Wir arrangierten nun ein Treffen mit den Tschechen, man einigte sich dafür auf Dresden, wo Wolfgang Straede und ich hinfuhren. Der Leiter der tschechoslowakischen FUI Gruppe war schon berufstätig als Assistent des Bürgermeisters von Prag, eines engen Parteifreunds von Benesch, und kam mit Frl. Pekarzova, Tochter des bekannten tschechischen Historikers Pekar. Unsere Unterhaltungen in Genf hatten sich strikt auf französisch abgespielt, und so begrüßten wir unsere Besucher auch in Dresden, aber es ergab sich bald, daß man deutsch sprach. Mein Französisch war nicht so gut, und dann war der Einfluß der Umgebung und Frl.Pekazova setzte noch hinzu, sie war ja, ich glaube, in Aussig aufgewachsen. Es lag nahe, sich darauf zu einigen, daß die Tagung in der Tschechoslowakei stattfinden würde, und die Tschechen erleichterten das noch, indem sie Bratislava, das alte Preßburg, als Tagungsort vorschlugen. Es war die Hauptstadt der Slowakei, in nächster Nachbarschaft Ungarns und Österreichs, auch mit entsprechenden sprachlichen Minderheiten.

Die Vorbereitungen und Einladungen würden gemeinsam von Deutschen und
Tschechen gemacht, teilnehmen würden Österreicher, Ungarn, Jugoslawen,
Rumänen, Bulgaren, sowie auch Polen und ein Schweizer Vertreter (49).

Über die Abgrenzung, was unter Mitteleuropa zu verstehen ist, sollte dann auf der Tagung in Vorträgen und Debatte gesprochen werden. Das Vortragsprogramm sollte starken Akzent auf wirtschaftlichen, besonders agrarpolitischen Fragen haben, aber auch kulturelle und geschichtlich/politische Fragen umfassen.

Nach Rückkehr in Berlin stellten wir nun unsere Liste von Vortragenden, im Parteienspektrum gut verteilt, zusammen, nachdem Herr Terdenge die in Dresden besprochenen Pläne gebilligt hatte. Dann kam der von den Tschechen vorgeschlagene Text der Einladungen plötzlich mit ihrem Ministerpräsidenten Benesch als Protektor der Tagung. Das war nicht verabredet worden und erregte Stirnrunzeln. Es wurde aber hingenommen, nachdem man sich ja aus guten Gründen auf einen Tagungsort in der Tschechoslowakei geeinigt hatte. Es kamen weitere Besprechungen mit den für Vorträge gewonnenen Rednern und mit führenden Mitgliedern der Deutschen Liga für Völkerbund, u.a. Harry Graf Kessler.

Neben der Teilnahme an den Vorbereitungen für diese Preßburger Tagung
stand bei mir weiter die Herausgabe von "Student & Hochschule". Die
Januarausgabe 1931 war weitgehend dem deutsch­französischen
Verhältnis gewidmet, im Verfolg der Mannheimer DStV Tagung, mit
Beiträgen u.a. von Wladimir d'Ormesson und Max Clauss, Herausgeber der
Europäischen Revue des Prinzen Rohan, einer von Coudenhove­Kalergi
unabhängig arbeitenden europäischen Bewegung. Ich brachte auch eine
Besprechung der FUI Tagung in Genf (50).

Im Februar brachten wir Teile des Vortrags, den Staatskommissar Rönneburg auf einer "Ostkundgebung" des Deutschen Studentenverbands gehalten hatte, mit Schwerpunkt auf Agrarreform in den Ostprovinzen zwecks Bauernansiedlung. Ich erinnere mich, daß damals in der Diskussion auch Dr. Walther Maas sprach, ein junger Geograph, Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte, und dafür eintrat, alle deutschen Ansprüche auf Rückgabe des polnischen Korridors aufzugeben. Ich hatte solch eine offene Meinungsäußerung darüber noch nie gehört. Unzufriedenheit mit der Ostgrenze war ein häufiger Refrain in Deutschland, aber das klang deklamatorisch, kein aktuelles politisches Thema. Die systematische und im Auswärtigen Amt durchaus artikulierte Politik einer Ostgrenzenrevision (51) war auch dort umstrittene Sache einiger Vorausplaner, in der Öffentlichkeit nicht so bekannt, wie es in den Akten steht, also nicht das politische Klima. So schien es mir jedenfalls noch anno 1930. Die Reparationsfrage war durch die Annahme des Youngplans einen Schritt weitergekommen, das Rheinland wurde geräumt von fremder Besetzung, nun bedurfte man weiterer Erleichterung bei den Reparationen, das waren die aktuellen Probleme. Man konnte sich doch ein Ziel wie die Grenzrevision nur auf Kosten kriegerischen Konflagrationen vorstellen. Sollte man dann überhaupt daran denken?

