Nun war also gerade Dr. Pant an die Spitze der katholischen Abwehrbewegung gegen Hitler getreten und gab ihr soviel Profil und Aggressivität. Persönlich besser bekannt waren uns einige der angestammten Oberschlesier, die zu ihm hielten, so der langjährige Kattowitzer Stadtrat Schmiegel, Dr. Alfons Rojek von den Christlichen Gewerkschaften und Dr. Alfred Gawlik, Geschäftsführer der "Wirtschaftlichen Vereinigung in PolnischSchlesien". Ihn sah ich dann oft, denn die Vereinigung ermöglichte es Dr. Franz Goldstern, Redakteur ihrer Wochenzeitung "Wirtschaftskorrespondenz in Polen" zu bleiben und auch seine literarische Beilage im bisherigen Stil weiterzuführen. Er hatte mich gebeten, Buchrezensionen über politische und geschichtliche Themen zu übernehmen, da seine Interesse mehr Literatur und Musik galten, und ich hatte auch angefangen, über aktuelle wirtschaftspolitische Tagesthemen Leitartikel für das Hauptblatt zu schreiben. Dabei bewegten mich auch Sorgen wegen der polnischen Finanzpolitik, die sich strikt an französischen Theorien modellierte, während woanders eine expansionistische Geldpolitik basierend auf den Ideen von Keynes betrieben wurde.
Das Amerika Roosevelts war das einprägsamste Beispiel dafür, über das ich oft schrieb. Für Polen sollte ja die Nähe des sich auch mit expansionistischer Geldpolitik rapide aufrüstenden Hitlerdeutschlands ein Grund gewesen sein, seine Geldpolitik zu überdenken und sich von den Fesseln der französischen Schule von Gide und Rist zu emanzipieren, wovon ich auch sprach. Polen schien sich lange durch seine Finanzpolitik den notwendigen Spielraum zur erforderlichen Weiteraufrüstung zu verbauen. Zur Zeit der Weimarer Republik mit ihrer 100.000 Mann Reichswehr galt ja wohl in Deutschland mit Recht die polnische Armee als eine mögliche Bedrohung. Die Welt erwachte nur sehr langsam zu dem Ausmaß der von Hitler seit 1934 betriebenen, viele Vorstellungen sprengenden deutschen Aufrüstung. Jemand, der darüber laut und stark sprach, war Leopold Schwarzschild in seinem in Paris erscheinenden Neuen Tagebuch, das wir in Kattowitz natürlich abonnierten. Überhaupt war nun die in allen ihren Schattierungen bei uns vorhandene deutsche Emigrationspresse eine wesentliche Quelle von Information und Verbindung mit den Vorgängen in der Westlichen Welt.
Man hatte sich ja auch neue Tageszeitungen suchen müssen, die Vossische Zeitung gab es nicht mehr, die lokale Kattowitzer Zeitung war gleichgeschaltet, so kamen wir zunächst zum "Prager Tagblatt", eine liberale Zeitung, die durch den Zuzug so vieler deutscher Emigranten nach Prag an Profil noch gewonnen hatte. Als sie nachließ, war da die "Prager Presse", im Besitz der tschechischen Regierung, aber auch mit Beiträgen von deutschen Emigranten, zum Schluß, wohl bis März 1939 war es dann noch die MährischOstrauer Morgenzeitung, die uns in Kattowitz ganz gut versorgte. Mein Freund Dr. Fritz Guttmann wurde auch von Kattowitz aus ein Mitarbeiter.
Von allen politischen Emigrantenzeitschriften hat mich Schwarzschild's Neues Tagebuch immer am nachhaltigsten beeindruckt. Um die Warnungen vor der tödlichen Bedrohlichkeit der Hitler'schen Aufrüstung zu unterstreichen, brachte er häufig Beiträge von Winston Churchill und André Tardieu, den prominentesten der einsamen Rufer unter westlichen Politikern, die das Gleiche fühlten. Meine Mitarbeit an der Wirtschaftskorrespondenz für Polen gab mir natürlich einige Genugtuung. Meine Schwester Marianne erzählte nach einem Skiausflug in die Beskiden, daß auf der Rückfahrt in ihrem Abteil zwei Beamte des Wojewodschaftsamts saßen, die sich über meine prokeynesianischen Artikel lebhaft unterhielten. Ich wurde also gelesen. Es änderte sich aber wenig in der Politik.
