Deren Themen waren weitgehend bestimmt von den gerade in der Völkerbundspolitik vorherrschenden, und es waren Themen, an denen der deutschen Außenpolitik besonders gelegen war. Die politische Situation in Europa stand noch im Zeichen der PostLocarno Aera. Die Alliierten Truppen wurden aus dem Rheinland zurückgezogen, der YoungPlan war angenommen. Ein weiteres Anliegen der Deutschen war die durch die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages entstandene Ungleichheit der militärischen Rüstungen, was sich in ein deutsches Anliegen für Allgemeine Abrüstung als ein Hauptthema für den Völkerbund umsetzte. Der französische Einwand dagegen war die Forderung nach "Sicherheit" als Vorbedingung für Abrüstung. Das hieß wohl Sicherheit gegen deutsche Versuche, Revisionen des Versailler Vertrages mit Gewalt zu erzwingen, wofür die Deutschen aber keine Rüstung hatten.
Der ernsthafteste Schatten blieb die Weigerung der Deutschen, auch die östlichen Grenzen zu garantieren, also auf Revisionansprüche zu verzichten. Diese wurden zwar nicht für öffentliche Diskussion auf der Agenda gehalten, aber ein verwandtes Thema war der Minderheitenschutz. Er konnte jederzeit zum Tagesthema werden, wenn immer Verletzungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Rechte deutscher Minderheiten in den östlichen Nachbarstaaten vorkamen, und sie taten es. Heutige Geschichtsschreibung (44), die dazu neigt, polnische Unterdrückungspolitik gegen die deutsche Minderheit nach Locarno als Abwehrstellung gegen die nicht aufgegebenen deutschen Grenzrevisionswünsche zu sehen, weist damit auf einen "circulus vitiosus", einen Teufelskreis hin. Das entsprach nicht den eigentlichen Zielen der Minderheitenbewegung, zu der deutsche Minderheitenführer und Außenpolitik erheblichen Impetus und Gedanken beisteuerten. Ein großer Teil der Minderheiten, darunter auch deutscher, lebten doch in Landstrichen, die gar nicht Gegenstand territorialer Dispute waren, wo sie aber eben in ihren nationalen Minderheitsrechten geschützt sein sollten. Aktiven Anteil an den Arbeiten der Minderheitenbewegung nahm auch die große jüdische Minderheit in Polen.
Die mir von zu Hause aus so naheliegende Minderheitenfrage war neben dem Thema Abrüstung damals ein wichtiges deutsches Anliegen im Völkerbund. Briand hatte als Überholungsmanöver für das Argument AbrüstungsSicherheit den Europagedanken vorgebracht, aber das hatte noch kaum feste Formen angenommen. Mir schien die EuropaIdee die natürliche Lösung auch für die Minderheitenprobleme, die unter föderalistischen Strukturen ihre potentielle Aggressivität und Sprengstoffwirkungen verlieren könnten. Das war natürlich nicht in jedermanns Sinn. Europa bestand eben aus alten Nationalstaaten, wie Frankreich, und aus Nationalitätenstaaten, wie den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie und Polen, aber auch Belgien und Spanien. Da gab es so explosiv irridentistische Teile in der Minderheitenbewegung wie die Katalanen oder Wallonen oder damalige Kroaten. Aber die Führung des Minderheitenkongresses lag doch in weniger aggressiven, mehr verantwortungsbewußten Händen.
Zu gleicher Zeit wie unser FUI Kongreß fand in Genf auch der jährliche Minderheitenkongreß statt, und ich ging als Zuhörer auch hin, es kamen auch andere von unserem FUI Kongreß. Das Thema Minderheitenschutz war auch auf die Agenda der nachfolgenden Septembertagung des Völkerbunds gekommen und ebenso als "wissenschaftlicher Teil" auf unsere FUI Agenda (45).
Dafür waren drei Vorträge vorbereitet worden, und einer von Dr. MirkineGuzewich, Generalsekretär des Instituts für Internationales Recht, zeigte die Unterschiede des Denkens am deutlichsten. Seiner war nationalstaatlich, französisch und englisch beeinflußt. Nation war der Staat, es war bei Definition der Paß, die Staatsangehörigkeit, die man hatte, und da war gar kein Raum für Nationalität als eine andere Kategorie. Nicht nur für die Deutschen, auch für Polen und Tschechen war das aus eigenem Erleben gar nicht so, eben in ganz Mittel, Südost und Osteuropa. Mein eigenes Miterleben an dieser Problematik wurde in dieser Genfer Woche immer wieder stark berührt.
