Es interessierte mich natürlich, wie sich die Verhältnisse in der Hochschulpolitik in München entwickelten, und will das auch noch skizzieren, nachdem ich schon soviel über Berlin berichtet habe (2). In Bayern waren die staatlich anerkannten Studentenschaften nicht aufgelöst worden. Es gab also weiter allgemeine "Asta" Wahlen und diese hatten immer eine hohe Beteiligung. Wie überall war die beherschende Kraft bisher die Gemeinschaft der "waffentragenden" völkischen Korporationen, in München der "Waffenring", den man gewöhnlich als deutsch­national eingestellt ansah, obwohl er durchaus nicht parteipolitisch gebunden oder organisiert war. Es gab aber außerdem dort eine katholische Liste, die politisch gemäßigter war. Auch die Nationalsozialisten traten mit mit einer eigenen Liste auf. 1928 errangen sie an der Universität drei und 1929 dann fünf Sitze (auf Kosten des Waffenrings) von gesamt 30. Die republikanischen Studenten blieben bei ihren drei Sitzen und die Katholiken bei ihren sieben (3). Es gelang den republikanischen Studenten und ihren Parteien nicht, von der bayrischen Regierung oder im Parlament die Entziehung der staatlichen Anerkennung der von den völkischen Rechten beherrschten Studentenschaft zu erreichen, aber die katholische Bayrische Volkspartei, Hauptregierungspartei, schloß sich republikanischer Initiative und damit der Politik des preußischen Kultusministers Becker soweit an, daß der bayrische Kultusminister die Beiträge der bayrischen Studentenschaften an die Zentrale der Deutschen Studentenschaft in Berlin sperrte. Diese Deutsche Studentenschaft war, da die preußischen Studenten seit 1928 keine Zwangsbeiträge mehr zu zahlen hatten, schon in finanzielle Engpässe geraten. An diesem Erfolg in Bayern hatte auch der sozialdemokratische Abgeordnete im bayrischen Landtag Dr. Hoegner großen Anteil, aber eben auch die diskrete Tätigkeit von Constanze Hallgarten.

Das Anwachsen der Nationalsozialisten auf Kosten des Waffenrings brachte diesen und gemäßigtere Rechtsgruppen in eine latente Abwehrstellung. Die Nationalsozialisten traten sehr provokativ auf, mehrfach waren sie im Asta ganz isoliert und die gemäßigtere Rechte mit den Katholiken stimmten zusammen mit den republikanischen Vertretern gegen die Nazis (4). Das erinnerte mich zeitweise an Vorgänge an der TH Charlottenburg, aber in München machte die Existenz des geschlossenen, eigenständigen katholischen Blocks einen weiteren Unterschied. Es gab also immer wieder Machtkämpfe im Münchner Asta, so wie es schon in Berlin sogar Ehrengerichtssachen zwischen Korporations­ und Nazivertretern in den zentralen Gremien der Deutschen Studentenschaft gegeben hatte.

Die Münchner Universität hatte ihre schwersten Unruhen im Sommer 1931 mit dem "Fall Nawiasky" zu bestehen. Die Wahlen danach im November 1931 brachten den Nazis nicht die erwartete Astamehrheit, sondern nur elf von 30 Sitzen, die Wahlen ein Jahr später im November 1932 zeigten bereits eine Reduktion der Nationalsozialisten auf zehn Sitze.

Schon 1931 hatten sich die Gegner der Nazis gut konsolidiert, zu den Katholiken war eine Liste für Fachschaftsarbeit gekommen, 1932 erschienen unter den Nichtnazis auch eine Deutschnationale und eine Stahlhelmgruppe mit je zwei Sitzen, der Waffenring war reduziert auf nur vier Sitze. Das war also das Bild der Münchner Universitätsstudentenschaft kurz vor Hitlers Machtübernahme. Die Nazis erhielten nur 37% der Stimmen, die Wahlbeteiligung war von 93% auf 80% gesunken.

Die Nazis hatten es immer wieder verstanden, durch patriotische Parolen die anderen nationalistischen Astagruppen für gemeinsame Aktionen mit sich zu reißen, aber sie brachten die anderen "Partner" durch maßloses Verhalten immer wieder in Verlegenheit mit Hochschule und bayrischer Regierung, so daß sie sich bis zur Machtübernahme Hitlers wiederholt isoliert fanden. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 beschloß der Asta eine Adresse an Hindenburg, d.h., er unterstützte die damalige Kandidatur Hindenburgs gegen Hitler, wieder eine Abstimmung, bei der sich die Nazivertreter isoliert sahen. Es kam zu einer Maßregelung des Naziführers durch Rektor und Senat, schließlich sogar zur Suspendierung des Nationalsozialistischen Studentenbundes für das Wintersemester 1931/32.

Diese Einzelheiten (aus den vielen Pressezitaten in der Dissertation von L. Franz gefunden, und vielleicht von gewissem zeitgeschichtlichen Interesse) habe ich hier kurz erwähnt, sie nehmen spätere Vorgänge voraus, ich selbst habe ja nur das Sommersemester 1931 in München zugebracht.

