Auf der politischen Seite brachten die Engländer den Streit vor den Völkerbundsrat, der ihn dem Haager Gericht überwieß. Vor dessen Urteil schon zog sich Österreich von dem Plan zurück, das Urteil erging dann gegen die Zollunion als eine Verletzung bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen. Anfang Oktober 1931 trat der deutsche Außenminister Curtius von seinem Amt zurück. Die Politik des Auswärtigen Amts änderte sich aber nicht, die Zeiten allerdings wohl. Während der Zollunionsplan 1931 am allgemeinen Widerstand in Europa gescheitert war, brachten spätere vertragswidrige deutsche Schritte wie Hitlers Wiederaufrüstung und Remilitarisierung des Rheinlands 1936 keine entsprechenden Reaktionen der anderen Mächte. 1939 wurde das Maß voll, und nach österreichischem Anschluß, München und Prag kam es dann über die deutschen Revisionsansprüche auf den polnischen Korridor, Danzig und Ostoberschlesien zu entschiedener Ablehnung seitens der Alliierten, zu Hitlers bewaffneten Angriff auf Polen und zum 2. Weltkrieg.
Der Anfang, der "Sündenfall", war mir immer in so lebhafter Erinnerung geblieben, weil ich ihn von so nahe erlebt hatte. Die Sünde war durchaus nicht nur die irrige Einschätzung der eigenen Stärke und der wahrscheinlichen Reaktion der anderen, nein, es war der Irrtum, daß Deutschland in Europa anders als unter dem Leitstern föderativer Politik und Gesinnung handeln kann. Meine Rückkehr von der Wiener Ratstagung bedeutete auch meinen Abschied von aktiver politischer Tätigkeit im Studentenleben.
B) München
Wie zur Vorbereitung auf den neuen Abschnitt meines Studiums in München war grade der dort spielende große zeithistorische Roman Lion Feuchtwangers "Der Erfolg" erschienen, ich hatte ihn verschlungen. Diese Art von Porträtieren, alles Politische, die kulturelle Geschichte und Szene, mit so lebendig werdenden Personen, teils Fiktion, teils Schlüsselroman schien mir der Gipfel zeitgenössischer Erzählkunst. Gewiß, es gab da auch neben der lebendigen, wenn manchmal auch derben Menschlichkeit viel Unrecht, Gewalt und Intrige, aber ich sah meiner Zeit in München erwartungsvoll entgegen. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Menschen und Klima, Stadtbild und Land waren wie ein kräftiger Trunk nach vier hektischen Jahren in Berlin. Hier lebte man auch mit Zeugnissen noch längerer geschichtlicher Vergangenheit, mir besonders in Erinnerung von einem Wochenende in dem benachbarten Augsburg, mit seinen alten Kirchen und Bürgerhäusern. Nun wußte ich schon, Augsburg war schon schwäbisch, der Norden Bayerns war ja fränkisch. Von den "complexities", die ich von Schlesien und Berlin, von ihren "ostmärkischen" Ursprüngen her gewohnt war, gab es hier in Bayern neue Vielfalt, eigentlich selbst ein erfolgreicher Föderativstaat, aber es wurde nicht viel darüber gesprochen und es gab ja auch keine dem entsprechende Struktur. Von der langen, gemeinsamen monarchischen Geschichte her schien das alles gut unter Dach und Fach.
Die absorbierende Beanspruchung durch verschiedene politische Pläne und Funktionen hatte ich nun hinter mir, die neue Umgebung war fruchtbarer Boden für den Drang, nun neben Studium mehr Raum für eigenes Privatleben und Neigungen zu lassen. Guter Freund in der FWV München wurde Ralph Kleemann (1), der aus Nürnberg kam. Durch ihn lernte ich auch eine Psychologiestudentin aus Nürnberg kennen, mit der ich mich sehr anfreundete. Das Leben sah ganz anders aus da in München.
An der Technischen Hochschule sah ich Chancen, das Diplomexamen schon Ende des Sommersemester zu machen, aber ich ging dafür auch zu dem "Repetitor" Dr. Broich, sehr kompetent, von nüchternem, sachlichen Urteil, außer wenn seine nationalistischen Ansichten berührt waren. Er kam aus dem 1918 von Deutschland an Belgien abgetretenen EupenMalmedy, ein Original, arbeitete trotz vorgerückter Jahre an seinem dritten Doktortitel. Ich brauchte für mein Examen Finanzwissenschaft, was in Charlottenburg nicht zum Curriculum gehört hatte, mehr Volkswirtschaft und Jura, alles an der Universität zu belegen, wo ich also oft hinkam. Das Repetitorium war direkt gegenüber der Rückseite der Universität.
Natürlich ging ich auch zum Demokratischen Studentenbund München. Er war auch hin und hergerissen zwischen Staatspartei, aber eher neigend zu der von Nürnberg her aktiven Gruppe, die sich unter dem Pazifisten Ludwig Quidde und dem Nürnberger Oberbürgermeister Lubbe nach links abgespalten hatte. Zu ihnen neigte damals auch ein aktives Mitglied des Demokratischen Studentenbundes, Walter Seuffert, mit dem ich während meiner Münchner Zeit viel zusammen war und auch noch später korrespondiert habe. Trotz manchmal gegensätzlicher Einstellungen verstanden wir uns, aber es gab manche nächtliche Spaziergänge mit lebhaften Auseinandersetzungen.
Nicht nur, daß er ganz klar für QuiddeLubbe war, das schien mir eine schmale politische Basis und ich wollte die Hoffnung auf die Staatspartei noch nicht ganz aufgeben, aber die Aufmerksamkeit, die ich einigen Ansichten des "Tatkreises" zu geben bereit war, brachte ihn sehr auf, und er fing da bei Kant an, das heißt, schon mein Interesse an Bergson und Husserl war ihm suspekt. Es waren interessante Unterhaltungen mit ihm, an die ich oft gedacht habe. Er kam aus Darmstadt, von einer Familie bekannter deutscher Juristen, und war damals an der Universität München auch Assistent des Staatsrechtlers Dr. Nawiaski.
Eine andere Bekanntschaft, die ich im Demokratischen Studentenbund machte, war der Buchhändler Sternecke und seine Tochter. Er war in der demokratischen Partei aktiv gewesen, seine Buchhandlung ein Sammelpunkt für fortschrittlich und liberal denkende Menschen. Es erstaunte mich aber, als ich erzählte, mit welcher Erwartung ich nach München gekommen war nach der Lektüre von Lion Feuchtwangers "Erfolg", daß er sehr antagonistisch reagierte. Er sagte, Feuchtwanger sei ein guter Freund und im selben Kreis gewesen, aber habe alle enttäuscht, er habe München in den Rücken gestoßen mit diesem Buch.
Eine große Patronin des Demokratischen Studentenbunds in München war Frau Constanze Hallgarten. Schon in meiner Zeit im Deutschen Studentenverband in Berlin hatte ich von ihr gehört. Sie hatte unsere Münchner Freunde Hammelburger (er lebte leider nicht mehr als ich nun dort studierte) und Oldenburg sehr unterstützt in ihrem Kampf, den Status der Deutschen Studentenschaft in Bayern zu reduzieren, wie sie mir während des Republikanischen Studententags im Januar 1930 sehr lebhaft berichtet hatten. Sie lud jedes Jahr die demokratischen Studenten für einen Abend in ihr Haus; die Chance habe ich verfehlt.