Unsere Parzellierung hatte gute Anfangserfolge aber ging dann langsam, ein neuer Durchbruch mußte noch kommen. Mein Vater hatte im Oktober 1935 seinen 70.Geburtstag gefeiert. Er meinte, wenn man genug Grund verkaufen könnte, müßte die Familie wieder eine neue "Produktionsstätte" aufbauen. Das blieb sein wirklicher Wunsch. Ich begann verschiedentlich, mich auch nach einstweiliger anderer Beschäftigung in der Nähe von zu Hause umzusehen.
Dabei helfen wollte mir Hans Proskauer, Sohn unseres einstigen Hausarztes, der Karriere als Syndikus der Oberschlesischen Kohlenkonvention noch unter dem alten Geheimrat Williger gemacht hatte und nun auch unter den neuen polnischen Führungskräften in der Industrie in seiner wichtigen Stellung blieb. Er war einiges älter als ich, aber wie seine Eltern Freund unserer Familie. Dann waren Pläne für eine Beteiligung an einem Transportgeschäft in Danzig zwecks Eröffnung einer Filiale im neuen polnischen Hafen Gdyngen für mich, und schließlich näher dem Kriegsausbruch Ankauf eines Agenturgeschäfts in Kattowitz, das den Import von Rohstoffen für kleinere Industrien betrieb. Es hätte Kommissionsguthaben im Ausland gebracht. In Polen war seit 1936 auch volle Devisenbeschränkung eingeführt und Auswanderungspläne waren sehr erschwert.
Es kam aber doch so, daß ich ganz mit den Angelegenheiten des väterlichen Vermögens in Kattowitz befaßt blieb. Wegen der Baubeschränkungen sollten Entschädigung von Hohenlohe und der Luftverteidigungsliga (LOP) gezahlt werden, ich fuhr mehrfach nach Warschau mit unserem Anwalt, der mit dem Syndikus der LOP gut bekannt war, die auch bereit schien, etwas zu tun. In der großen Tongrube der Ziegelei war ein sehr schöner Teich entstanden. Wir hörten über einen Plan in der Wojewodschaft in Kattowitz, daß dieses Teichgelände uns abgekauft und als Erholungsgebiet gestaltet werden sollte, als Abgeltung etwaiger Ansprüche von uns an die LOP. Das war dann aber schon sehr nahe dem Kriegsausbruch, und so blieben das alles Probleme und Hoffnungen, die sich in der dann einsetzenden Katastrophe wie Rauch und Dunst verflüchtigten.
In diesen späteren 1930er Jahren ging ich auch noch mehrfach auf Ferien in die Hohe Tatra, wieder auf die slowakische Seite, nun in das Sanatorium des Dr. Holtzmann. Die Mischung war von ungarischem, slowakischen und deutschem Element, auch recht viel jüdisches Publikum, es war noch das einstige Mitteleuropa in einer so anziehenden Form.
Nach Berlin war ich seit Mai 1936 nicht mehr gekommen. Kontakt mit den Berliner Verwandten gab es dann immer noch, da Vetter Herbert öfters auf Geschäftsreisen nach Polen kam und uns besuchte, einmal traf ich ihn sogar zufällig in Warschau. Im September 1937 starb der Onkel Paul Grünfeld. Er hatte sich immer geweigert, an Aufgabe der deutschen GfE Werke und Auswanderung zu denken. Die Familie war aber unter zunehmenden Druck der Nazis gekommen, mußte verkaufen und Deutschland verlassen. Tante Grete und die beiden Söhne Herbert und Ernst wanderten nach England aus.
Für uns in Kattowitz wurde die weitere politische Entwicklung auch Grund zunehmender Beängstigung. Hitler hatte provokativ einen einseitigen Bruch des Versailler Vertrags nach dem anderen verkünden und durchführen können, ohne Widerstand seitens der Westmächte, das flagranteste die Remilitarisierung des Rheinlandes Anfang 1936, bei der man allgemein und wohl auch in Kreisen der deutschen Heeresleitung französische und englische Militäraktionen erwartet hatte, die, hoffnungsvoll, vielleicht zu einem Ende des Hitlerregimes hätten führen können. Diese Erwartung, daß eines Tages die Heeresleitung es ablehnen würde, die Verantwortung für Hitlers abenteuerliche Kriegspolitik weiter mitzutragen, gab es ja immer wieder, aber die Erfolge, die ihm wiederholt vergönnt wurden, schwächten in Deutschland Skepsis und Widerstandswillen gegen Hitler und schienen bei den Westmächten das Streben nach Appeasement nur noch zu vergrößern.
