Für diese zeichnete neuerdings ein Giselher Wirsing. In der "Bavaria" in Genf hatten wir friedlich gesessen, als ein schrecklich impertinenter jüngerer Mann, einigen Mitgliedern unserer Delegation bekannt, vorbeiging, sich zu uns setzte und einen vernichtende Kritik am Völkerbundtreiben als leere, papierne Kulissen, die bald zusammenfallen würden, losließ. Er schien wohlberedt, sehr intelligent, aber gnadenlos in seinen Ansichten und seiner abscheuerregenden Aggressivität und Arroganz. Seinen Namen hatte ich nicht verstanden, und hätte ihn auch nicht gekannt. Erst Monate später erfuhr ich, daß das dieser Giselher Wirsing gewesen war. Er gehörte zu denen, die Dr. Brinkmann in Heidelberg dem Dr. Zimmern zur Teilnahme an seinem internationalen Seminar in Genf als mehr aufgeweckten und repräsentativen Vertreter deutscher Studenten empfohlen hatte. Er war sein Assistent in Heidelberg gewesen. Es war in diesen Fragen deutscher Politik in Europa, daß ich dann immer die größte Distanz zur "Tat" empfunden habe. Wirsing kam dazu, und bezeichnete die Staaten Mittel und Osteuropas als die "zwischeneuropäische Trümmerzone".
Da blieb die Zusammenarbeit in unserer Völkerbundsgruppe und auch persönlich mit Wolfgang Straede auf viel besserer Ebene. Ein Vorfall blieb mir in Erinnerung, der das unterschiedliche politische Herkommen beleuchtet. Der Generalsekretär der FUI Jean Dupuy besuchte uns kurz in Berlin. Er war wohl auf der Durchreise nach Danzig, wo er prüfen sollte, ob die Auflage betreffs Teilnahme der
polnischen Minderheit an der neuen Danziger Mitgliedsgruppe der FUI richtig durchgeführt wird. Während seines kurzen Aufenthalts in Berlin sollten Wolfgang Straede und ich ihm etwas von Berlin zeigen. Wolfgang Straede schlug zunächst einen Ausflug nach Potsdam vor, Dupuy war einverstanden und wurde so zunächst mit dem alten Preußen gut bekannt gemacht. Am Sarge Friedrich des Großens erinnerte er sich, daß Napoleon bei der Gelegenheit gesagt hatte: "voila un honme". Auf dieser Note endete unser Besuch in Potsdam und Dupuy wollte nun unbedingt noch mit uns in den Reichtstag gehen. Straede bat mich, das zu übernehmen; er entschuldigte sich, als Monarchist wollte er einen Besuch im Reichstag nicht unternehmen. Ich starrte ihn an, und Jean Dupuy wohl auch. Natürlich, manche unserer Professoren, viele alte Herren der studentischen Korporationen, sie waren noch Monarchisten und daher Republikgegner, aber war das wirklich auch mein Altersgenosse Straede, Führer der deutschnationalen Studentengruppe?
Ich zog also mit Jean Dupuy allein zum Reichstag, so ohne Vorbereitung schien das gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen, der einem Zutritt zur Wandelhalle ermöglicht und einen empfangen hätte. Ich meldete mich erst bei Ernst Lemmer. Er war schließlich Führer der Jungdemokraten; obgleich ich ihn wenig kannte, schien er mir der Nächstverantwortliche für solch ein Anliegen, von einem Vertreter der demokratischen Studenten, als welcher ich mich schließlich da im Reichstag befand, zu sein. Er entschuldigte sich, er hatte keine Zeit. Kurz entschlossen meldete ich mich bei Carl Mierendorf, der ja nicht nur bei seinen jungen sozialistischen Freunden, sondern auch bei den jungen Demokraten sehr verehrt wurde. Ich kannte ihn gar nicht, sagte gleich er brauchte uns nicht zu sehen, aber ich wollte unserem französischen Gast den Reichstag zeigen, und sein Passierschein kam auch sofort zurück. Wir blieben eine Zeit lang in der Wandelhalle, Dupuy hoffte Brüning zu sehen, und dann rief er auch ganz aufgeregt "le chancelier", Brüning eilte vorüber. So waren denn Dupuy's beide Programmpunkte erfüllt, aber mein Freund Straede und die Monarchie, im Winter 1930/31, das hat mich immer wieder gewundert.
