Nicht alle der in diesem Rückblick erwähnten Zusammenhänge und Vorgänge sind dem Miterlebenden in jenen schicksalshaften Monaten schon vollkommen klar geworden. Ich habe für meine Darstellung auch auf die reichhaltige Nachkriegsliteratur und Aktenforschung hinweisen können (13). Ich habe diese bewegten Monate zwischen der Universität Breslau und Kattowitz miterlebt, wo man natürlich viele Kontakte, wie auch alle Zeitungen und Zeitschriften hatte. Mit "Tat" und "Neuen Blätter" war ich ja seit langem vertraut, ebenso mit Schwarzschilds Tagebuch, nun las man auch die "Tägliche Rundschau". Aber es kam anders, das Unheil Hitler wurde nicht aufgehalten. Einem grausigen Vorfall auf dem tragischen Weg zu Hitlers Machtergreifung war ich auch besonders nahe gewesen. Im August 1932 hatte die Mordtat der Nationalsozialisten im deutschoberschlesischen Potempa, bei Gleiwitz, die Gemüter in ganz Deutschland erregt. Hitler hatte sich mit den Tätern voll und ganz solidarisch erklärt, die ihr Opfer zu fünft zu Hause überfallen und durch wiederholte Tritte in den Hals ermordet hatten (14). Ich war damals im August in Kattowitz auf der polnischen Seite Oberschlesiens nur etwa 30 km vom Tatort entfernt, wo Presse und Rundfunknachhall noch intensiver waren. Ich wußte, was die Nazis sind, da war ja nicht nur Hammersen gewesen, es hatte ständig schwere nationalsozialistische Grausamkeiten in Straßenkämpfen gegeben. Potempa war nicht im Straßenkampf, es war ein Überfall von fünf Nazis auf einen als kommunistisch verdächtigten jungen Arbeiter. Ob auch mitspielte, daß die Familie des Opfers polnischsprechend war, ist nicht klar. Erschütternd war danach wieder, wie bedrohlich eine mögliche Machtergreifung Hitlers für Deutschland sein würde, und man mußte dabei nun auch an die sich abzeichnende Drohung für die Juden in Deutschland denken.
Wie Hitler die Täter des Potempa Mordes als Helden seiner Bewegung herausstellte, machte klar, daß es bei ihm keine Schranken gab für die Anwendung brutalster, rechtloser physischer Gewalt. Aber er wurde Reichskanzler. Was würde nun wohl aus Deutschland werden?
Kapitel 6
Nach dem Ende von Weimar
Die Machtübernahme Hitlers als Reichskanzler erlebte ich nun in Kattowitz mit Rundfunk, Zeitungen, einigen Telefongesprächen, dann gab es Filmwochenschauen. Es war ganz eindeutig mit dem Aufgebot an SA Märschen und Publikumserregung, obwohl das Kabinett noch eine Mehrheit von bürgerlichen und Fachministern hatte, das war die Machtergreifung. Hitler und seine Nazis schienen eine nachtwandlerische Begabung zu haben, solche Ereignisse zu inszenieren. Von den Festmärschen ging die SA wieder direkt zurück auf die Straße und Schlimmeres. Es kamen die Meldungen von blutigem Terror und Vergeltungsmaßnahmen. Bald mußte ich lesen, daß mein älterer FWV Bundesbruder Günter Joachim in Berlin von SALeuten abgeholt und grausam erschlagen wurde. Die Meldungen über Menschen, die als bekannte Gegner der Nationalsozialisten umgebracht oder in eines der schnell entstehenden Konzentrationslager gebracht wurden, häuften sich, besonders nachdem der Reichstagsbrand die Szene in Deutschland hell beleuchtet hatte, und es waren darunter immer wieder Namen, die ich gut kannte, und manche, denen ich begegnet war. Eine ganze Reihe meiner Freunde verließ Deutschland schon damals.