Im September 1936 kam Stella Braham zu Besuch, Mutters Freundin aus Breslauer Jungmädchenjahren. Ihr Mann Dudley Braham war unterdeß einer der Editors der "Times" in London. Sie war nach Schlesien gekommen, um zu sehen, wie es den alten Freunden, die noch dort waren, in der Hitlerzeit erging, und so kam sie auch über die Grenze zu uns. Marianne hatte ihre Zeit in Frankreich abgeschlossen, Arbeitsgenehmigungen waren schwer, sie hatte zum Schluß dort als Au Pair oder Praktikantin in Bauernbetrieben auf dem Land verbracht, das hatte ihr sehr gelegen. Tante Stella lud sie nach London ein, sehr wesentliche Folge ihres Besuchs. Marianne war immer ein Mensch mit einem Lächeln und gewinnendem Wesen, sehr natürlich und "down to earth". Sie gewann dann auch in England viele Freunde.
Mit unserem Besuch sprachen wir auch viel über Politik. Die "Times" war ja später ein Hauptpfeiler für Neville Chamberlains Appeasement Politik. Wie immer stark unter dem Eindruck von Leopold Schwarzschild's "Tagebuch" über die Gefahren deutscher Aufrüstung und drohenden Krieges und die Artikel Churchills, die dort veröffentlicht wurden, fragte ich sie, wann denn in England Winston Churchill in die Regierung aufgenommen würde. Nein, sagte sie, uns in England ist er zu abenteuerlich, man hat Mißtrauen, er wird nicht wieder in die Regierung kommen. Ich war sehr betroffen über diese Antwort, und das steigerte sich zur kritischen Verzweiflung beim Miterleben der ständig sich brauenden Katastrophe, die sich dann von Beginn des Jahres 1938 an unaufhaltsam entwickelte (12).
Im Februar hörte man vom erzwungenen Rücktritt des Chefs der deutschen Heeresleitung v. Fritsch wie von einem Warnzeichen weiterer Zuspitzung. Viele hatten ihn für eine Hoffnung militärischen Widerstands gegen Hitler angesehen. Danach folgte der Einmarsch in Wien. Von Oberschlesien aus war man Wien näher gerückt, es war noch ein deutsches Gebiet gewesen, das nicht gleichgeschaltet war, auch viele unserer polnischen Freunde waren noch aus galizischer Vergangenheit her gewohnt, nach Wien als Beziehungspunkt zu sehen, so für Einkauf, Mode, Theater, ärztliche und zahnärztliche Kapazitäten. Wellen von politischen und jüdischen Flüchtlingen strömten nach Prag und manche kamen schon von dort nach PolnischSchlesien, als Hitler seine Aggressivität und Propaganda gleich nach dem österreichischen Anschluß auf die Tschechoslowakei richtete, mit der er dann im September in München einen vollen Erfolg erzielte: die Tschechoslowakei wurde ihm von Neville Chamberlain und Daladier ausgeliefert. Schon für einige Zeit hatte sie Zweifel am Wert des französischen Bündnisses gehabt und einen Vertrag auch mit Rußland abgeschlossen.
Es schien uns in diesen späten Septembertagen 1938 ungewiß, ob die Russen, selbst wenn das Münchener Abkommen zustande kam, was ja auch bis zum letzten Moment unsicher war, nicht doch zunächst durch Luftangriffe bei einem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei intervenieren würden, und dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf das benachbarte Oberschlesien. Überhaupt waren diese Tage des Münchner Abkommens für uns ja nicht nur Tage aufregender Radio und Zeitungsmeldungen. Polen selber hatte eine sehr eigenartige Stellung bezogen.