Auf dem Minderheitenkongreß hatte ich auch Otto Ulitz als einen der Delegierten der deutschen Minderheit in Polen getroffen. Wir sahen uns wieder in der Bierstube "Bavaria", so berühmt damals als internationaler Treffpunkt, wo die Studentendelegationen auch oft zusammen saßen. Ulitz lud mich an seinen Tisch und stellte mich dort einem seiner MinderheitenkongreßKollegen vor, nämlich Dr. Motzkin, jüdischer Abgeordneter im polnischen Sejm und bekannter Zionistenführer in Polen. Nach ihm wurde später eine Siedlung in Israel genannt. Das war für mich eine nachdenklich machende Begegnung in der "Bavaria".
Die Kongresse aber spielten sich nicht nur in der "Bavaria" ab. Zunächst vertrat ich die deutsche Delegation in der Unterkommission für Abrüstung und das fand wirklich im Sitzungssaal des Völkerbundrates statt. Hauptaktivität wurde dann "la question danzigoise". Danzig war durch den Versailler Vertrag zu einer Freien Stadt gemacht worden, vertraglich mit Polen verbunden. Es hatte eine deutschsprachige Technische Hochschule, an der auch eine Gruppe für Völkerbundsarbeit gegründet wurde, die nun Aufnahme in die FUI beantragte. Die polnische Delegation widersprach und forderte, die Danziger Gruppe sollte zum polnischen Verband gehören. Auf der deutschen Rechten war der Plan, sich für Aufnahme einer selbstständigen Danziger Gruppe einzusetzen, auch etwas Ungewohntes. Die Deutsche Studentenschaft, auf dem "großdeutschen Prinzip" aufgebaut, umfaßte ja alle deutschsprachigen Hochschulen, einschließlich Österreich und der Tschechoslowakei, und natürlich auch Danzig, wo sie sogar einmal ihren Studententag abgehalten hatte.
In der FUI war das anders. Die österreichischen und Prager/Brünner Hochschulen gehörten nicht zur deutschen FUI "Zentralstelle". Die rechtlichen Aspekte von Danzig's Stellung waren kompliziert; ein Präzedenzfall war, daß im Verband der Völkerbundsligen auch eine selbstständige Danziger Liga für Völkerbund Aufnahme gefunden hatte. Es gab in Danzig nur die eine Hochschule, und da war nur eine sehr kleine Minderheit von polnischen Studenten. Die Auseinandersetzungen, an denen ich auch schon im Kommissionsstadium verwickelt war, wurden sehr heftig. Als unser Standpunkt nach anfänglichen Schwierigkeiten sich durchzusetzen begann, machten wir mit Mitgliedern der polnischen Delegation zusammen einen Ausflug zum noch im Bau befindlichen neuen Völkerbundsgebäude draußen am See. Es wurde eine gar nicht unfreundliche Begegnung, an die ich mich oft erinnert habe. Die Aufnahme der Danziger Gruppe wurde schließlich vom Plenum einstimmig bestätigt, nachdem eine Zusammenarbeit zwischen der selbständigen Danziger Gruppe und der polnischen Minderheit in Danzig vereinbart und eine dementsprechende Berücksichtigung bei der Zusammensetzung der Delegationen für spätere FUI Kongresse in Aussicht gestellt worden war (46).
Zu den wichtigen Gewohnheiten des Kongresses gehörten auch Zusammenkünfte zwischen verschiedenen einzelnen Delegationen, befreundeten sowohl wie ferneren. Die politische Lage in Europa stand immer mehr unter dem Impakt der Weltwirtschaftskrise. Ihre Einwirkungen außerhalb der USA waren unverkennbar verschieden je nach wirtschaftlicher Struktur und finanzieller Lage der betreffenden Länder oder Ländergruppen. So kam es, daß der Begriff Mitteleuropa wieder in ganz ernsten wirtschaftspolitischen Überlegungen erschien. Da war der Zusammenbruch der internationalen Agrarmärkte, ebenso wie die drastische Schutzzollpolitik, mit der die USA auf die Krise reagierten. Der SmootHawle, Tariff Act war am 17.Juni 1930 von Präsident Hoover unterzeichnet worden. All das sandte Wellen des Schauderns durch Kanzleien, Bankkontore und Redaktionsstuben, und es zeigte sich, daß Länder in Mitteleuropa dabei besonders betroffen sein würden. Es ergab sich geradezu das Gefühl von Mitteleuropa als einer Betroffenheitsgemeinschaft in dieser Weltwirtschaftskrise.
In manchen deutschen Kreisen war der Begriff Mitteleuropa mit Anklängen an sich natürlich ergebende deutsche Vorherrschaft verfärbt worden. Sogar das Buch, das der Altvater der Demokratischen Partei, Friedrich Naumann, über Mitteleuropa geschrieben hatte, war nicht frei davon. Es war, als ob man in Deutschland zurückrevidieren wollte, was Bismarck 1866/1871 zerbrach. Aber das Heilige Römische Reich deutscher Nation bestand eben nicht mehr, auch die Donaumonarchie war zerfallen, die meisten der Nachfolgestaaten waren politisch in der Kleinen Entente und in einem Bündnis mit Frankreich zusammengeschlossen.