Die gemeinsame wirtschaftspolitische Betroffenheit aber war da, und in einer Zusammenkunft von Mitgliedern der deutschen und tschechischen Delegationen wurde darüber gesprochen. Was war also Geschichte und heutige Basis solcher gemeinsamen mitteleuropäischen Situation? Es entstand der Plan, eine mitteleuropäische Studentenkonferenz im Rahmen der FUI zu veranstalten, auf der die Fragen mehr wissenschaftlich behandelt werden könnten. Wir verabredeten, daß dies eine gemeinsame Initiative der deutschen und tschechoslowakischen Mitgliedgruppen der FUI sein sollte und die beiden Delegationen sich zu Beginn des Wintersemesters wieder in Verbindung setzen würden. Dieses Projekt schien mir ein gutes Vorhaben.

Später, vom 16. bis 21. September, hielt der Deutsche Studentenverband zusammen mit französischen Studentenorganisationen in Mannheim ein deutsch­französisches Studententreffen ab, an dem ich diesmal nicht teilnahm.

Wir hatten in Genf auch Zusammenkünfte mit der französischen Delegation, zu der auch der Radikalsozialist Robert Lange gehörte, bald darauf das jüngste Mitglied der französischen Kammer. Ein sehr enger französischer Kontakt wurde Jean Dupuy, der als Generalsekretär der FUI wiedergewählt wurde. Wir hatten uns gut kennengelernt. Bei dem Mannheimer deutsch­französischen Treffen war bereits der bedrohliche Ausgang der deutschen Reichstagswahl vom 14.September bekannt und hatte vor allem zum Thema deutsch­französischer Verständigung Bestürzung hervorgerufen.

Die Nationalsozialisten hatten ihre Mandatszahl von 12 auf 107 erhöht und waren zur zweitstärksten Partei nach den Sozialdemokraten geworden. Man war sich ihrer zunehmenden Stärke bewußt gewesen, aber das Resultat ging weit über schlimmste Erwartungen. Die Welt schien nicht mehr ganz dieselbe nach diesem ersten Erdrutsch. Uns in Genf war das noch erspart geblieben, die Tagung schloß vorher, und die böse Nachricht traf mich auf dem Rückweg.

Danach war für mich das nächste Berliner Wintersemester, das mein letztes werden sollte, eine sehr aufregende Zeit. Hatte nun der Hitler'sche Wahlerfolg eine Schneeballwirkung im Publikum? Oder brachte es Besinnung in breite gemäßigt rechts eingestellte Kreise, daß man mit den republikanischen Parteien zusammenrücken mußte, um sich gegen weiteres Anwachsen dieser rechtsradikalen Außenseiter zu stemmen.

Leider waren es nur Bruchteile dieser Kreise, die so reagierten. Bei uns an der Technischen Hochschule gewannen die Nazis bald absolut die Oberhand innerhalb der Großdeutschen Studentenschaft. In der studentischen Wirtschaftshilfe machte das noch keinen Unterschied. Der Geschäftsführer Hans Menzel blieb entschieden bei der republikfreundlichen Haltung, die er gezeigt hatte. Sein Kollege Voth änderte zwar nicht seine Haltung in der Verwaltung seines Amts, aber er vertraute mir eines Tages an, daß er am Abend vorher im Sportpalast Hitler sprechen gehört hatte und sich der Partei anschließen würde. Er bat mich sozusagen um Entschuldigung, es täte ihm leid, daß er mir das sagen müsse. Ähnlich ging es mir mit Jobst v. Wendorff. Er kam aus Krakau an, kam gleich noch mit seinem Koffer zu mir, am Abend aber wollte er in den Sportpalast, das mal sehen. Am nächsten Tag war es dasselbe wie mit Voth. Es tat ihm leid, aber er mußte es mir sagen. Er war beindruckt. Er ist, soviel ich weiß, dann wieder einen ganz anderen Weg gegangen.

Was mich bei diesen beiden so bestürzte, war die Wirkung, die
Hitler's Auftritte anscheinend selbst auf gemäßigt und nüchtern
Denkende haben konnten, während man eigentlich annahm, daß die Person
Hitler's selber auch in vielen Rechtskreisen eher Mißtrauen, ja sogar
Abscheu auslösen müßte. Das beschränkte sich nicht nur auf des
General Hindenburg's und anderer Offiziere Abneigung gegen den
"böhmischen Gefreiten", es gab ähnliche Gefühle nicht nur im
Bürgertum, sondern auch bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen (47).

Die Regierung Brüning blieb weiter im Sattel, prekär wie bisher, mit Hilfe von Notverordnungen des Präsidenten Hindenburg, stillschweigender Zustimmung der Reichswehr durch General Schleicher, aber stets drohenden weiteren Neuwahlen. Wo solche stattfanden, verloren vor allem die Parteien der Mitte, die Neugründung der Staatspartei hatte sich schon im September 1930 als kein Erfolg erwiesen. Unterhalb der Reichsregierung aber waltete das republikanische Establishment auch noch weiter, vor allem die preußische Regierung der Weimarer Koalition mit aktiver Zentrumsbeteiligung. Gewalttätigkeit in Straßenkämpfen nahmen immer mehr zu, SA und Rote Front, dazwischen das Reichsbanner, aber da war die preußische Polizei, Severing nun dort Innenminister und Staatssekretär Abegg mit seiner starken Haltung.

Unsere Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit beruhte weiter auf Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den Deutschnationalen, und Gerhard Hauke, unser Sekretär und Sekretär der Deutschen Liga für Völkerbund, war, wie Hans Menzel an der TH, ganz der Alte geblieben.

Um unsere Vereinbarungen mit den tschechischen Studenten weiter zu verfolgen, wandten wir uns, nach Beratung mit der Liga für Völkerbund an das Auswärtige Amt, wo ein regelmäßiger Kontakt für die Völkerbundsarbeit das Kulturdezernat war, und Legationssekretär Freudenthal nach Besprechung mit dem Dezernatschef Geheimrat Terdenge uns Bescheid gab, das Amt habe nichts gegen eine von uns gemeinsam mit den Tschechen veranstaltete Mitteleuropäische Studententagung. Wir müßten aber noch Einzelheiten vorlegen, und sie würden das Vorhaben dann eventuell auch unterstützen (48).