Zu den engsten Freunden Walter Seuffert's gehörte damals Ernst v. Borsig, den ich auch schon beim Repetitor Broich kennengelernt hatte. Wir trafen uns öfters, besonders zum Mittagessen in der Osteria Bavaria an der Schellingstraße, es war ein recht gutes, gepflegtes und ruhiges, aber zwangloses Restaurant, einige Studenten, viele höhere Beamte, man saß oft im Garten. Wir gingen auch manchmal zusammen zu Veranstaltungen, so zu einem Vortragsabend der Staatspartei, an dem der Nationalökonom Dr. v. Zwiedeneck­Südenhorst sprach, und einem Abend im Politisch­Akademischen Klub, eine spezifische Münchner Einrichtung, überparteilich, an dem der frühere preußische Kultusminister Becker sprach. Ich kannte ihn ja aus Berlin, und meldete mich auch bei ihm.

Wenn man an Politik interessiert und schon in München war, gehörte dazu natürlich auch, daß man sich dafür interessierte, wie Hitlers Partei aus nächster Nähe aussah und was man über sie am Ort erfahren und sehen würde. Es war allerdings keineswegs so, daß sie im München von 1931 eine wirklich überbordende Erscheinung waren, so etwa ganz München, die "Stadt der Bewegung". Ich fragte mal, ob man die führenden Leute der Partei auch sonst mal sehe, was für Lokale sie besuchen. Da war, wurde gesagt, ein Bräu in der Schellingstraße, wo z.b. Gregor Strasser und Frick oft saßen. Auch Hitler, nein wurde gesagt, eigentlich nicht.

Als ich eines Tages mit Seuffert und v. Borsig in der Osteria Bavaria saß, sah ich einen untersetzten, eher dunkel wirkenden Mann zwei Tische entfernt, ich weiß noch heute nicht wieso, aber meine Blicke gingen immer wieder auf diesen Mann, er schaute eher finster drein, und schien einen auch anzustarren. Plötzlich dämmerte mir etwas, ich fragte meine Freunde, ob das nicht der Hitler wäre, ja, sagten sie, der kommt hier öfters her. Mein Erstaunen schien also ganz unangebracht, niemand schien ihn zu beachten, er saß mit drei anderen Männern an einem Vierertisch, wie die meisten waren. Ich habe ihn dort dann noch öfters gesehen, aber nie mehr in so großer Nähe, also diesen merkwürdigen Zwang, mir einen noch Unbekannten immer wieder anzusehen, als ob ein böses Fluidum von ihm ausgehe, das war eine einmalige Begebenheit, aber seine weiteren Auftritte waren aus anderen Gründen kaum zu übersehen. Er kam meist in größerer Gesellschaft von acht bis zehn Personen und die schien so merkwürdig, daß ich mich an diesen Aufzug oft erinnert habe. Fast immer war der Photograph Hoffman, Hitlers Chauffeur und ein anderer Chauffeur des Braunen Hauses, wie man mir erklärte und natürlich Brückner, den man meist schon vorher sah, da er das Gelände anscheinend zu erkunden und einen Tisch zu arrangieren hatte, dabei. Es waren manchmal auch einige andere Uniformierte, manchmal auch eine jüngere Frau, die an der untersten Ecke des Tisches saß. Was für ein eigenartiger Aufzug, was für ein Mann mußte das sein. Kam er in dieser Gesellschaft dorthin, um die Bürger zu schockieren, oder weil er es so am liebsten hatte? Die Auftritte blieben nicht so unbeachtet, als der Sommer voranging, als man merkte, daß ein oder zwei der alten Kellnerinnen ihre Begeisterung für den Gast kaum verbergen konnten, die sich aber sonst kaum jemandem unter den Gästen dieses bourgeois­intellektuellen Lokals sichtbar mitzuteilen schien.

Es hatte schon an verschiedenen Hochschulen Naziagitationen gegen einzelne politisch linke Professoren gegeben, in München gab es am 26. Juni 1931 dann die Auschreitungen gegen den bekannten Staatsrechtler Hans Nawiasky. Obgleich sie wie eine Reaktion auf seine Äußerungen in einer Vorlesung, über die der Völkische Beobachter am Vortage berichtet hatte, aussehen sollten, gab es Anzeichen, daß sie von den Nazis schon vorher geplant waren (5). Nawiasky war jüdischer Abstammung, in Czernowitz geboren, aber ein prominenter katholischer Staatsrechtslehrer geworden, der nun allerdings durchaus nicht politisch links stand. Er war erst in der angestammten österreichischen Monarchie, dann in Bayern, auch Rechtsberater der bayrischen Regierung gewesen. In einer Vorlesung hatte er, ausdrücklich nur für seine Hörer bestimmt, Fragen internationaler Verträge erörtert, es näherte sich der Jahrestag des Versailler Vertrages, und bemerkt, daß die Deutschen ja den Russen 1917 in Brest­Litowsk auch sehr harte Friedensbedingungen auferlegt hatten. Da hatte es zunächst gar keine Unruhe gegeben, aber Nawiasky erhielt Warnungen, daß solche geplant seien. In der schon spät am 25.Juni erscheinenden Ausgabe des Naziorgans vom 26.Juni war der Fall Nawiasky ganz groß und hetzerisch aufgemacht, ganz klar als Signal zu gewalttätigen Protestaktionen an der Universität.