Bald nach unserem Studententag fanden zwei sehr aktuell scheinende Vortragsabende im Demokratischen Studentenbund unter Robert Hess statt. Erst kam Hans Zehrer, dann Gustav Stolper, Herausgeber der sehr erfolgreich und angesehen gewordenen Wochenschrift "Der deutsche Volkswirt", verantwortlich für ein neues Wirtschaftsprogramm der Demokraten (28) und einer ihrer prominenten Reichstagsabgeordneten. Der außenpolitische Redakteur der "Vossischen Zeitung" Hans Zehrer war im Oktober 1929 in der Zeitschrift "Die Tat" als Wortführer einer neuen Bewegung der politischen Mitte hervorgetreten, mit sehr unherkömmlichen Akzenten und starkem Abstand vom Parteienspektrum. Für die Dezemberausgabe 1929 von "Student und Hochschule" hatten wir programmatische Beiträge von den verschiedenen im DStV zusammenarbeitenden Richtungen gesucht. Ich suchte einen für die Demokraten, also die politische Mitte, und wurde mit der Frage überrascht, warum nehmen Sie nicht Hans Zehrer, er will ja für die junge Mitte sprechen. Mich hatte an seinem Artikel in der Tat manches beeindruckt, hatte ihn nie kennengelernt, aber kannte mich ja in der Vossischen Zeitung aus, erklärte ihm, worum es uns ging, und er gab mir dann seinen Artikel "Die Ideologie der Studenten" (29).
Als Zehrer nun Anfang 1930 im Demokratischen Studentenbund sprach, war er noch ganz im Vordergrund in der Tat, spätere enfants terribles wie Ferdinand Fried oder Giselher Wirsing hatten sich noch nicht profiliert. Zehrer gab eine gute Präsentation seiner Ideen, vieles sehr erstaunlich, manches zum Nachdenken. Als heftigster Opponent gegen seine Angriffe auf das liberale Gedankengut in Politik und Wirtschaft trat Rudolf Olden hervor, der auf die nächste Veranstaltung, den Vortrag seines Freundes Gustav Stolper hinwies, dem man vertrauen könne, Hans Zehrer endgültig ad absurdum zu führen. Es meldete sich auch ein junger intellektueller Typ von gutem Auftreten und Benehmen, der sich aber als Nationalsozialist vorstellte und voraussagte, daß Hans Zehrer sich ihnen bald anschließen würde. An diese Voraussage habe ich in den nächsten drei Jahren oft denken müssen.
Für den Vortrag von Gustav Stolper bat mich Robert Hess, in der Diskussion den Standpunkt der demokratischen Studenten zu vertreten. Das war natürlich nicht so gemeint, daß dieser in Richtung von Hans Zehrers Ideen in der "Tat" ging, gemeint waren die alten Gegensätze in Betonung und Zielen zwischen linken und rechten Flügeln der Partei, Jungdemokraten und Parteizentrale, Erkelenz und Hermann Fischer. Gustav Stolpers Ideen und ein neues Wirtschaftsprogramm luden zu neuer Stellungnahme ein. Ich wollte dieses Mandat nicht annehmen, sagte aber zu an der Diskussion teilzunehmen. Es war ein schwieriges Thema, keineswegs war einem die Lage klar, Spannung zwischen marktwirtschaftlichen und sozialpolitischen Geboten beherrscht ja auch heute noch die theoretische und politische Diskussion.
Gustav Stolper kam mit dem ihm sehr befreundeten Theodor Heuss (30), beide mit ihren Frauen, da war also auch Elli HeussKnapp. Gustav Stolper kam also in sehr guter Gesellschaft und vertrat sein marktwirtschaftlich orientiertes Programm auch für Zeiten einer Krise mit großem Elan für sozialpolitische Belange, ein Ausblick die Krönung des Wohlstands der Arbeiterschaft durch weite Streuung des Aktienbesitzes. Kaum hatte er geschlossen, erteilte Robert Hess mir das Wort. Das war nicht so verabredet, ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, konnte einige sachbezogene in diese Richtung gehende Kommentare geben und Fragen an den Redner stellen, aber die beschwingte Phillipika gegen ihn von linksdemokratischer Seite, die kam nicht von mir, dafür aber dann von Dr. Bruno Ravecker, Geschäftsführer des Arbeitnehmerausschusses der Partei, der eine Broschüre über "Wirtschaftsdemokratie" veröffentlicht hatte (31). Gustav Stolper hatte sich zwar ausdrücklich gegen die "Tabuisierung" dieses Begriffes durch den rechten Flügel der Partei unter Hermann Fischer gewandt, aber für Dr. Ravecker, in der demokratischen Gewerkschaftsbewegung prominent, gab es da noch immer einen großen Graben. Es war eine gute Lehre: die Mitte, wenn man ihr verhaftet ist, bleibt ein schwieriger politscher Standort.
In der deutschen Innenpolitik war Anlaß zu Sorge über die Zukunft der politischen Mitte. Deren Parteien hatten entscheidende Stimmeinbußen erlitten in Zwischenwahlen, in denen neben links und rechtsradikalen auch neuentstandene Splitterparteien der Mitte die Statur besonders der Demokraten reduziert hatten. Schon seit langem war das Gebot einer Konsolidation der Kräfte der Mitte, Zusammenschlusses wenigstens von Demokraten und Volkspartei immer wieder unter Diskussion, aber an Widerständen in beiden Parteien gescheitert. In der Deutschen Volkspartei gehörten die Hochschulgruppen zu den Aufgeschlossenen und Fortschrittlichen, die gerade damals im Januar 1930 für solche Bestrebungen sehr offen waren.
