Meine polnischen Schulkenntnisse hatten sich noch wenig verbessert, nur gelegentlche Anläufe mit Privatstunden in Ferien, Bemühungen, Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, aber im privaten Leben gab es noch kaum polnisch sprechende Kontakte, auch bei der Jugend. Die meisten meiner deutschen Schulfreunde waren fort in Deutschland, auch die jüdischen unter ihnen, aber es gab Ferienbesuche von manchen, und so blieben alte Freunde wie KarlHeinz Lubowski und HansWerner Niemann, der jetzt auch in Breslau studierte. Als neue, sehr interessante Kontakte in Kattowitz ergaben sich 2 etwas ältere jüdische Intellektuelle, die beide Journalisten geworden waren, auch aus alten deutschjüdischen Kattowitzer Familien stammend und dorthin zurückgekehrt. Einer war Dr. Fritz Guttmann, Nationalökonom aber auch mit großen Kenntnissen und Urteil in Literatur und Musik. Er war bei der "Kattowitzer Zeitung" Leiter des Wirtschaftsteils und auch des Feuilletons geworden. Fritz Guttmann war verheiratet und lebte mit seiner Familie auf der deutschen Seite in Beuthen, ein weiterer Grund dort manchmal einen Abend zu verbringen. Das war kein Problem, der kleine Grenzverkehr, durch das Genfer Abkommen eingeführt, war ja noch bis 1937 in Kraft. Vorläufig war es attraktiv für uns, manchmal nach Beuthen zu fahren. Nach 1933 wurde es dann für manche in DeutschOberschlesien attraktiv, mal nach Kattowitz zu kommen.
Die andere neue Bekanntschaft in Kattowitz war Dr. Franz Goldstein, ganz und gar literarisch und künstlerisch eingestellt, unverheiratet. Die "Wirtschaftliche Vereinigung für PolnischOberschlesien" umfaßte deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende, wobei die deutschjüdischen natürlich einiges Gewicht hatten. Sie wurde, ebenso wie ihre Wochenzeitung, die "Wirtschaftskorrespondenz für Polen" von Dr. Alfred Gawlik, zur deutschen katholischen Gruppe gehörend, geleitet, und bei der Wirtschaftskorrespondenz war Franz Goldstein als Redakteur angestellt. Er entwickelte dort als Beilage eine Buchrevue verbunden mit Theater, Konzert und Filmkritik, durch die er mit vielen bekannten Schriftstellern in Korrespondenz oder persönlichen Kontakt kam. Von seiner Münchner Studentenzeit stand er Arnold Zweig nahe und zeigte sich sehr begeisterungsfähig für manche junge Talente, zu denen auch Klaus Mann gehört hatte. So gab es in Kattowitz 1931 zwei sehr fortschrittlich und modern eingestellte Feuilletons, die sich, als ich 1927 zum Studium nach Berlin ging, noch nicht so profiliert hatten. Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich weiter verschlechtert. Zwar hatten die Wahlen zum Schlesischen Sejm den Deutschen im Mai 1930 noch ein Drittel der Sitze gebracht, aber bei einer neuen Wahl im November waren die deutschen Stimmen stark reduziert und es kam zu deutschen Protesten im Völkerbund gegen polnischen Wahlterror.
Entscheidend für die weitere Schwächung der deutschen Minderheit wurde dann im Laufe der Zeit der zunehmende polnische Einfluß in den Verwaltungen der verschiedenen Industriegesellschaften, die das Bild seit dem Beginn der 1930er Jahre bald vollkommen veränderten. Der polnische Staat half nach durch Zwangsaufsichten z.B. nach Steuerstreits. Es erschien in Oberschlesien eine ganz neue Schicht von gut ausgebildeten und erfahrenen polnischen Industrieverwaltern und Ingeneuren, wie es ja auch im übrigen Polen in diesen Jahren zu einer stärkeren Profilierung industrieller Aktivität kam, zum Teil unter dem Zeichen des sich in Polen entwickelnden Systems des "Etatismus". Die Geschäftsaufsichten über Teile der oberschlesischen, von ausländischem Kapital oder deutschen Adelsfamilien kontrollierten Schwerindustrie gehörten in dieses Bild.