Während die "Tat" sich von ihrem anfänglichen Anklang an eine Stimme der jungen Mitte unterdeß weit nach rechts entwickelt hatte, wurde eine neue Gruppe um die Monatsschrift "Neue Blätter für den Sozialismus" bedeutsam. Sie sammelte Anhänger des religiösen Sozialismus Paul Tillichs, überhaupt eines nichtmarxistischen Sozialismus, vieles aus der Jugendbewegung. Mitherausgeber war Fritz Klatt, unabhängig von der SPD Parteistruktur auf ihrem rechten Flügel. Es gab auch Elemente eines Suchens nach neuen politischen Strukturen, die manchmal an ähnliches im Gedankengut der "Tat" zu erinnern schienen. Auf der wirtschaftspolitischen Seite dieses Kreises waren die Professoren Eduard Heimann und Adolf Loewe prominent; aktiv verbunden waren auch, die mir von ihrem Kontakt mit unserer republikanischen Studentenorganisation bekannten, Theo Haubach, Adolf Reichwein, Rudolf Küstermeier und Carlo Mierendorf.
In der politischen Mitte sah es immer trostloser aus, mit zunehmender Desillusionierung auch beim demokratischen Studentenbund. Es hatte demokratische Splittergruppen gegeben, die sich der Verbindung mit den Jungdeutschen in der Staatspartei nicht anschließen wollten. Bei den Studenten blieben die Meinungen geteilt, die Studentengruppen hielten aber zusammen, blieben unabhängig. Die Führer Franz Suchan und Horst Mendershausen wollten einen Zusammenschluß mit dem Republikanischen Studentenbund des Prionen Hubertus von Löwenstein durchführen. Ich versuchte, dabei zu helfen, aber sie wurden überstimmt.
Ich hatte zu der Zeit bereits beschlossen, meine berliner Tage zu beenden und im Sommersemester nach München zu gehen. Das hieß auch, daß ich aus der hochschulpolitischen Arbeit ausscheiden und meine Ämter aufgeben würde. An der TH Charlottenburg hatte ich das schon getan, der Sozialist Ahrends war mein Nachfolger geworden. In der Schriftleitung von "Student und Hochschule" hatte mich schon der demokratische Freund Erwin Oeser unterstützt, mit dem Zentrumsmann Lothar Hartmann wurde er Nachfolger, und danach übernahmen es Heinz Krüger (Sozialist) zusammen mit Franz Suchan (Demokrat), die die Zeitschrift tatsächlich bis zum Februar 1933 weiterführten.
In der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit war es ja der Turnus der Demokraten, ab April 1931 den Vorsitz zu übernehmen. Ich muß gestehen, daß ich da für mich doch einige Bedenken hatte. Mußte es jetzt gerade sein, daß ein Jude den Vorsitz übernahm? Auch von diesem Gesichtspunkt trieb es mich, den Wechsel nach München vorzunehmen und zu sehen, daß statt dessen Wolfram Müllerburg zurückkommen und die Vakanz füllen würde. Er war schon in seiner Referendarszeit, aber konnte doch für Sommer 1931 zusagen. Zunächst stand aber noch für den 19.März unsere Mitteleuropäische Studententagung in Preßburg bevor und im Zusammenhang damit noch ein ominöser Schock.
Die Vorbereitungen waren ganz nach Plan gelaufen, als wir plötzlich eine Mitteilung vom Auswärtigen Amt erhielten, man es hätte es sich anders überlegt und wir sollten die ganze Tagung absagen. Es war gar nicht mehr so lange bis zum Tagungsdatum, und wir protestierten heftigst. Erklärungen über die Gründe wurden uns nicht gegeben. Was immer die Gründe für diesen Gesinnungswechsel des Amtes sein könnten, wir wollten unseren Mitveranstaltern, den tschechischen Studenten, allen anderen eingeladenen Delegationen und der FUI nicht jetzt plötzlich, so kurz vor der Tagung, absagen. Wir hatten eine weitere Besprechung im Amt bei dem Geheimrat Terdenge, der uns auch etwas über die Gründe sagen sollte, es aber nicht tat. Er schien etwas belustigt über die verschiedenen Interventionen, die wir im Amt veranlaßt hatten, und auch sein Kollege, Legationsrat Dr. Sobernheim, wollte, daß sein Sohn Rudolf, ein sehr aktives Mitglied unserer Gruppe, teilnehmen sollte. Da bin ich wirklich explodiert und fragte, wie man sich das vorstellt, wir haben mit den Tschechen das Tagungsprogramm ausgearbeitet, die Vorbereitungen gemeinsam getroffen, die anderen eingeladen, jetzt sollen wir ohne Erklärung kurzfristig alles absagen, was für ein Affront politisch und persönlich. Uns ist darüber sehr ernst zumute, und gar keine Gelegenheit für scherzhafte Bemerkungen.
Es blieb aber dabei; über die Hintergründe erfuhren wir nichts, die versprochenen Mittel standen nicht mehr zur Verfügung und soweit es das Amt betraf, empfahlen sie uns, die Tagung abzusagen. Die Deutsche Liga für Völkerbund machte weitere Anstrengungen, aber Haucke teilte uns dann mit, man müsse die Tagung wohl nun absagen. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.