Neben den so interessanten Seminaren Edgar Salins und dort gemachten Bekanntschaften bot die Zeit in Basel auch andere anregende Abwechselung. Es gab die schönen SommerabendKonzerte im Hof des alten Münsters mit seinen Kreuzgängen, Orchesterkonzerte unter Felix Weingartner. Die Frau unseres Kattowitzer Anwalts und entfernten Vetters Hans Loebinger hatte mir Empfehlungen an zwei Verwandte in Basel gegeben, die beide aus Schlesien stammten. Der eine war Dr. Karl Joel, als Ordinarius der Philosophie Nachfolger auf dem Lehrstuhl Friedrich Nietzsches. Er lebte mit seiner Schwester; sie hatten Sonntagmittag jetzt oft eine Reihe von Emigrantenstudenten eingeladen. Sie waren beide sehr warm empfindende und geistig lebhafte Menschen. Auch wenn er nach einem Schlaganfall war, hielt er immer noch Vorlesungen. Sie gehörten sehr zu Basel und seiner Universität, aus den Unterhaltungen ergab sich, daß Albert Schweizer und Heinrich Wölfflin zu den engsten Freunden gehörten.
Die andere Einführung war an Dr. Ludwig Scherbel, führend in der Motor Columbus, die seinerzeit auch das Elektrizitätswerk in Prinzengrube in Oberschlesien, eine alte Kindheitserinnerung von mir, mitfinanziert hatte. Er war nicht nur ein prominenter und sachverständiger Geschäftsmann, sondern auch ein Mensch mit auserlesenen kulturellen Interessen und Geschmack, großer Bibliophile und Kunstsammler. Er empfing mich überaus freundlich, ich lernte viele interessante Leute in seinem Haus kennen und war dort sehr gern. In der Universität hatte ich im Seminar den etwas älteren sozialistischen Studentenführer Beyer aus Berlin wiedergetroffen. Er erkannte mich vom DStV her, wir sahen uns auch sonst, meist saß ich im Seminar neben ihm. Auch in Basel war von FWVern wieder der schon von München her befreundete Ralph Kleeman und von Breslau Franz Ledermann, und ich war viel zusammen mit einigen Medizinstudentinnen, auch emigriert aus Deutschland.
Natürlich beschäftigte einen damals die jüdische Frage besonders und Kontakte die damit zusammenhingen waren intensiv. Bei Lothar Rothschild hatte ich mich schon gleich nach Ankunft gemeldet und wurde gleich zum Freitagabend eingeladen. Er war noch ohne Stellung als Rabbiner, der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterland, wie er meinte. Er lebte zu Haus bei seinem verwitweten Vater, wir hatten lange Spaziergänge und Gespräche über Gott, vor allem aber den damaligen Zustand der Welt und die jüdische Lage. Durch ihn und Funkenstein lernte ich auch andere, meistens auch Emigranten kennen, die stark in jüdischem Bewußtsein und Interessen verwurzelt waren. Es gab auch einen Diskussionsabend von einer zionistischen Studentengruppe arrangiert, wo die in Basel angekommenen sich aussprechen sollten. Die meisten kamen als bisherige Gegner oder Skeptiker, jemand, es wurde mir berichtet, es war einer meiner FWV er Freunde, sagte, wir selbst können einen Weg zum Zionismus nicht mehr finden (man war in seinen frühen zwanziger Jahren), vielleicht mal unsere Kinder. Ich fühlte, auch wenn man für sich selber aus der hergebrachten Abwehrstellung und Skepsis schwer herauskam, daß es doch ein natürliches Bedürfnis wurde, in der für die Juden durch Hitlers Machtübernahme in Deutschland sichtbaren Entwicklung den zionistischen Gedanken und Bestrebungen Interesse und aktive Sympathie entgegen zu bringen. Man wußte ja von ihnen, man war aber ein eher ablehnender Beobachter gewesen, der Akzent wurde jetzt doch anders. Ich hörte auch Martin Buber, der als diesjähriger Gast der Studentenschaft Basel in ihren Vortragsreihen einen religionsphilosophischen Vortrag hielt und ihn mit den Worten "Sören Kierkegaard.." anfing. Da war also ein alter Zionist der frühen Stunde, der den Zusammenhang mit europäischer Geistesgeschichte so betonte und in ihr seinen Platz einnahm.