Bei den neuen Reichstagswahlen am 4. März 1933 erhielt Hitlers Partei immer noch keine 50% der Stimmen, mit Hugenbergs Partei aber hatten sie es nun, und andere Parteien wurden soweit eingeschüchtert, daß ein Ermächtigungsgesetz Hitler vollkommene Macht gab. Es hatte von Nazis und ihrer SA veranstaltete antijüdische Kundgebungen gegeben, und am 1.April kam ein Tag des Boykotts aller jüdischen Geschäfte als Signal, daß die Unterdrückung des jüdischen Bevölkerungsteils nun im Ernst einsetzte. Es war gut, daß ich in diesen Wochen sehr beschäftigt war mit meiner Dissertation. Auch nahm ich ja an den Vorgängen im Geschäft und zu Hause in Kattowitz teil. Es war im Geschäft 1932 eine Veränderung eingetreten, die auch meine eigene Stellung und Zukunft betreffen sollte. Die Liquidität im Geschäft war angespannt geblieben, der Absatz der Ziegelei kam erst langsam aus der Wirtschaftskrise, weitere Kredite hatten beschafft werden müssen, wobei ich entscheidend mitgeholfen hatte. Dann kam 1932 der Tod des früheren Partners Max Grünfeld, für dessen Kremation Vater und ich nach Berlin gefahren waren. Nach seinem Ausscheiden hatte er in Berlin ein bequemes und geruhsames Leben führen können und danach noch geheiratet. Es war ihm noch ein verzinsliches Guthaben in der Firma verblieben, nach seinem Tode wurde nun verlangt, daß das für die Erben gesichert wird, und zu denen gehörte nicht nur die Witwe, Tante Mucke, sondern nach ihr alle Vettern und Kusinen, die etwas von solcher Erbschaft brauchen konnten, und da gab es einige. Daher waren nun an solcher Sicherung auch die interessiert, die sich als Sachwalter solcher Familieninteressen fühlten. Zu deren Auflagen gehörte außer hypothekarischer Sicherung auch, daß ich keine anderen Pläne für meine Karriere machen, sondern bei meinem Vater in Kattowitz bleiben sollte.
Mit Verhältnissen in Polen hatte ich mich ja nicht nur durch die im Osteuropainstitut in Breslau vorhandene Literatur und Zeitschriften, sondern auch in Kattowitz vertraut machen können. Mein Polnisch hatte sich zusehends verbessert, wenn auch mehr zum Lesen solcher Literatur und Zeitungen oder auch Geschäftspapieren als für Konversation und Umgangssprache.
Im Spätsommer 1932 besuchte ich zum ersten Mal Warschau. Meine
Münchner Freundin hatte sich einer RußlandExkursion des
Kutscher'schen Theaterwissenschaftlichen Seminars der Universität
München angeschlossen, zu der auf der Rückreise ein Aufenthalt in
Warschau gehörte, und ich wollte sie dort treffen. Sie kam dann auch
nach Kattowitz.
Meine Schwester Lotte hatte sich unterdessen mit dem Betriebsleiter der Ziegelei Zygmunt Weingrün, der überhaupt eine Stütze des Geschäfts geworden war, sehr angefreundet, sie schienen es sehr ernst zu nehmen. Bei Familie und Freunden traf Lotte damit zunächst auf Erstaunen, nicht nur, da er polnischjüdisch war und dementsprechend seine Familie und sein Freundeskreis, aber viele empfanden ihn auch als einen recht harten Menschen. Ich habe ihn im Laufe vieler Jahre dann eben als nicht nur sehr intelligent und tatkräftig, sondern auch als besonders zuverlässig für alle Dinge, für die er sich einsetzte, schätzen gelernt. In den Monaten nach Hitlers Machtübernahme, die ich in Kattowitz verbrachte, hatte sich Lotte mit ihm bereits verlobt, die Hochzeit sollte im Juni stattfinden. Ich aber wollte zu Semesterbeginn Anfang Mai doch wieder nach Breslau gehen, um meine Dissertation bei Dr. Hesse einzureichen. Zur Hochzeit meiner Schwester hätte ich ja dann kurz nach Kattowitz kommen können. Aber das kam dann anders.
Ich hatte natürlich ein merkwürdiges Gefühl, jetzt nach Breslau zu kommen. Ich hatte mich ja als Gegner der Nazis exponiert und Hammersen wäre ich gewiß nicht gern begegnet. Aber wie eigenartig sich das jetzt fügte. Ich hatte ja einen polnischen Paß, und was man so hörte, auch mißliebigen fremden Staatsbürgern wurde damals gewöhnlich keine rohe Gewalt angetan. Ich unterhielt mich mit Dr. Hesse ganz offen über die Lage; an der Universität war man noch unsicher, neue Richtlinien über eine Sonderstellung jüdischer Studenten waren nicht ergangen, aber wurden erwartet, er nahm aber meine Dissertation entgegen und wollte mir Bescheid geben. Unterdeß nahm ich an Seminaren teil, seines war sachlich und diszipliniert, etwas ungemütlicher fühlte ich mich im Seminar des Dr. Bräuer. Ich konnte zunächst bei den Eltern meines FWV Bundesbruders Kurt Leipziger übernachten, bis ich ein möbliertes Zimmer fand. Ich meldete mich auch bei Rudi Treuenfels, er bat mich, ihn sofort zu verständigen, wenn ich in der Universität irgendwelche Schwierigkeiten habe.