Walther Maas's Bemerkung über den Korridor erregte gleich Widerspruch, auch in diesem republikanischen Gremium. In einer kleinen Gruppe nach Schluß der Versammlung gab ich zu bedenken, daß doch im Grunde Dr. Maas ganz recht hatte, wie konnte man an friedliche Grenzrevision, und das hieß doch an Grenzrevision überhaupt, denken oder gar davon sprechen. Es gab entschiedenen Widerspruch und jemand in der Gruppe sagte, wenn man von Revision des Versailler Vertrags spricht, da gibt es immer zwei Kategorien von deutschen Forderungen. Für eine gilt, immer davon sprechen, nie daran denken, das ist z.B. der Anschluß Österreichs. Das andere ist umgekehrt, nie davon sprechen, immer daran denken, das ist z.B. der polnische Korridor. Dr. Walther Maas schrieb dann ausführlicher über den "sogenannten" polnischen Korridor in den Sozialistischen Monatsheften (52) und erwähnte, daß es ein Gebiet breiter als Schleswig­Holstein oder die Rheinprovinz sei, betonte auch deutsche Verflechtung mit diesem Gebiet, auch wenn es von 1466 bis zur ersten Teilung 1772 zu Polen gehört hatte. Es wäre allerdings schon vor 1772 mehrheitlich deutsch besiedelt, also ethnographisch diese Maßnahme der ersten Teilung Polens kein Unrecht gewesen, die Zuteilung an Polen 1919 bezeichnet er ethnographisch als Unrecht, aber durch deutsche Abwanderung sei das 1931 schon wieder verändert, das Gebiet wirtschaftlich Polen eingegliedert, und wird nicht von ihnen herausgegeben werden. Deutschland sollte jetzt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit andere Sorgen haben, als die Auseinandersetzung mit Polen. Für das Korridorproblem gäbe es keine isolierte deutsche oder polnische, es gibt nur eine europäische Lösung, aber die Beantwortung der Korridorfrage darf nicht als Vorraussetzung der kontinentalen Einigung verlangt werden. So Maas 1931 in der sozialdemokratischen Zeitschrift.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Ich sprach darüber in Kattowitz mit dem alten Jugendfreund Karl­Heinz Lubowski und war überrascht, daß er auch zur Auffassung gekommen war, die Deutschen sollten keine Forderungen an Polen stellen. Er kam aus einem sehr national gesinnten Haus, aber dachte sehr unabhängig, hatte eine Zeit lang in Krakau studiert; jetzt bereitete er sich in Deutschland auf eine juristische Karriere vor. Außer den vorrängigen Geboten praktischer Politik und Prioritäten gab es ja auch historische Eindrücke, die man hatte.

Es war ja gar nicht so, daß der "Korridor" in Versailles erfunden worden war. Man konnte ihn auf allen Karten Polens vor 1772 gut sehen, er war nur noch breiter. Nach den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert war ja im 19. Jahrhundert eine, immer wiederkehrende Forderung der jungen nationalen und liberalen Bewegung in Europa, die Wiederherstellung Polens in seinen historischen Grenzen gewesen. Die 14 Punkte Wilson's hatten alles viel spezifischer auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker eingestellt, und die deutsch­polnische Grenzregelung darauf, aber auch auf die Notwendigkeit polnischen Zugangs zur See gestützt. An die kurze Diskussion über den Korridor, über die ich etwas ausführlich geschrieben habe, mußte ich in späteren Jahren noch oft denken, bis es dann 1939 Hitler darüber zum Krieg kommen ließ.

In diesem Winter 1930/31 verfolgte man weiter aufmerksam den erstaunlichen Aufschwung der Zeitschrift "Die Tat". Sie sammelte um sich eine respektable Anhängerschaft, es bildeten sich "Tatkreise", aber interessante und gewichtige ihrer Gedankenansätze vermengten sich zusehends mit radikalsten Parolen, nicht zuletzt in der Außenpolitik, und da besonders bezüglich einer aggressiven deutschen Politik in Ost­ und Mitteleuropa.