Am Ende des Sommersemesters besuchte ich auf dem Weg nach Hause meinen Vetter Ernst Grünfeld in Freiburg i.Br., wo er weiter Chemie studierte. Wir waren während des Semesters in nachbarschaftlichen Kontakt getreten, und nun zeigte er mir Freiburg. Wir tranken Wein auf dem Münsterplatz, aber obwohl es so eine katholische Stadt war, sah man auch viele Naziuniformen, und als das große Skandalum war da natürlich die Befremdung über die nazifreundliche Haltung, die der bekannte Philisoph Martin Heidegger als damaliger Rektor der Universität zeigte. Man hatte darüber in Basel mehr gesprochen als anscheinend in Freiburg. Es war für mich keine persönliche Enttäuschung, bei allem Interesse für seinen Lehrer Husserl, er war für mich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Husserl hatte ja auch in Freiburg gelehrt, auch der alte Nationalökonom SchultzeGaevernitz, häufiger Gast bei uns im Demokratischen Studentenbund in Berlin, ebenso wie seine Tochter, und ich erinnerte mich an Rudolf Küstermeyer, treibender Geist für unseren DStV. Jetzt stand über allem in Freiburg ein großes Fragezeichen.
Ich fuhr nach Hause mit einem Zug, der mich direkt durch den Schwarzwald nach Osten führte und mir noch ein neues, schönes Stück Süddeutschlands zeigte. Irgendwo in Bayern saß ich im Abteil mit einem Bauern, er war sichtlich nicht sehr eingenommen von Hitler, aber lassen wir es mal, sagte er, der muß ja jetzt zeigen, was er kann, wahrscheinlich dauert das Ganze nur ein paar Monate. Solche Äußerungen hörte man gern, aber konnte man wirklich hoffen, daß es so ausgeht?
Bei Beginn des Wintersemesters stellte es sich heraus, daß ich es gar nicht mehr auszusitzen brauchte, schon im Dezember konnte ich meine Prüfungen ablegen und am 15. Dezember erfolgte meine Promotion. Der Pedell mit dem wunderbaren Bart zog in einem Talar mir voran und dann wurde ich vom Dekan promoviert, langer Mühe und mancher Hindernisse Lohn.
Nach meinem Examen lud ich zum Abschied zu einem kleinen Abendessen ein, italienisch, für mich damals ganz neu, aber so hatten es sich die Medizinstudentinnen gewünscht, und eine von ihnen fuhr mit mir, als ich vor der Rückkehr nach Kattowitz noch über Weihnachten und Neujahr meine Schwester Marianne in Paris besuchen wollte. Sie hatte aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen Chemie zu studieren und war zu Sprachkursen nach Paris gegangen.
Paris und etwas vom Leben in Frankreich war nochmals ein neues Erlebnis und eine neue Erfahrung, und auch eine aktuelle. Es hatte in der Politik gerade den Stavisky Skandal gegeben, man wußte nicht, war das auch eine tödliche Krise der Republik, es gab auch Straßendemonstrationen, Ausschreitungen. Werden sie das System umstürzen? Nein, sagte Kurt Kronheim, der alte Freund vom Demokratischen Studentenbund, die französische Republik steht fest auf ihren Füßen, und er schien recht zu behalten. Er war einer von vielen deutschen Emigranten, die ich in Paris nun wiedertraf, auch Kurt Berlowitz war darunter. Marianne wohnte am Boulevard des Augustins, nahe dem Quartier Latin. Auch hier waren, wie in Prag, bereits viele der deutschen Emigrantenzeitschriften entstanden, die bis zum Kriegsausbruch 1939 für mich wichtige Beziehungspunkte mit politischen Entwicklungen bleiben sollten. Marianne und ihre Freunde führten mich zu Weihnachten in ein elsässisches Restaurant, sie hatten alle noch Heimweh. Berlowitz war vom Weltstudentenwerk gebeten worden, einen Artikel über die Lage der jüdischen Studenten zu schreiben. Er schlug vor, ich sollte das an seiner Stelle tun, ich wüßte ja mehr z.B. über Polen, und jetzt in Basel hatte ich ja nicht nur deutsche Emigranten getroffen, sondern auch jüdische Studenten aus Ost und Südosteuropa, von denen seit Jahren viele ins Ausland gehen mußten, um zu studieren. Es war ein wirkliches Problem, über das ich da nachdenken sollte, das die Sorgen jüngster deutschjüdischer Emigration in einen viel weiteren Rahmen stellte. Wo gab es da Wegweiser, war eine verstärkte jüdische Berufsumschichtung zu einer normaleren soziologischen Struktur, weg vom hohen Prozentsatz akademischer Berufe und Ambitionen, wie ihn ja nicht nur die Zionisten für die Möglichkeiten, die sich ihnen in Palästina bieten könnten, sondern auch für die weite Diaspora zum Beispiel die Gesellschaft "Ort" als Ziel hatte? Aber welche Chancen konnten verloren gehen für wirkliche Intelligenz aus dieser jüdischen Bevölkerung Europas, man mußte nur an die vielen Nobelpreisträger denken, die aus ihr hervorgegangen waren. Mit diesem zu verfassenden Artikel im Gepäck fuhr ich dann von Paris nach Hause.
Kapitel 7
Emigration nach Hause, in Polen