wenn sie zu einer jüngeren Generation gehörten. Ich wurde gebeten, von Heinz Ollendorf die Herausgeberschaft unserer Zeitschrift "Student & Hochschule" zu übernehmen, was auch zur Kontinuität der Vorstandsarbeit beitragen sollte. Das schien zeitlich kaum so eine schwere Belastung, und ich nahm es gern an. Man gehörte zu den etwas älteren Semestern in der Hochschulpolitik, und es ergaben sich neben den Vorbereitungen zum Examen und der Herausgeberschaft der DStV Zeitschrift noch andere interessante Aufgaben.