Wenn ich mir vorstellte, wo ich mir einst eine Karriere und Aufgabenfeld für meine Zukunft aufbauen würde, war mir im Laufe meiner Studentenjahre doch immer die Weimarer Republik als das natürliche Habitat für die Zukunft erschienen. Die gab es nun nicht mehr. Meine Freunde aus der Studentenzeit emigrierten, meist in die weite Welt, wo immer man ein Visum bekommen konnte, manche auch nach Palästina, für manche hieß es Umschulung weg von ihrem Studiengebiet auf einen praktischen Beruf. Für mich aber hatte wieder gegolten, daß ich jedenfalls zur Zeit an der Seite des Vaters gebraucht würde, und so sollte Mitarbeit im Familiengeschäft jetzt meine Hauptbeschäftigung werden. Man mußte sehen, wie sich das gestalten würde. Für weitere Sicht blieb Auswanderung, weiter weg von Hitlers Deutschland, immer noch im Blickfeld. Geschäftlich aber konnten wir damals in Kattowitz mit sich verbessernder Konjunktur wieder zuversichtlicher sein. Die Ziegelei stellte als eine ihrer Spezialitäten aus ihren Tonreserven Eisenklinker her, für die sich plötzlich substantielles Interesse für den Straßenbau ergab. Das Projekt war im Verhandlungsstadium und interessierte mich sehr.

Im Verhältnis der deutschen Juden zu den offiziellen deutschen Organisationen hatte sich nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland alles geändert. Es gab gewiß auch Kräfte bei den Deutschen dort gegen eine Gleichschaltung dieser Organisationen mit den Nationalsozialisten in Deutschland (1), aber es wurde doch unmöglich für jüdische Mitglieder, in einer Organisation zu bleiben, die nicht offiziell von der judenfeindlichen Linie der Nazis abrückte. Mein Vater legte sein Amt als Vizepräsident des Deutschen Volksbunds sehr bald unter Protest dagegen nieder und schied aus der Stadtverordnetenversammlung aus (2).

Die persönlichen Kontakte zum Leben der deutschen Minderheitsgruppen und zu manchen guten Freunden wurden auch betroffen. Meine Mutter und andere jüdische Mitglieder zogen sich nach einiger Zeit aus dem Meister'schen Gesangverein zurück, auch aus dem Hilfsverein Deutscher Frauen, und man ging nicht mehr in die Veranstaltungen der Deutschen Theatergemeinde, deren Spielplan ja von Deutsch­Oberschlesien herkam. Zum Teil war das ein langsamer Erosionsprozeß, es gab ja doch die verschiedensten Deutschen, die das wirklich bedauerten und aus ihrer Distanzierung zu den Nationalsozialisten keinen Hehl machten, es war ja auch nicht so wie in Deutschland, daß ein behördlicher Druck dagegen stand.

Als bezeichnend für das Bild der deutschen Minderheit vor 1933 sehe ich, daß am Vortragsprogramm des Deutschen Kulturbunds, unter Leitung von Viktor Kauder, auch viele republikanische Akademiker und Schriftsteller aus Deutschland teilnahmen, so die Professoren G. Kessler, Th.Litt, Bergsträsser, H.v.Eckart, unter den Schriftstellern Walter v.Molo und Klaus Mann, der sich damals für den noch sehr jungen Autor Dr. Franz Goldstein sehr einsetzte (3). Bis Kriegsausbruch gab es dann zwei deutsche politische Gruppen im damaligen Polnisch­Schlesien, die sich offen gegen Hitler stellten. Da war die deutsche Sozialdemokratische Partei unter ihrem schon langjährigen oberschlesischen Führer Johann Kowoll und Dr. Siegfried Glücksmann aus dem früher östereichischen Teil (Bielitz). Sie hatte weiter ihre eigene Fraktion im Schlesischen Sejm, unterhielt ihre Zeitung "Volkswille", aber verglichen mit den 1920er Jahren waren ihre Statur und Einfluß zurückgegangen. Bei hoher Arbeitslosigkeit und der gegen deutsche Arbeiter gerichteten Einstellungspolitik der polnischen Regierungspartei hatten die deutschen Gewerkschaften an Boden verloren, und als 1933 die Freien Gewerkschaften in Deutschland gleichgeschaltet wurden, verloren die deutschen Sozialdemokraten in Polnisch­Oberschlesien noch mehr an Rückhalt. Ihre Partei und einige ihrer Organisationen blieben aber aktiv und arbeiteten effektiv mit an der gefährlichen Tätigkeit des sozialdemokratischen Widerstands gegen Hitler in Deutschland zusammen mit der deutschen sozialdemokratischen Emigration in Prag. Dazu gehörte sowohl "Kuriertätigkeit" für Einschleusen von Flugblättern und anderer Literatur, wie auch Rettung von politisch Verfolgten, die Deutschland heimlich verlassen mußten (4). Ich wußte damals nicht im Einzelnen über diese Aktivitäten, aber kannte den Gewerkschaftsvertreter Johann Kowoll. Mein Vater hatte ja auch einige Ämter in seiner Berufssphäre

gehabt, Obermeister der Maurer­ und Zimmererinnung, Vorsitzender der Arbeitgeberverbände für Bau­ und Ziegeleiindustrie, und da hatten die Gewerkschaften ja auf der anderen Seite des Tisches gesessen.

