Im demokratischen Parteivorstand trat Hellpach entschieden für nach der rechten Mitte zielende Fusionsverhandlungen ein bis zu den gerade von den Deutschnationalen abgefallenen Freikonservativen um Treviranus (38). Am nächsten kam ich der Stimmung, als während eines Besuches bei Staatssekretär Abegg er uns für eine Unterredung bei Hermann Dietrich, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister, anmeldete. Die anscheinende Unentschlossenheit der Parteispitze beunruhigte uns, sie schien den Kopf verloren zu haben. Er versicherte, es gäbe zwar manche, von denen man das sagen könnte, aber er wisse genau, was zu tun. Es klang zuversichtlich, aber was war gemeint?
Für die Sommersemesterferien 1930 hatte ich zunächst den Plan, den Studententag der gegnerischen Deutschen Studentenschaft in Breslau als Pressekorrespondent zu besuchen, was mir der Breslauer Vertreter der Vossischen Zeitung auch möglich machte. Während der Tage wurde bekannt, daß Demokraten und Jungdeutscher Orden (Jungdo) ihren Zusammenschluß verkündet hatten. Söhlmann vom Jungdo nahm auch als Gast an der Tagung teil, wir begegneten uns nun unter scheinbar ganz neuen Vorzeichen, mit viel Händeschütteln natürlich, aber ganz freimütig auch gegenseitiges Erstaunen. Ganz so hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt, daß ein Zweiergespann von Demokraten und Jungdeutschen Orden die Antwort für den Drang nach einem starken, vereinten Block der politischen Mitte sein könnte (39). Die geplante neue "Staatspartei" sollte auch Zuzug von einigen jüngeren Leuten aus der Deutschen Volkspartei bekommen (40).
Bei den Demokraten hatte es wochenlange Debatten, aber keine erkennbare einheitliche Linie oder Entscheidungen gegeben. Als Damoklesschwert hatte über allen die mögliche Auflösung des Reichstags und Neuwahlen geschwebt, falls das ohne parlamentarische Mehrheit regierende Kabinett Brüning, das von den Demokraten mitgetragen wurde, nicht seine finanzpolitischen Notverordnungen gegen Vetoanträge im Reichstag durchbringen könnte. Dietrich, unterdeß von Brüning zum Reichfinanzminister ernannt, kämpfte hart um eine Mehrheit für seine Finanzvorlagen. Aus einer lebhaften Schilderung (41) geht hervor, daß er sehr wohl einen Plan hatte, was zu tun sei. Es gelang ihm auch, aus der damals durch Abspaltungen nach der Mitte zu bedrohten Deutschnationalen Partei 25 Abgeordnete auszubrechen, aber 32 Hugenbergtreue blieben hart in ihrer Ablehnung ebenso wie die Sozialdemokraten. Der Reichstag wurde von Brüning aufgelöst. Nachdem sich die Parteien der Großen Koalition im März nicht auf die Fortsetzung ihrer gemeinsamen Regierung hatten einigen können, war es ein weiterer Schritt zu der Katastrophe, die Deutschland bevorstand, daß die Weimarer Republik im Juli 1930 nicht vor der Auflösung des bis 1932 gewählten Reichstags bewahrt werden konnte. Um die Chancen bei den Neuwahlen am 14.September zu verbessern, entschied sich KochWeser für die Gründung der Staatspartei mit dem "Jungdo".
Ich war nun aber grade bei diesem Breslauer Studententag, eine Herausforderung, die ich gesucht und nun zu bestehen hatte. Auch früher waren republikanische Studenten als Beobachter an solchen Tagungen, Werner Mahrholz ein regelmäßiger Besucher gewesen. Ich hatte Hoffnung auf Gruppen, die sich von radikalen und besonders nationalsozialistischen Tendenzen distanzieren würden. Um für Anhänger einer breiteren Mitte zu werben, ließ ich die Juli Hochschulnummer der "Hilfe" mit unserem HochschulreformProgramm vor der Festhalle verteilen.
Bei Ankunft legte ich meinen Presseausweis vor, traf einige Bekannte und hörte plötzlich während der Eröffnungsprozedur vorne meinen Namen. Hammersen von der TH Charlottenburg (42) protestierte gegen meine Anwesenheit. Der Jude Grünfeld sei ein unbequemer, ja gefährlicher Gegner der Großdeutschen Studentenschaft an seiner TH und müßte des Saales verwiesen werden. Die Tagungsleitung sagte Prüfung seines Antrags zu. Nun ging die Tagung weiter, ich war nicht sehr beunruhigt, weniger eine negative Entscheidung als eventuelle Aufreizung zu Gewalttätigkeit durch Hammersen hätten mich beunruhigen können.
