Das Semester ging schon zu Ende und ich reiste nach Kattowitz. Wir verabredeten, Hauke würde mir telegraphieren, wenn die Tagung doch noch stattfindet, und wirklich, die Liga konnte mit diskreter Zustimmung im Amt doch noch das arrangieren. Es kam das Telegramm von Haucke, in dem es hieß, ich sollte zunächst nach Prag fahren und dort bei der Lese­ und Redehalle nachfragen, wo man sich zur gemeinsamen Weiterreise nach Preßburg treffen könne.

Das wurde mein 2.Besuch in Prag (53). Die Nachricht, die ich vorfand, brachte mich zunächst zusammen mit einem Dr. Foerster, der zu den wissenschaftlichen Tagungsteilnehmern von der Rechten gehörte. Er war Historiker von der Universität Tübingen, derzeit aber an der deutschen Universität Prag und mit den deutsch­tschechischen Problemen und Geschichte eng vertraut. Wir machten einen gemeinsamen Stadtspaziergang, der auf dem Hradschin mit Blick auf die Stadt abschloß. Er war wohl nur einige Jahre älter als ich, bezeichnete sich als Konservativen und plädierte eindringlich und ernsthaft für die Anerkennung auch des deutschen Elements in der Geschichte Böhmens und eben auch Prags, man nehme doch nur die Karls Universität, die eben auch eine deutsche Universität gewesen ist. Mehr wollen wir ja nicht, sagte er, man soll uns das aber nicht immer ganz in Abrede stellen. Das klang und er war überhaupt recht vernünftig; er sprach mit so ehrlicher Wärme, daß ich noch manchmal, besonders dann 1938/39, als Hitler ja ganz andere Forderungen mit Gewalt durchsetzte, an diese Unterhaltung auf der Terrasse des Hradschins gedacht habe. Wir waren dann zusammen in der Gruppe, die von Prag nach Preßburg fuhr.

Dieses Bratislava, nun in der Tschechoslowakei als Hauptstadt der Slowakei, war faszinierend und auch herzerwärmend. Man war sich bewußt, daß es auch dadurch jahrhundertealter Ort vieler Spannungen und Konflikte war, aber das Zusammenfließen so verschiedener Traditionen und das Zusammenleben so vieler Bevölkerungsteile machte es zu einer sehr mitteleuropäischen Szene, und die Donau floß majestätisch dahin, auf dem Weg von Wien nach Budapest. Die offizielle Sprache war slowakisch, aber ebenso wie bei Eß­ und Trinksitten gab es viel ungarisches, österreichisches oder deutsches. Die lokale Vorbereitung und dann auch Leitung der Veranstaltung lag in den Händen der slowakischen Studenten unter der sehr selbstbewußten und sich profilierenden Leitung von Dr. A. Kunosi, auch das schien mir ein Unterstreichen mitteleuropäischer Vielfalt. Die Tagung (54) mit etwa 100 Teilnehmern sollte einer wissenschaftlichen Diskussion der verschiedenen Themenkreise dienen, einer klareren Definition gemeinsamer mitteleuropäischer Interessen und kulturellen Zusammenhänge. Letztere mündeten auch wieder in Betonung der nationalen Minderheitenprobleme und wurden unterstrichen durch einen Überraschungsbesuch und Ansprache des Sekretärs des Minderheitenkongresses Dr. Ewald Amende. Ich habe gar nicht nachgeforscht, wer den inszeniert hatte.

Die österreichische Delegation hatte auf der Tagung einige neue, und zwar rechtsgerichtete Mitglieder, was sich später dann zunächst wieder geändert hat, aber dort fiel es mir sehr auf (55).

Das Hauptgewicht der Tagung lag auf den gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der mitteleuropäischen Staaten (56). Das war ja schon der aktuelle Ausgangspunkt für unsere Initiative im September 1930 in Genf für solch eine mitteleuropäische Studentenkonferenz. Gemeinsame wirtschaftliche Schutzmaßnahmen waren gewiß nicht im Sinne einer freien internationalen Marktwirtschaft, aber der Glaube daran war unter den schweren Stößen der Krise mit ihrem Verfall der Agrarmärkte und den einseitigen amerikanischen Zollmaßnahmen verblaßt. Für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit betroffener mitteleuropäischer Staaten gab es aber wenig politisches und kulturelles Gemeinschaftsgefühl nach 1918 und es galt, dies zu erarbeiten. Wie hätte das besser eingeleitet werden können als durch eine Inititative der Deutschen und Tschechen, wie wir es getan hatten, wenn auch nur auf einer kleinen Nebenbühne, und wir hatten Zustimmung gefunden (57).

