Meine Verwicklung darin blieb begrenzt, ich war ja an der TH und schon so gut wie im Examen, aber gleich früh war es bei dem Repetitor Broich beinahe zu einem Handgemenge zwischen einem Nazistudenten in SA Uniform und v. Borsig gekommen, der sich sehr scharf gegen die Angriffe der Nazis auf Nawiasky gewandt hatte. Broich, selbst kritisch gegen Nawiasky, konnte Gewalttätigkeit verhindern, aber gegenüber in der Universität brach sie dann aus. Walther Seuffert wurde dabei verletzt. Ich war in die TH gegangen, aber besorgt, was passieren würde, ging zum Mittagbrot in die Osteria, und da saß Seuffert ganz allein, immer noch sehr erregt, unter dem Auge noch immer eine blutende Wunde (6). Er wollte nicht zum Arzt gehen, erzählte statt dessen, wie sich die Krawalle um Nawiaskys Vorlesung an diesem Morgen abgespielt hatten und er selbst dabei tätlich angegriffen und verletzt wurde.
Die Nazis setzten die Krawalle noch in der folgenden Woche fort, bis der Rektor am Dienstag 2.Juli die Universität schloß. Sie wurde am 6. Juli wieder geöffnet. Nicht nur Nawiasky, auch der Rektor hatten sich sehr vorbildlich benommen, und am 8.Juli verurteilte dann auch der Asta der Studentenschaft die nationalsozialistischen Ausschreitungen (7). So endete der Fall Nawiasky wieder mit erneuter Isolierung der Nationalsozialisten, aber sie hatten von sich reden gemacht.
Während meines Münchner Studiums hatte ich mich noch für ein hochschulpolitisches Anliegen interessiert, die Bildung von Fachschaften, durch die Studenten einer Fachrichtung ihre besonderen Interesen wahrnehmen könnten, und daß eine Zusammenarbeit solcher Fachschaften dann vielleicht die studentische Selbstverwaltung anstelle der so hochpolitisierten Studentenschaft und ihrer Astas übernehmen könnte. Das war schon in Charlottenburg nach Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft ein Plan gewesen (8). Meine demokratischen Freunde baten mich auch an den Besprechungen teilzunehmen, die grade in München aktuell wurden. Sie gingen noch nicht sehr weit damals, aber ein Stein kam ins Rollen. In späteren Semstern gab es dann in München eine Fachschaftsliste bei den Astawahlen, die dazu beitrug, eine Nazimehrheit an der Universität bis zu Hitlers Machtübernahme zu verhindern.
Für mich aber war nun das Examen für den Diplomkaufmann gekommen, das ich auch ganz gut bestand. Am 13. Juli saß ich bei einer der schriftlichen Prüfungen, und wieder gingen Nachrichten im Raum herum, Zeitungen wurden gezeigt, die deutsche Bankenkrise war ausgebrochen, die Danatbank hatte schließen müssen. Ein Gefühl tiefster allgemeiner Krise verbreitete sich. Die staatliche Bewirtschaftung aller Devisenvorräte, die eingeführt werden mußte, relativierte ferner alle Vorstellungen von freier Marktwirtschaft und trug so zur Krise des bisher vorgestellten Systems bei, eine Erscheinung, mit der viele Länder für Jahrzehnte zu leben haben würden.
C) Zwischen Breslau und zu Hause
Mit dem bestandenen Examen endete nun meine kurze Studentenzeit in
München. Für meine weiteren Pläne war die Wirtschaftskrise nicht gut.
Ich wollte weiteres Studium der Nationalökonomie zur Erlangung
eines Doktorates mit einer Praktikantenstellung irgendwo vereinigen.
Zunächst bewarb ich mich bei der Frankfurter Zeitung um eine Stelle in ihrem Handelsteil. Die Frankfurter Fakultät war sehr gut, und dort eine Dissertation zu machen, schien mir ein großer Preis. Ich fuhr nach Frankfurt, Heinrich Simon hatte mir gesagt, ich könnte mich jederzeit bei ihm melden. Erst sah ich den einstigen Jungdemokratenführer Hans Kallmann (1), der dort zur Redaktion gehörte, aber er war skeptisch, daß sich nun in der Krisensituation etwas machen läßt, und Heinrich Simon fand das dann auch. So gab ich Frankfurt auf und ging nach Berlin.
