Auf der Rückfahrt von einer meiner Reisen nach Berlin während der Hitlerzeit hatte ich in Breslau Station gemacht und war auf der Schweidnitzer Straße Dr. Hans Lukaschek begegnet. Er hatte bei Hitlers Machtübernahme sein Amt als Oberpräsident von Deutsch­Oberschlesien verloren, ein engagierter Zentrumsmann. Er hatte sich als Anwalt in Breslau niedergelassen, erkundigte sich nach meinen Eltern. Als ich fragte, was er über die Entwicklung in Deutschland denke, sagte er, Sie haben es doch nun selbst gesehen, Sie wissen es doch, ich sah zu ihm auf, es liefen Tränen über seine Backen. So stand dieser große, starke Mann vor mir, für den ich immer soviel Sympathie und Hochachtung gehabt hatte, ein Eindruck, den ich in den kommenden Jahren nie vergessen konnte.

Am Morgen nach meiner Rückkehr gab es bei uns Alarm. In der Ziegelei war in der Nacht ein Feuer ausgebrochen, sie war weitgehend zerstört, es hatte lange gedauert, bis die vielen Feuerwehren, die von der ganzen Umgebung zusammenkamen, den Brand unter Kontrolle bringen konnten. Für den Vater war es besonders tragisch, das Werk, auf das er so stolz war, als Ruine zu sehen; für uns alle war es ein großer Schock. Der Betrieb mußte eingestellt werden, für mich wurde die Auseinandersetzung mit den Versicherungsgesellschaften, die das Feuerrisiko teilten, die Hauptaufgabe.

Die Sachverständigengutachten der beiden Seiten über die Schadenshöhe gingen weit auseinander, es kam zu einem Prozeß. Da der Grund von der Kopalnia Wujek (Oheimgrube) der Hohenlohewerke unterbaut war, wurden diese auch in die Auseinandersetzungen verwickelt, da die Sachverständigen der Versicherungen einen Teil der festgestellten Schäden, besonders an den großen Öfen, als Bergbauschäden bezeichneten. Die Hohenlohewerke, damals von den Gebrüdern Petchek kontrolliert, waren ja immer wieder wegen drohender Bergschäden im Gespräch gewesen, sogar ihr Ankauf des Grunds als Lösung. Jetzt gab es erneuten Kontakt, ihr Markscheider Dlugoborski war ein häufiger Besucher in den Ruinen der Ziegelei, für die sie ihren Abbau in diesem Teil der Oheimgrube hatten beschränken müssen. Ich hatte also einiges zu tun, und gut, daß ich da war. Unser Anwalt Hans Loebinger hatte unterdeß einen neuen, sehr intelligenten und versierten polnisch­jüdischen Partner in Marek Reichmann bekommen. Er kam aus der Gegend Lembergs, war erst kürzlich von Bielitz nach Kattowitz übergesiedelt. Es wurde 1935, bis wir den Prozeß gewannen und sich viele neue Fragen ergaben. Wiederaufbau der Ziegelei schien ein sehr schwieriges Vorhaben, und die Kosten hätten die Entschädigungssumme überschritten, die Rehabilitierung der Schornsteine alleine wäre der bergbaulichen Situation wegen zweifelhaft gewesen. In der Nähe war der Flugplatz entstanden, auch von da war Widerstand zu erwarten. Für vorstädtische Bebauung für Wohnzwecke wurde das Gelände aber als geeignet gefunden, und wir entschlossen uns dazu. Das Stadtbauamt befürwortete den Plan für die Parzellierung in Villengrundstücke.

Die Tischlerei sollte aber vorläufig weiter bestehen, hatte sich schon in eine erfolgreiche Möbelfabrik entwickelt, es wurde noch dort investiert, ein Verkaufgeschäft in der Stadt eröffnet, so hatten Lotte und ihr Mann dort eine Existenz, die sie voll ausfüllte. Im August 1935 wurde ihre Tochter Nina geboren. Sie bekam ein deutschsprechendes Kinderfräulein, Thea, und wuchs damals mit Deutsch als ihrer Muttersprache auf.