Das war ja ein gewisses Risiko, wenn man mit Nationalsozialisten zu tun hatte. Ich erinnerte mich an frühere Hochschulunruhen an der Universität Berlin. Die republikanischen Studenten hatten beschlossen, sich bei einer angesagten völkischen Kundgebung zu einer Gegendemonstration zu stellen, und wir Älteren sollten das nicht nur den jungen Leuten überlassen. Vergeblich versuchte der deutschnationale Kollege in der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit, Wolfgang Straede, als ich ihn auf dem Weg zur Universität traf, mich zu einem friedlichen Kaffee irgendwo anders zu überreden. Ich ging zur Universität, es war höchst ungemütlich dort, aber es blieb bei einer hautnah drohenden Gewalttätigkeit.
Jetzt saß ich also da in Breslau, mein Name war mit heftigen Angriffen auf mich genannt worden, ich saß ganz hinten unter anderen Pressevertretern und Gästen. Plötzlich sah ich Hermann Proebst, er schien mich zu suchen, kam auf mich zu, überreichte mir meinen Presseausweis und sagte, die Sache ist jetzt erledigt. Das war also gut so. Ich habe ihn dann nie wieder gesehen, aber die Begegnungen mit ihm habe ich in guter Erinnerung behalten (43).
Die "Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit" wurde gebildet von den Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen als akademische Gruppe der Deutschen Liga für Völkerbund, deren Büro sie auch teilte. Als Nachfolger von Müllerburg wurde ich dort Vertreter der Demokraten, hatte an Veranstaltungen schon oft teilgenommen. Es hatte auch ein Seminar über Minderheitspolitik unter dem Demokraten Dr. Junghann dort gegeben, das ja sehr in meinem Interessenkreis war und auch in deutscher Völkerbundspolitik eine zunehmende Rolle spielte.
Über den Weimarer Koalitionsrahmen des DStV hinaus gab uns die Völkerbundsgruppe einen gewissen Kontakt zu den Studentengruppen der Deutschen Volkspartei und auch der Deutschnationalen, erstere durch Dr. Kurt Goepel und letztere durch Wolfgang Straede vertreten. Der Vorsitz rotierte jährlich, Straede wurde Vorsitzender für 1930/31, danach kam die Reihe an die Demokraten. Ich wurde für 1930/31 der aktivste Vertreter der Linken in der Zusammenarbeit mit Straede als Vorsitzendem. Das persönliche Verhältnis dabei gestaltete sich gut. Er kam aus SchleswigHolstein. Die deutschnationale Studentengruppe arbeitete natürlich mit in der Deutschen Studentenschaft. Die Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei war dabei, sich von ihr zu distanzieren.
An diese Mitarbeit in der Völkerbundgruppe erinnere ich mich als das wohl Interessanteste aus meiner politischen Tätigkeit während der Zeit in Berlin. Unsere "Zentralstelle" war Mitglied des Verbands der akademischen Völkerbundsligen (FUI), der jährliche Tagungen im Herbst in Genf abhielt, Ende August kam ich in der Pension an, wo unsere Delegation wohnte. Sie wurde von Strade geführt, mit mir als seinem Stellvertreter. Die Vorbereitung auf die Teilnahme an dieser Tagung und die Hauptthemen, die dort zur Sprache kommen würden, hatten natürlich schon in den Vormonaten Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht. Die jährlichen Tagungen waren verbunden mit Sommerseminaren, die unter dem Patronat des englischen Historikers H. Zimmern standen; er hatte eine Tendenz sein Patronat auch etwas auf die Tagungen der FUI auszudehnen. Deutsche Teilnehmer des Seminars waren vorher immer nur von den Mitgliedsgruppen unserer Zentralstelle, also den Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen ausgewählt worden. Dr. Zimmern hatte gefunden, daß dies nicht genug begabte junge Wissenschaftler für den anspruchsvollen Charakter seiner Seminare gebracht habe, und er einen Teil der deutschen Kandidaten selbst suchen will. Das hatte dann aber mit der deutschen Delegation und der FUI Tagung nichts zu tun.