Ein Zimmer fand ich durch Hans­Werner Niemann. Er hatte eines in der sehr großen Wohnung von Dr. Ernst Fraenkel am Nikolaistadtgraben und es war noch ein anderes frei. Frau Fraenkel war eine sehr eindrucksvolle Frau, es waren viele Kinder im Haus (den Sohn Ernst, damals 9 Jahre alt, sollte ich 23 Jahre später in London wiedertreffen). Ihr Mann, Jurist, sehr kämpferisch gesinnter KCer und mit Auszeichnungen versehener Frontkämpfer des 1.Weltkriegs, widmete sich jetzt voll seinem Amt im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, durch dem bedrängten jüdischen Kriegsteilnehmern oft geholfen werden konnte. Dazu gehörten Vorstellungen von ihren Spitzenfunktionären sogar bei Hindenburg, aber Dr. Fraenkel war besonders bekannt dafür geworden, daß er sich in die Höhle des Löwens zum Breslauer Gauleiter Heines, einem der berüchtigsten SA Führer, gewagt und mit großem Schneid diese Intervention überstanden hatte. Er war jetzt meist im Berliner Büro des Jüdischen Frontkämpferbundes; wenn er am Wochenende nach Hause kam, reihten sich Besucher an Besucher, die Hilfe oder auch nur Rat von ihm haben wollten.

Es war ein Zufall, daß ich nun dort war, ein sehr passenden Rahmen für meinen kurzen Mai 1933 Aufenthalt in Breslau, so kurz, weil Dr. Hesse mir bald mitteilte, daß neue Anweisungen nun vorlägen und jüdische Studenten nicht mehr promovieren dürften. Er bedauerte das, bot an, mir eine Empfehlung an Dr. Büchner, früher auch in Breslau, jetzt Ordinarius in Zürich zu geben, die ich auch gerne annahm. Man hatte ja solch eine Sperre nicht ausschließen können, und ich hatte für diesen Fall nicht nur an die Schweiz, sondern auch an die deutsche Universität in Prag gedacht, wo ich eventuell mit meiner Dissertation noch promovieren könnte. Zunächst verständigte ich auch Rudi Treuenfels; für meinen Besuch bei ihm hatte er auch seinen Freund Dr. Rademacher, früher so aktiv als republikanischer Professor, ein bekannter Mathematiker, gebeten. Beide bestanden darauf, daß man eine Beschwerde an das Kultusministerium machen müßte. Rudi Treuenfels, der ja zur Abstimmungszeit oft bei uns in Kattowitz war, fand, das wäre doch ein ausgezeichneter Fall, der Regierung die Unsinnigkeit ihrer Verfügungen nahe zu bringen. Ich war nicht sehr für diesen Plan, war dann doch bereit, eine solche Eingabe da und dort mitzuverfassen und zu unterschreiben, aber machte ganz klar, daß ich mich dadurch nicht gebunden fühlte und wahrscheinlich Breslau sofort verlassen und eine andere Universität außerhalb Deutschlands mir suchen würde.

Nach Verständigung mit zu Hause beschloß ich, es erst in Prag zu versuchen. Nazi Grenzkontrollen beim Verlassen Deutschlands waren schon etwas wie ein Schreckgespenst geworden. Eine Bekannte von Kurt Leipziger wollte auch über Prag ausreisen; wir fuhren zusammen, man war bange, aber es gab gar keine Zwischenfälle. In Prag sah ich meine Freunde von der Rede­ und Lesehalle, man war dort schon Emigranten gewöhnt, und auf der Straße begegnete ich Dr. Otto Friedländer, einst Vorgänger meines Freundes Berlowitz an der Spitze der Sozialistischen Studenten in Deutschland. Wir kannten uns gut, er war dann später sehr aktiv in der studentischen Völkerbundsgruppe, wie ich ja auch. Er war nun schon einige Zeit in Prag als politischer Flüchtling, und ich hörte viel über die sich dort versammelnde politische Emigration, ihre Probleme, Pläne und beginnenden Aktivitäten. Er arbeitete auch zusammen mit Kurt Großmann, bekannt gewesen als Sekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, auf dessen Bitte ich auch bereit war, daß sein Haushaltsgut von Deutschland über meine Adresse in Kattowitz geleitet würde, sodaß es von dort nach Prag gehen konnte.

An der Deutschen Universität Prag war man nicht bereit, mich noch für das Sommersemester einzuschreiben, und so fuhr ich über München weiter nach Zürich. Beim Umsteigen in München besuchte ich ganz schnell noch meine Freundin; sie war krank, und so ging ich allein essen, in die Osteria Bavaria, es war ziemlich leer, aber da saß Hans Bethe, Freund meines Vetters Werner Sachs, ich hatte ihn öfters in Dahlem getroffen, und so aß ich mit ihm. Als Physiker schien er schon weit aufgestiegen, war gerade von einer Gastdozentur in England zurückgekommen, es gefiel ihm nicht in Deutschland, er würde gleich wieder weggehen. Von Heisenberg und Schrödinger sprach er schon damals wie von Gleichgestellten.