Der Syndikus der vom Vater geleiteten Arbeitgeberverbände war Franz Cichon. Er stand der anderen Gruppe von deutschen Hitlergegnern in Polnisch­Schlesien nahe, deren Auftreten besonders bemerkenswert ist. Sie bestand aus einem Teil der ursprünglichen Deutschen Katholischen Volkspartei. Unter deren Vorsitzenden Dr. Eduard Pant war diese Partei und ihre Zeitung "Oberschlesischer Kurier" zunächst ganz offen gegen den Machtwechsel in Deutschland aufgetreten (5). Auf Pants Antrag hatte sie gleich im März 1933 ihren Namen in Deutsche Christliche Volkspartei gewechselt, um auch anderen christlichen Hitlergegnern Zusammenarbeit anzubieten, und Dr. Pant fand dafür noch im August 1933 eine Mehrheit seines Parteitags. Daneben gab es noch den "Verband der Deutschen Katholiken", wo er auch bis Dezember 1934 die Oberhand behielt.

Seit Februar 1934 gab er eine Wochenzeitung, "Der Deutsche in Polen", heraus; der bisherige Chefredakteur des Oberschlesischen Kuriers J.C. Maier wurde dort schon früher wegen seiner offenen antihitlerischen Haltung sehr angefeindet und wechselte zu Dr. Pants Zeitung als Chefredakteur. Im Juni 1934 legte Dr. Pant sein Amt im Deutschen Volksbund nieder, und im Dezember 1934 erzielten die Gruppen der deutschen Katholiken, die es vorzogen sich nicht offen gegen Nationalsozialisten zu stellen, eine Mehrheit gegen Dr. Pant im Verband der deutschen Katholiken. Dr. Pant und seine Gruppe blieben danach isoliert, ihre Haltung blieb eindeutig gegen die Nationalsozialisten gerichtet, und der "Deutsche in Polen" brachte fortlaufend viele kritische Berichte über Nazigreueltaten und auch die antisemitischen Exzesse.

Natürlich wurden in deutsch­jüdischen Kreisen die Entwicklung von Dr. Pants Partei zu einer so entschlossenen antihitler Organisation mit ihrer eigenen sehr gut redigierten Zeitung außerordentlich begrüßt und bewundert. Wir waren Abonnenten der Zeitung und verbundene Leser, es war aber eine sehr betont auf christlicher und eigentlich eben katholischer Basis bestehende Gruppierung, so daß sich die Frage einer eventuellen Mitarbeit oder Einbeziehung deutsch­jüdischer Kreise nie stellte.

Ich erinnere mich auch nicht an persönliche Kontakte mit Dr. Pant selber aus dieser Zeit. Er war aus dem österreichischen Teil Schlesiens gekommen, von daher in seine führende Stellung unter den deutschen Katholiken Polnisch­Schlesiens aufgestiegen und später nach Kattowitz gezogen, gehörte also nicht zu den alten Bekannten (6). In der ideologischen Einstellung gab es einen gewissen Unterschied zwischen reichsdeutschen und den österreichischen Katholiken, mit ihrer stärkeren Betonung einer völkischen Note und damit einem gewissen offenen Antisemitismus, anders als man es gewöhnlich von einem Führer des katholischen Zentrums in Deutschland gewohnt war (7).

Bei Dr. Pant hatte man Anfang der dreißiger Jahre vor Hitlers Machtergreifung einen Kampf um den Vorsitz der Deutschen Theatergemeinde in Kattowitz, vielleicht zu Unrecht, etwas in diesem Licht gesehen. Die langjährige Vorsitzende Rosa Speyer sah sich einer Gegenkandidatur Dr. Pants gegenüber. Ich war bei dieser erregten Versammlung, die Wogen gingen hoch, es wurde durchaus nichts antisemitisches gesagt, für Dr. Pant schien es eine Sache christlich­nationaler Thematik für das Kulturprogramm im Gegensatz zu dem vermeintlich bisher vorherrschenden liberalem Einfluß (8). Es ist eigenartig: protestantische Gruppen und Jugend, aus der sich später viele pro­Nazis rekrutierten, stimmten damals gegen Dr. Pant für die Wiederwahl der langjährigen Vorsitzenden Rosa Speier, und als einer ihrer Freunde beschwerte ich mich beim katholischen Abgeordneten Jankowski, daß seine Organisation die Einheit stören wolle. Er selbst aber war dann in der Hitlerzeit unter den Katholiken nicht mehr auf der Seite Dr. Pants.