Brüning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt, vom rechtesten Flügel des Zentrums, als Politiker bisher fast unbekannt. Die andere Schlüsselfigur im neuen Kabinett blieb der General v.Schleicher. Brünings Regierung war ja noch eine parlamentarische gewesen. Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit, war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs. Das neue Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten löste Skepsis und vermehrte Unsicherheit aus. Brüning hatte mit Hindenburgs und Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs eine Verordnung für Auflösung und Verbot der bewaffneten nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung Papen hob es wieder auf (3). Als etwas wie Papens politische Heimat und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten Öffentlichkeit ganz unbekannt.

Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d. Knesebeck traf, Leiter des Büros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im deutsch­oberschlesischen Gleiwitz. Er schien öfters nach Kattowitz zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten hatte. Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma "Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschäfte von Caesar Wollheim übernommen hatte. Er war ein guter Pole. Zum abendlichen Bridge war ich dazugeladen worden. Mein Bridge war nicht so wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis über die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus, daß v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war. Vermutlich hätte er das nie erwähnt, aber die Eröffnung war gewiss zeitgemäß. Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und die sicherste Bastion gegen eine Machtübernahme Hitlers. So war es ja dann leider nicht.

Die Regierung Papen schien zunächst auf Distanz zu Hitler zu halten, schwächte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die gewaltsame Absetzung der preußischen Regierung, ein großer Schock, auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging. Es war traurig. Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die republikanische Gewalt über und durch die von ihnen so wohlorganisierte preußische Polizei.

Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit meiner Dissertation schon weit gediehen, zurückkam, hatten sich die politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige scheinbare Lichtblicke. Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die Nazis selbst mit ihrem Harzburg­Partner Hugenberg zusammen nicht die Mehrheit der Stimmen errungen. Die Reichstagsmehrheit allerdings bestand nun aus Nazis und Kommunisten. Diese lehnten mehr noch stärker als bisher jegliche Fühlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab. Als ihre Parole verbreitete sich, man müsse nun auf das Vierte Reich warten. Das also war Moskaus Politik.

Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefühl eines beginnenden Chaos wurde für mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November 1932, der zu einer fünftägigen Lähmung der Berliner Verkehrsmittel gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November führte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig aufgerufen hatten (4).

Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die höchste Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht. Die Regierung Papen/Schleicher, im Einverständnis mit Hindenburg und Hugenberg, versuchte auf eine Lösung durch erhoffte "Zähmung der Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald durch Forderung auf die ganze Macht zerstörte. Der Reichstag wurde wieder aufgelöst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum ersten Mal wieder einen Rückgang der nationalsozialistischen Stimmen. Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten. Es gab unterdeß auch Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts­ und deutscher Wirtschaftskrise. Die parlamentarische Lähmung im Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg ihm mit Schleicher verweigerte. So erschien ein neues Konzept für eine von außerhalb des Parlaments kommende Lösung ein Gebot der Stunde. Der "Tatkreis" hatte dafür seit langem agitiert, mit Schleicher als Schlüsselfigur für eine "Dritte Front", gestützt auf der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Führung von Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs weiterer Verweigerung von Hilfe für die Politik der herrschenden halbmilitärischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten. Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drängenden Kreise der Nazipartei um den scheinbar mächtigen "Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtübernahme gewandt hatte.

Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tägliche Rundschau", war für den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers Unterstützung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur. Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit für seine Regierung beschafft und mußte zurücktreten, Hindenburg machte Ende November 1932 Schleicher zum Reichskanzler. Zehrers Aktivitäten und Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine Schlüsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers Machtübernahme besonders nahe.

Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts Zeichen von Zustimmung. Leopold Schwarzschild hatte mit seiner antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen. Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schluß, daß nur die Unterstützung einer aufgeklärten autoritären Regierung das Schlimmste, nämlich Hitler's Machtübernahme, verhindern könne (7).

Der Kreis um die "Neuen Blätter für den Sozialismus" hatte auch an "Brückenbau" zwischen links­ und rechtsgerichteten sozialistischen Kräften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8). Bei den Neuen Blättern war man aber anscheinend skeptisch über eine solche "Einheitsfront" um Schleicher, aber die Fühlungnahme wird als Teil der in diese Richtung gehenden Anstrengungen gesehen (9).

Schleicher's Pläne für eine "Dritte Front" kamen nicht zum Zug. Er dachte wohl auch immer noch an eine "Zähmung" der Nationalsozialisten als Alternative. Die Heeresleitung war zweifelhaft, ob ein Einsatz der Reichswehr gegen Hitlers Kampfverbände noch durchführbar sein würde. Strasser schien den Stein ins Rollen zu bringen und legte mit einem Applomb am 8. Dezember alle seine Ämter in der NSDAP nieder. Es schockierte Hitler, er soll von Selbstmord gesprochen haben (10), aber es kam nicht zur erwarteten Spaltung der Partei. Auf der anderen Seite wurde auch Leipart vom Parteivorstand der SPD zurückbeordert (11), der abgesetzte v. Papen sorgte über Schleichers Kopf für neuen rechtsbürgerlichen Support für Hitler und schließlich für Hindenburgs Beschluß, Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen (12).