Ich mußte nach dem Ausgang des Prozesses wieder nach Berlin, Tante Mucke beanspruchte einen Teil der Entschädigung, ihre Hypothek mußte für die Parzellierungsaktion gelöscht werden. Es gab wieder die vielen Sitzungen im Büro der GFE, Onkel Felix Benjamin, Vetter Herbert Grünfeld, Anwälte. Der von uns an die Tante zu bezahlende Betrag wurde vereinbart (10).

Von meinen jüdischen Freunden in Berlin waren die meisten schon ausgewandert, Kurt und Elli Lange, er erfolgreicher Mediziner, warteten darauf. Otto und Lore Lilien wollten nach Palästina und dort eine Druckerei aufmachen. Das hat mich interessiert, ich wollte sehen, ob ich mich daran nicht beteiligen könnte. Nicht nur in Deutschland, ich sah auch eigentlich nicht in Kattowitz oder überhaupt in Polen eine wirkliche Zukunft für mich. Wenn die Parzellierung erfolgreich eingeleitet ist, wäre für mich doch Auswanderung auch der richtige Weg gewesen. In der Einstellung zu zionistischen Hoffnungen in Palästina hatte sich doch manches geändert.

Wie konnte es auch anders sein. Auch wenn die Aussonderung der Juden aus der deutschen Gesellschaft, zu der sie doch so stark und lebendig gehörten, und eben die nationalsozialistische Herrschaft nichts Endgültiges sein mußten, die Ungewißheiten jüdischen Diasporadaseins waren in neues Licht gerückt. Was für Möglichkeiten die zionistischen Hoffnungen wirklich bieten würden, das mußte sich noch zeigen, und eigene Identifikation mit nationalen jüdischen Zielen war noch wieder eine andere Frage, aber aktiver Sympathie für diejenigen, die sich dafür voll einsetzen wollten, konnte man sich nicht mehr verschließen. Wir waren zu Hause auch bald Abonnenten der in Berlin von Robert Weltsch herausgegebenen "Jüdischen Rundschau" geworden, die ein hervorragendes Forum für die Familiarisierung weiter Kreise des deutschen Judentums mit zionistischem Gedankengut und der politischen Entwicklung in und um Palästina wurde.

Nun erlebte ich ja Zionismus auch aus nächster Nähe von einer anderen Seite, durch meinen zunehmenden Kontakt mit polnischen Juden. Hier waren seit langem auch in Intelligenz und Bürgertum fast alle prozionistisch eingestellt. Polen, das Zufluchtsland für europäische Juden nach mittelalterlichen und späteren Verfolgungen, hatte ein wirkliches jüdisches Bevölkerungsproblem im Zuge rapide wachsender Industrialisierung und Urbanisierung seiner Bevölkerung. Es gab Rufe nach einer drastischen Berufsumschichtung in der jüdischen Bevölkerung oder eben auch massiver Auswanderung, und das waren Fragen, die auch von den einsichtigsten Leuten auf jüdischer Seite empfunden wurden. Zionisten und Ort hatten daher einen fruchtbaren Boden für ihre Bestrebungen. In Krakau gab es eine jüdische polnische Tageszeitung "Nowy Dziennik", auch prozionistisch eingestellt, und die habe ich auch verfolgt. Ich nahm auch an Veranstaltungen der Zionistischen Vereinigung in Kattowitz teil, sie bestand aus einigen alteingesessenen deutschen Juden, Zionisten der ersten oder jedenfalls frühen Stunden und manchen der polnisch­jüdischen Zuzügler. Zu Vorträgen kamen Martin Buber, Harry Torczyner, Dr. Elias Auerbach, Olschwang u.a., nach denen man die Redner auch noch beim Tee kennen lernen konnte. Hannah Rappaport, vorher kurze Zeit mit Franz Neumann verlobt, hatte den aus Krakau stammenden Zygmunt Krieger, Importeur Schweizer Uhren, Bruder des sehr erfolgreichen Bankiers Hennek Krieger, geheiratet, ich wurde ein enger Freund. Sie war sehr aktiv bei den Zionisten, und ich erklärte mich bereit, an Spendenwerbungen teilzunehmen, man wies mir als Mitglied der entferntesten Kreise die "hoffnungslosen Fälle" zu. Dazu gehörte auch die Frau Else Silberstein. Ich rief an und sagte, ich wolle sie zusammen mit Hannah Krieger besuchen. Sie wußte daher gleich, worum es gehen sollte und sagte, Herr Walter, Sie wissen doch wie gern ich Sie habe, und Sie sind doch immer bei mir willkommen, aber, bitte, kommen Sie mir doch nicht "mit diesen Leuten". Ich mußte mich darauf einigen, daß sie eine Spende per Post schicken würde. Sie tat es auch, aber die Spende war sehr klein.