In Zürich, nach September 1930 war dies nun mein 2.Besuch und es regnete wieder, wurde ich sehr freundlich und hilfsbereit von Dr. Büchner empfangen und hätte bei ihm meine Dissertation fertigstellen können. Er konnte aber nicht garantieren, daß die Vorschriften erlauben würden, daß ich noch für das Sommersemester immatrikuliert werde. Das Sekretariat der Universität lehnte das dann auch ab, für das Wintersemester sollte es möglich sein, aber zusagen könne man es jetzt nicht.

Ich traf in Zürich an diesem Tag auch die, wie ich schon von Hans Wener Niemann gehört hatte, unterdeß im Breslauer Seminar zu Rabbinern promovierten Bekannten Schlesinger und Funkenstein. Wir gingen zusammen essen, es gab da ein koscheres Restaurant in Zürich, und meiner neuen Lage war das ja auch sehr angemessen, daß ich dort so viel jüdische Atmosphäre zu spüren bekam und soviel darüber hörte.

Unsere Unterhaltung war sehr lebhaft. Sie wollten durchaus ihr Bestes tun, um mich etwas mehr auf jüdische Wellenlängen zu bringen. Als sie besonders lebhaft sprachen und gestikulierten, wie ich es bei ihnen von Breslau her gar nicht gewöhnt war, schreckte ich wohl etwas zurück, und da meinte Schlesinger halb Scherz, halb Ernst, ich müsse mich eben daran gewöhnen, daß wir Juden eine orientalische Bevölkerung sind. Mein nächstes Ziel sollte die Universität Basel sein, sie gaben mir die Adresse ihres Kollegen Lothar Rothschild in Basel.

Dort ging ich sofort zur Universität, die für mich unterdeß eine gewisse Gloriole als ein Wunschziel bekommen hatte. Sie war sehr alt und voller Prestige, man brachte sie schon mit Erasmus von Rotterdams Aufenthalt in Basel in Verbindung, dann waren da so bedeutende Namen wie Jakob Burkhardt und Friedrich Nietzsche. In der Kanzlei schien der Pedell die Szene zu beherrschen, seine Erscheinung entsprach so ganz dem Ruhm der Universität, wie ich ihn zu sehen begonnen hatte. Er hatte einen wundervollen Vollbart, an den ich mich als rötlich­braun erinnere, und er stand ganz vorn, wo der Amtsraum von den Besuchern abgegrenzt war, vor ihm lag ein großes ledergebundenes Buch. Ich trug ihm meinen Fall vor, und mit einer einladenden Handbewegung schlug er das Buch auf und bat mich, meinen Namen einzutragen. Damit war ich immatrikuliert.

Es hatten sich damals in Basel seit Beginn des Sommersemesters 1933 eine größere Zahl von Studenten versammelt, die aus politischen oder "rassischen" Gründen ihr Studium in Deutschland abbrechen mußten. Ich war denn auch keineswegs der letzte Refugee, der noch im Laufe des Sommersemesters angenommen wurde. Diesmal ohne jede Empfehlung meldete ich mich mit meiner Dissertation bei Dr. Edgar Salin, der mich als Doktorand annahm.

Die Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr und eröffnete viele neue Dimensionen (1). Wenn man ihm zuhörte, begann man zu vergessen, daß er als so rechtsgerichtet galt. Er war vehement gegen die Erfüllungspolitik für die deutschen Reparationen aufgetreten, als Gegenpol zu dem mir vom Demokratischen Studentenbund einst als häufiger Gast so gut bekannten Dr. M.J. Bonn. Aber es war schwer möglich, sich Edgar Salin in der Nähe auch nur Hugenbergs vorzustellen. Wesentlich war bei ihm Friedrich List, der deutsche Nationalökonom des frühen 19. Jahrhunderts, der an deutschen Hochschulen kaum noch neben Adam Smith oder Ricardo erwähnt worden war. List war ein "Nationaler" Ökonomist gewesen, für den staatliches Denken die Basis war, so etwas wie ein post­absolutistischer Merkantilist. Bei Edgar Salin war es auch die Staatsidee, die mit seiner Verbundenheit mit dem Stefan George Kreis zusammenhing, er hatte auch über Plato's Staatsidee ein Buch geschrieben. Bemerkenswert war dabei, daß er in allen Problemen der modernen Markt­ und Verkehrswirtschaft meisterhaft zu Hause war und sich dafür in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch einen erheblichen Ruf errang. Sein Seminar auch in 1933 war mehr davon erfüllt als von Plato und Friedrich List, und man hörte viel auch über Schumpeter und Keynes. Es ging damals dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise entgegen, Roosevelt hatte sein Amt angetreten, die Allgegenwart des Staates in der kapitalistischen Wirtschaft war einem sehr stark bewußt geworden. Schutzzölle waren noch durch Devisenbewirtschaftung aufgestockt worden, und der Weg aus der Krise schien in den USA Roosevelts wie auch im Deutschland Hitlers und Schachts wiederum durch massives Einwirken des Staates zu führen. Edgar Salin schien die auf Adam Smith und Ricardo basierenden Theorien der reinen Verkehrswirtschaft als Abstraktionen zu sehen, nützlich für die erstrebenswerten Ziele der Marktwirtschaft, aber eben kein vollständiges Bild der Wirklichkeit, aus der "die öffentliche Hand" im Wirtschaftsgeschehen intern und international durch die Jahrhunderte, ganz gleich unter welcher Herrschaft, gar nicht weg zu denken ist (2).