Was wir in der Wirtschaftskorrespondenz schrieben, machte sie nicht zu einem politischen antihitler Kampforgan, wie es Dr. Pant's "Der Deutsche in Polen" war. Es war ja eine Wirtschaftszeitung mit Literaturbeilage, aber aus der klaren antinationalsozialistischen Einstellung wurde kein Hehl gemacht, und unter den Büchern, die besprochen wurden, waren viele, die in Deutschland verboten worden waren. Für mich blieb das eine Nebenbeschäftigung, für die ich kein Honorar bezog. Ich schrieb unter einem Pseudonym, denn meine Hauptaufgabe dort in Kattowitz war ja im väterlichen Geschäft.
Dort war das Projekt für Bau großer Straßen mit Eisenklinkern weiter fortgeschritten, der Initiator war der frühere polnische Finanzminister Wladyslaw Grasbki in Warschau, auch Eigentümer einer großen Ziegelei und sehr interessiert an der Mitwirkung unserer Ziegelei, die ihrer Kapazität nach eine der größten in Polen war. Der Vater fuhr nach Warschau mit Zygmunt Weingrün zu einer Besprechung mit Grabski, der zwar ein Politiker der nationaldemokratischen Opposition, aber doch mit guten Verbindungen war, und das Projekt sah weiter vielversprechend aus. Zusätzliche Kredite wurden von der Stadtsparkasse in Kattowitz dafür in Aussicht gestellt, und ich sollte nach Berlin fahren, um das dafür nötige Einverständnis der Witwe des Onkel Max zu erlangen, die von der dortigen Familie beraten wurde.
Bevor ich nach Berlin fuhr, kamen die Nachrichten von der politischen
Mordaktion Hitlers am 30. Juni 1934. Ich war gerade für einen Tag nach
Krakau gefahren, man saß im Kaffee auf dem Platz vor den Tuchlauben
gegenüber der alten Marienkirche; Kaffeehaus dort schien ein Anklang an die österreichische Vergangenheit Galiziens. Da kamen die Zeitungen heraus mit den Nachrichten über Hitlers Mordaktion und die Kommentare, die Hitler dazu abgab. Es war unbeschreiblich und unfaßbar, wie so etwas vom Zaune gebrochen, wie es aufgezogen war, dahin also waren die Deutschen gekommen, so sah ihre Regierung aus (9).
Kurz danach fuhr ich also nach Berlin. Die alten Kumpane vom Demokratischen Studentenbund Franz Suchan und Horst Mendershausen holten mich am Bahnhof ab. Ich wohnte in Dahlem, die geschäftlichen Unterhaltungen spielten sich im Büro der GfE an der Hardenbergstraße ab. Mein Vetter Herbert schien dort im Sattel als ein Primus inter pares in der GfE Leitung mit Leo Forchheimer und Dr. Hans Krakenberger. Mein Onkel Paul war viel abwesend durch Krankheit. Meine geschäftlichen Gespräche verliefen befriedigend, also stand der Aufnahme des Kredits in Kattowitz, der für das neue Projekt gebraucht wurde, nichts mehr entgegen.
Die Eindrücke während des Besuchs in Berlin waren schlimm. Die meisten Menschen, die ich traf, waren verwundert und verschreckt. Freunde, die nahe bei den Kasernen in Lichterfelde wohnten, wo man die ganze Nacht die Schüsse gehört hatte, ja es wurde immer noch weiter geschossen, waren ein lebhaftes Beispiel. Ich besuchte auch Richard Winners und Else Runge, er arbeitete jetzt wieder für eine amerikanische Zeitung. Ich fragte, was nun wirklich passiert wäre, das können Sie uns doch viel besser erzählen. Da meinten beide, Sie kommen ja aus dem Ausland, und das hörte ich noch oft. Dabei gehörte Winners' amerikanische Zeitung zu den prominentesten, die sich durch konsequente antihitlerische Berichterstattung und Haltung auszeichneten, und das war auch ganz energisch wie je seine Haltung. Bei manchen anderen schienen es nicht nur die Schwierigkeiten zu sein, richtige Informationen zu bekommen, sondern auch das Risiko, dem man sich aussetzte, wenn man zuviel herumzuhören schien. Ich glaube da eine beginnende Übung zu entdecken, möglichst nicht mehr zu viel zu sehen und zu hören. Das waren also die Wochen nach dem 30. Juni 1934.