In Breslau meldete ich mich bei Dr. G. Hesse als Doktorand. Er war zu seiner Zeit anerkannt als sehr solider Nationalökonom, war Verfasser eines vielgebrauchten Lehrbuchs und außerdem Leiter des in Breslau bestehenden Osteuropainstituts. Er nahm mich als Doktorand gleich an und da ich einiges Polnisch auch die Verhältnisse in Polen etwas kannte, schlug er vor, als Dissertation eine Arbeit für das Osteuropainstitut zu machen, und zwar über "Die Auslandsverschuldung Polens", über die noch keine Publikationen vorlägen. Das nahm ich auch an und machte mich gleich an die Arbeit. Ich mußte natürlich auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen. Sie waren interessant, Hesses Seminar sehr sachlich, nüchtern und gründlich, viel über wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet. Der andere Ordinarius war Dr. Bräuer. Sein Seminar war eher lebhafter, mehr zu Gedankenflügen gegeben. Auch ich sprach öfter, mußte auch ein Referat über Krise und Konsum halten. Das Hauptprogramm über ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher Übersetzung vorlag und in Deutschland gleich großes Interesse fand. Auch ich hatte damals das Gefühl, daß einem die Augen für die finanziellen Zusammenhänge im modernen wirtschaftlichen Geschehen geöffnet wurden. Die wöchentlichen Sitzungen über Keynes's Buch, auf die man sich entsprechend vorbereiten mußte, wurden eine eindringliche Erfahrung.
Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Großmutter und andere Verwandte lebten noch dort. In der FWV traf ich wieder viele Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred Danziger. Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehörten, traf ich mich nicht, außer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die Boykottliste gesetzt. Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau wieder mit HansWerner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels. Ich hatte ihn jetzt auch als Chef seiner großväterlichen Breslauer Großhandelsfirma Grund & Lion in seinem Büro kennengelernt und seine politischen Verbindungen hatten weiteres Profil gewonnen. Fritz Klatt war nicht nur ein mit der Jugendbewegung verbundener Pädagoge, er war auch einer der Mitbegründer der "Neuen Blätter für den Sozialismus" geworden, die immer noch eine der wenigen Leitplanken für mich blieben, von denen man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu können.
Wegen meines starken Asthmas wurde mir für Ende des Wintersemesters ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben. Die herrliche Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Städte und Dörfer gehören zu meinen schönsten Erinnerungen an das alte Europa.
Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes Völkergemisch. Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder, ungarische Besucher, manche davon jüdisch, ebenso wie Gäste von den vielen Tälern der Slowakai, wo es ja außer Slowaken auch noch viele ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden. Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser, und die hatten auch oft in Budapest studiert. So war das auch mit Dr. Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich ein Patient war. Dafür aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.
Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit und Zeit mehr gleichmäßig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium, den geschäftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die mich nun auch für meine Dissertation sehr angingen.
Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der politischen Entwicklung in Deutschland. Sie wurde so beängstigend und turbulent, daß sie, wo immer man war und sich beschäftigte, die alles überhängende und beschattende große Beklemmung in diesen Monaten blieb. Die Arbeitslosenzahl stieg auf über 6 Millionen, die Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und Rücksichtslosigkeit im häufigen Straßenkampf zu. Die Diskussion über die Deflationspolitik des Kabinetts Brüning war auch immer heftiger geworden. Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen diese Politik eingestellt (2).
Im März 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichspräsident ab. Hitler kandidierte für die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit, sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen Unterstützung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten. Es brachte Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen über Wirtschafts und Außenpolitik hätte kommen müssen. Es gab bei den wichtigsten Faktoren der bürgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, daß zwar möglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die Sozialdemokratie "halbautoritär" regiert werden müsse, als neue Daseinsform für Deutschland. Schwerindustrie und Reichswehr übten ihre Einflüsse in dieser Richtung aus. Bald verlor auch Brüning das Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, daß dies durch Hindenburgs Mißtrauen wegen der Pläne für Landreform und bäuerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.