Die Zentrumspartei blieb aber zusammen mit ihren Partnern der
Weimarer Koalition in der preußischen Regierung Otto Brauns und
unsere Freunde bei den Zentrumsstudenten mit uns weiter im Deutschen
Studentenverband.
Da die Regierung Brüning keine eigene parlamentarische Mehrheit hatte, beherrschte das Leben von nun an nicht nur die schwere wirtschaftliche Depression, sondern auch eine permanente ungelöste politische Krise. Fühlungnahme unter den Parteien der Mitte stand nun unter deutlichem Druck, es war gewiß nun ein Thema geworden, aber im Sommersemester 1930 wurde der studentische Arbeitsring selbst nicht mehr aktiv. Ich hatte ja aber auch andere Aufgaben.
Für meine Herausgeberschaft der Zeitschrift des DStV "Student und Hochschule" hatten wir erst ein neues Heim suchen müssen, da der Verlag Mosse es nicht weiter machen wollte. Nach einigem Zureden, unter anderem vom Präsidenten des Reichsbanner Hörsing, war Ullstein schließlich bereit, unsere Zeitschrift zu drucken, vorausgesetzt ein Redakteur der Vossischen Zeitung würde bei der Redaktion mitzureden haben. Zu meiner Erleichterung wurde unser alter Freund Richard Winners, unterdeß von seiner amerikanischen Zeitung zur Vossischen Zeitung übergetreten, dazu delegiert. Ich mußte, bevor der Verlag sich entschied, noch Unterhaltungen mit den Herren Ernst Schäffer, Dr. Magnus und Müller haben, und dann kam ich also bis zu meinem Weggang von Berlin mehrmals im Monat in die Kochstraße zu Ullstein, wo ich ja schon vorher nicht fremd war.
Werner Mahrholz aber lebte nicht mehr. Er war an einem damals unheilbaren Nierenleiden erkrankt. Ich hatte ihn noch in seiner Redaktionsstube öfters besucht, auf Vorschlag seiner Frau dann auch zu Hause, wo ich einmal seinen engen Freund Theodor Däubler traf. Ich nahm später an der Urnenbeisetzung teil, es war eine für intellektuell Interessierte selten erlauchte Versammlung. Ich hatte einen sehr bewegten Nachruf in unserer Zeitschrift "Der demokratische Student" geschrieben.
Winners teilte das Redaktionszimmer mit Hans Zehrer und Friedrich
Wilhelm v. Oertzen zu meiner großen Überraschung, und unsere
regelmäßigen Besprechungen spielten sich meist in deren Gegenwart ab.
Einige Male gingen wir auch alle zusammen zum Mittagbrot in die
Kantine.
Es kam aber nicht zu wirklichen Unterhaltungen über die großen Probleme dieser Jahre, jedenfalls nicht während meiner Besuche in ihrem gemeinsamen Redaktionszimmer. Auch sonst schien eher eine Distanz, Winners stand viel mehr links als sie. Zu anderen Bekanntschaften, die ich in der Vossischen Zeitung gemacht habe, gehörte Erich Kramer, als er einmal Mahrholz vertrat (36). Ein anderer guter Bekannter wurde Carl Misch; durch ihn kam auch später einmal ein politischer Artikel von mir in die Vossische Zeitung.
Ich hatte auch bei einer Aufgabe auf ganz anderem Feld mitgewirkt.
Auf unseren Januar Studententagungen war die Notwendigkeit eines
Programms für Hochschulreform betont worden. Wolfram Müllerburg,
Robert Hess, Erwin Oeser, Rudolf Sobernheim und ich bildeten die
Gruppe, die es für die demokratischen Studenten ausarbeiten wollte.
Die wichtigste Mentorin dabei wurde Gertrud Bäumer, die unser
Programm dann auch in der von ihr mitherausgegebenen Monatsschrift
"Die Hilfe", ursprünglich von Friedrich Naumann gegründet, im Rahmen
einer speziellen Hochschulnummer im Juli 1930 veröffentlichte. Ich
hatte mehrere Besprechungen mit ihr, es halfen uns auch u.a. Dr.
Theodor Bohner,verschiedene Professoren und Ministerialrat Leist.
Wir waren manchmal ziemlich halsstarrig und bestanden auf Punkten,
von denen einige ältere Freunde abrieten, so die Idee der
Humanistischen Fakultät, an der alle Studenten auch an
allgemeinbildenden Vorlesungen teilnehmen sollten, um ein
Gegengewicht gegen die zunehmende Spezialisierung herzustellen.
Für die Mitarbeit an diesem Programm begann ich auch einige Literatur über Bildungsfragen zu lesen, so Scheler und Spranger, man verfolgte ja überhaupt immer weiter die geistesgeschichtliche Entwicklung dieser Jahre als unabdingbar für ein intelligentes Interesse am Zeitgeschehen. Da war das ursprüngliche Interesse an Geschichte, einige Ideen der Jugendbewegung, und nun auch, wenn man zu grundlegenden Dingen des Denkens kam, ein starker Eindruck von der Phänomenologie, Bergson und Husserl. Zu den neuen Leuchten der sich bildenden marxistischen Frankfurter Schule konnte ich kein Verhältnis gewinnen, aber das Denken von Karl Mannheim machte mir Eindruck, die Herausforderung der Intelligenz zu einem über Ideologieverdacht stehenden, unabhängigen Denken.
Man bewegte sich damals im Demokratischen Studentenbund und FWV in einem Kreis, der an diesen Fragen lebhaft Anteil nahm. Da wir bei Büchern und Ideen sind, will ich noch ein Buch erwähnen, auf das mich ein nichtjüdischer Freund bei den Demokraten damals hinwies: "Nationalismus im Vorderen Orient" von Hans Kohn, damals Nahostkorrespondent der Frankfurter Zeitung, später recht anerkannter Historiker. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die von ihm geschilderte Entwicklung eines säkularistischen Nationalismus unter den Arabern der Nachfolgestaaten des türkischen Imperiums eine schwere Behinderung für die zionistischen Ziele werden könnte. An diesen frühen Hinweis habe ich noch oft gedacht.
Um mit unseren Gedanken zur innenpolitischen Entwicklung in Deutschland zurückzukehren, Anstrengungen, doch noch einen Block der Parteien der Mitte in den frühen Sommermonaten 1930 zu bilden, kamen nicht vorwärts, einige jüngere Kräfte aus der Deutschen Volkspartei blieben in Kontakt darüber mit den Demokraten. Ein anderer Gesprächspartner war der Jungdeutsche Orden (37), mit seinen 800.000 Mitgliedern auch ein Zeichen für die Anziehungskraft außerparlamentarischer Bewegungen mit Frontkämpfer und Jugendbewegungshintergrund. Mit seiner Studentengruppe waren wir schon im "Arbeitsring der politischen Mitte" zusammengekommen, hielten Kontakt und ich wurde gut bekannt mit deren Führer Söhlmann.