Rawack & Grünfeld bauten Personal ab, hatten in der Krise große Verluste durch Vorkäufe von Eisen und Manganerzen erlitten, das entscheidende Gewicht war von Felix Benjamin auf Vertreter der Banken übergegangen. Die GFE meines Onkels Paul Grünfeld behauptete ihre führende Stellung in der Ferrolegierungsindustrie, die Krise machte sich aber auch bemerkbar. Mein Onkel Paul wollte mir helfen, aber meinte, daß meine besten Möglichkeiten nicht auf der rein kaufmännischen Seite oder Industrieverwaltung, sondern zum Beispiel bei Tätigkeit in einem wirtschaftlichen Verband liegen würden. Er kannte mich ja gut, ich war so viel dort im Haus, und es war vielleicht nicht unbedingt gebilligt, aber immerhin bemerkt worden, wie ich mich in politischen Dingen profiliert hatte. Die GFE gehörte dem Verband zur Wahrung der Interessen der Chemischen Industrie (genannt Langnamverband) an, und mein Onkel empfahl mich an den Geschäftsführer Dr. U.. Mein Interview verlief erfolgreich, und er war bereit, mich anzustellen und das schien unter Dach und Fach. Bald mußte er mir aber mitteilen, daß sein Kollege Dr. Pietrikowski ein Veto eingelegt hat, weil es der Vertraulichkeit wegen nicht geht, daß ein Verwandter eines Verbandsmitgliedes in der Verwaltung beschäftigt wird. Es war eine große Enttäuschung für mich, und unerwartet, daß es grade von Dr. Pietrikowski kam. Er war früher mit dem von einer Posener Familie kontrollierten Ostwerkekonzern verbunden gewesen und einige Zeit auch Direktor bei Rawack & Grünfeld, aber ich mußte das einstecken. Dr. U. gab mir statt dessen eine Empfehlung an seinen Freund Leo Gross, Geschäftsführer des Verbands des deutschen Großhandels.
Das Interview mit ihm brachte mich nochmals nach Berlin. Wieder sah ich auch die alten Freunde aus der Hochschulpolitik, auch Wolfgang Straede kam zu uns ins Kaffee Schön, um mich zu sehen. Einige Tage vorher war gerade die Gründung der Harzburger Front verkündet worden, also die Deutschnationalen hatten sich mit Hitler verbündet. Wir im Kaffee Schön waren voll Empörung und großen Befürchtungen, man fragte Straede, wie man sich das eigentlich vorstellt, Hitler zur Macht kommen zu lassen heißt doch, daß es in seiner Alleinmacht enden wird. Wir schrieben Oktober 1931. Straede bemühte sich, uns zu beruhigen, nichts werde außer Kontrolle geraten, alles sei dafür vorgesorgt. Ich verließ das Kaffee mit ihm, und als wir uns unter den Linden verabschiedeten, fragte ich, was er denn für Änderungen erwartet von der Harzburger Front. Es wurde deutlich, er meinte auch nicht, daß alles beim Alten bleibt, diese Harzburger Front hieß viel für ihn, eben doch eher, daß eine neue Zeit in Deutschland anfangen wird. Ich erwähnte die Stellung der Juden. Er zögerte ganz kurz, als um nachzudenken, als ob er bisher, oben im Kaffee, an diesen Punkt gar nicht besonders gedacht hätte. Ich sah, es kam plötzlich ein etwas stählerner Blick in das vertraute Gesicht, als ob es einer gewissen Anstrengung und Entschlossenheit bedurfte, wie er dann sagte, ja, es wird sich vieles ändern. So trennten wir uns, es gab mir das Gefühl, daß sich da ein Graben aufgetan hatte.
Da ich wegen einer Praktikantenstelle aus Berlin nichts mehr hörte, fiel dann die Entscheidung, für meine Dissertation nach Breslau zu gehen und dabei soviel Zeit wie möglich auch im Geschäft in Kattowitz zu verbringen. Das schien auch angezeigt, die finanzielle Lage war dort angespannt geblieben der schlechten Konjunktur wegen. Für die Ziegelei war als Betriebsleiter ein aus Krakau stammender junger, auf Keramik spezialisierter Chemischer Ingenieur, Zygmunt Weingrün, engagiert worden, er schien sehr intelligent und energisch. Meine Schwester Lotte kam auch nach Kattowitz zurück, um dort in der Tischlerei der Firma sich auf Möbelfabrikation auszubilden. Die jüngere Schwester Marianne war noch zu Hause. Ich hatte ja seit 1928 nie mehr viel Zeit in Kattowitz verbracht, mußte mich nun neu mit manchem vertraut machen.