Auf der Hauptbühne der Geschichte aber nahmen die Dinge einen ganz anderen, einen verhängnisvollen Kurs. Nach Abschluß der Preßburger Tagung fuhren wir alle nach Wien, wo am 22. März die Ratstagung der FUI begann. Man fuhr in einem noch aus österreichischen Tagen bestehendem Lokalzug, eigentlich war es eine Art Straßenbahn, die Bratislava mit Wien verband, und die Tagungsteilnehmer verschiedener Nationen saßen in großen Gruppen zusammen in den Wagen dieser Bahn. Plötzlich eilte die Meldung durch unsere Gruppen, Morgenzeitungen wurden herumgereicht, Deutschland verkündete den Abschluß einer Zollunion mit Österreich. Die Überraschung war übergroß, auch die Befremdung. Niemand in der deutschen Delegation von links bis rechts hatte vorher davon gehört oder es ahnen können. Es war den anderen Delegationen gegenüber natürlich peinlich. Da hatte man noch am Vortag über Verständigung und Zusammenarbeit in und für Mitteleuropa diskutiert, und am nächsten morgen kommen die deutsche und österreichische Regierung mit diesem Überraschungscoup heraus, der anscheinend mit keiner anderen Regierung vorher besprochen, sondern vollkommen geheim gehalten worden war.

Jetzt dämmerte einem auch, warum möglicherweise das deutsche Auswärtige Amt einige Wochen vorher plötzlich unsere Tagung abgesagt haben wollte. Da saßen wir also nun alle zusammen in dem Zug, der der Donau entlang fuhr. Es klang gar nicht gut, diese Nachricht von der Zollunion, und besonders in der Gesellschaft, in der wir uns befanden (58).

Zunächst wickelte sich dann die FUI Ratstagung in Wien ganz planmäßig ab, die Atmosphäre des alten und neueren Wiens tat auch das ihre (59). Auf der Tagung beantragte die Schweizer Delegation, geführt von Jacques Kunstenaar, gemeinsam mit den Kanadiern, daß die FUI sich für einen Erfolg der vom Völkerbund geplanten Abrüstungskonferenz aussprechen und in allen Ländern dafür aktive Propaganda machen sollte.

In der Danziger Frage wurde die Aufnahme der FUI Gruppe bis 1932 bestätigt, mit Auflagen für guten Willen, bei der vorgeschriebenen Konsultation zwischen deutschen und polnischen Mitgliedern. Eine bemerkenswerte Einigung zwischen verschiedenen Gruppen in der Tschechoslowakei wurde während der Wiener Ratstagung für deren Vertretung in der FUI erzielt. Sie sollte in Zukunft aus zwei tschechischen, einer slowakischen und einer deutschen Gruppe bestehen, die jede je zwei Vertreter in den Vorstand entsenden, der Vorsitz jährlich rotieren sollte (60). Dies schien wirklich ein guter Schritt in Richtung pluralistischer Lösungen und ein guter Nachklang zu unserer Preßburg Tagung zu sein.

Umso schlimmer war der Nachhall zum deutsch­österreichischen Zollunionsplan. Auch in heutiger Literatur wird das Katastrophale dieser Wende voll gewürdigt (61). Wirtschaftlich wuchs es sich zur entscheidenden Katastrophe aus, der Abzug ausländischer Kredite aus Österreich verstärkte sich dramatisch. Ein großer Teil wurde gezielten Vergeltungsmaßnahmen der Franzosen zugeschrieben, bis im Mai 1931 die Wiener Kreditanstalt zusammenbrach, gefolgt im Juli 1931 vom Zusammenbruch der deutschen Danatbank und Devisenbewirtschaftung in Deutschland.