Aus Unterhaltungen, an denen ich sehr aktiv teilnahm, ergab sich die Idee, daß wir Studenten eine Initiative ergreifen und mit gutem Beispiel vorangehen sollten, und anstelle der Verhandlungen der Parteipersönlichkeiten hinter den Kulissen, unter den Studenten eine öffentliche Parole setzen sollten. Wir bildeten eine lose Gruppe, nannten es "Arbeitsring der politischen Mitte" und luden zu einer Kundgebung gleichgesinnter Studenten ein (32). Der Raum war voll, die Stimmung sehr ernst. Dazu war aller Grund.
Die Weltwirtschaftskrise traf zunehmend die deutsche Wirtschaft, die Arbeitslosenzahl betrug schon 2.5 Millionen, die finanziellen Lasten ihrer Unterstützung verlangte Steuererhöhungen, auf die sich die Parteien der Großen Koalition nicht einigen konnten. Es gab das lähmende Gefühl einer möglichen Regierungskrise, die zu einer Krise des parlamentarischen Parteienstaats werden könnte. Unsere Versammlung schien ein Erfolg, und eine größere sollte für März vorbereitet werden mit einem prominenten, allen Beteiligten genehmen Redner. Ich schlug Dr. Hellpach vor, er war demokratischer Reichstagsabgeordeter, aber hatte eine sehr unabhängige Haltung, alle Veranstalter stimmten zu und ich übernahm, ihn dafür zu gewinnen. Ich schrieb ihm nach Heidelberg, und er gab mir das Datum seines nächsten Reichstagsbesuchs in Berlin, an dem ich mich dort bei ihm morgens melden sollte. Er war sehr begeistert über unseren Vorschlag und verwickelte mich in längere Unterhaltung über die Lage und Zukunft, ich wollte eigentlich schon gehen, aber er hielt mich bis zur Mittagstunde dort in der Wandelhalle des Reichstags. Datum und Thema waren nun verabredet.
Einige Tage später brachten die Zeitungen die Nachricht, daß er sein Reichstagsmandat niedergelegt hatte, aber im Vorstand der demokratischen Partei bleiben würde. Er hatte mir nichts darüber gesagt, als er seine Beteiligung an unserer Versammlung des Arbeitsrings der politischen Mitte zusagte. Aber eine der Begründungen war jetzt, daß er für eine Einigung der politischen Mitte arbeiten wollte (33).
Die Versammlung war gut besucht, zu beiden unserer Versammlungen kamen viele, die nicht Mitglieder der beteiligten politischen Gruppen waren, wo also das Thema "politische Mitte" ein Anreiz zur Sammlung zu sein schien, und das war ja die Idee. Nach dem Vortrag kam man noch zu einem Glas Bier zusammen, gekommen waren auch, ich hatte meinen Augen kaum getraut, Hermann Pröbst und Kurt Kersten, beide immer noch aktiv in der Führung der Deutschen Studentenschaft. Die beiden hatten seinerzeit die scharfe Erklärung der Deutschen Studentenschaft gegen die Gründung des DStV unterzeichnet, nun kamen sie beide zu einer maßgeblich von mir mitveranstalteten Versammlung. Hermann Pröbst hatte ich ja auf meiner langen Bahnfahrt nach Gmunden Pfingsten 1928 kennengelernt. Wir kamen auch nun wieder ins Gespräch. Es war mir nicht klar, wo der Hauptantrieb für ihren Besuch lag. Sie gehörten zu denen in der Deutschen Studentenschaft, die für neue Bemühungen um Wiederherstellung einer studentischen Selbstverwaltung selbst unter Aufgabe gewisser rechtsradikaler Bedingungen standen und schon daher an Kontakten mit der Mitte interessiert. Aber es war doch wohl auch eine mehr politische Note dabei. So wie meine Erinnerung an Proebst war, schien mir das schon plausibel. In der Deutschen Studentenschaft und den Korporationen gab es ja schon scharfe Konflikte mit den totalen Herrschafts und Gleichschaltungszielen des Nationalsozialistischen Studentenbunds und seiner von außen her kommenden radikalen Führungsschicht. Die Anderen mußten oft das Gefühl bekommen, daß sie mit dem Rücken gegen die Wand standen (34).
Wenige Tage später änderte sich die Lage der Weimarer Republik entscheidend. Die Regierung der Großen Koalition konnte sich nicht über die Finanzpolitik einigen und trat zurück. Die Demokraten waren entsetzt über diese Entwicklung (35). Spätere Beurteilung sieht den neuen Reichskanzler und Zentrumsführer Heinrich Brüning, obgleich den Christlichen Gewerkschaften nahestehend, doch auch rechtsgerichteten Einflüssen in seiner Partei und auch vom Reichspräsidenten und dem General v.Schleicher kommend, ausgesetzt mit dem Ziel einer Regierung ohne Sozialdemokraten. Bei diesen wird dem Arbeitsminister Wissell zugeschrieben, daß kein Kompromiß zustande kam, für das der Reichskanzler Müller gewesen wäre, gegen das aber auch in der Deutschen Volkspartei von Schwerindustrie und nationalistischem Flügel her starke Kräfte arbeiteten. So war Unvernunft weit verteilt und die Weimarer Republik begann ihre tragische Talfahrt.