Es schien nicht einmal ein hoffnungsvoller Anfang, und leider konnte es auch keiner werden, denn sie wurde bald schwer krank. Bei der Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof fand ich mich in der Reihe, die am Grab vorbeizog, um Erde auf den Sarg zu streuen, plötzlich hinter den einstigen Bridgepartnern v.d. Knesebeck und Waclawek. Jeder verabschiedete sich von der alten Dame noch mit einer formellen Verbeugung wie einem militärischen Salut. Es schien wie das Symbol einer vergehenden Zeit. Es blieb schon dabei, das zentrale Anliegen war einem der Sturz des Hitlerregimes in Deutschland, die Verbundenheit mit der deutschen Emigration und ihrer Publizistik das eigentliche Medium. Das war nicht nur das persönliche, jüdische Interesse, sondern auch die deutsche und schlechthin europäische Betroffenheit, die man darüber empfand. Das jüdische Interesse aber an neuen Lösungen und dann auch die Lage Polens, seine Probleme und Innenpolitik waren Fragen des Alltags geworden, mit denen man auch zunehmend befaßt war. Einige meiner jüdischen Schulfreunde waren aus ihrer juristischen Karriere in Deutschland geworfen worden, lebten zeitweilig auch wieder in Kattowitz. So hatten wir einen kleinen Kreis ähnlich gestellter (11).

Meine Großmutter Oettinger war von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohn gezogen. Er war nach den Nürnberger Gesetzen vorzeitig pensioniert worden und war im Verein nicht­arischer Christen tätig. Sie kamen beide öfters für lange Besuche zu uns. Weiterer von Hitler bedingter langer Besuch waren meine Vettern Gerber. Wolfgang, nachdem er den Juristischen Dienst quittieren mußte, war im Berliner Büro der GfE untergekommen. Der Rassenschande angeklagt, kam er schnellstens zu uns, sein Bruder Hans, Mediziner, später auch. Die polnische Regierung gab Aufenthaltsbewilligungen, aber nicht unbegrenzt, Wolfgang mußte später nach Prag gehen, Hans ging nochmal zurück nach Deutschland. Sie waren beide als Protestanten aufgewachsen, nun lernten sie auch unsere vielen neuen Kontake aus polnisch­jüdischen Kreisen kennen. Diese waren fast alle in polnischer Sprache aufgewachsen, Anwälte, Ärzte, Ingenieure oder Geschäftsleute, sie gehörten zu den jüdischen Gebildeten, die mit ihren lebhaften Interessen, gutem Geschmack und Temperament viel beitrugen zum pulsierenden Leben und der kulturellen Szene von Städten wie Warschau und Krakau. Die wir kannten, waren eben die, die es nach Oberschlesien verschlagen hatte. Meine Eltern nahmen an neuen Kontakten mit polnisch­jüdischen Kreisen kaum Teil, aber die mit deutsch­jüdischen wurden enger und vielfältiger.