Schon im Januar 1934 hatte Pilsudski, nachdem die Westmächte seinen Vorschlag (13) gemeinsamer militärischer Intervention gegen den damals noch schlecht bewaffneten Hitler abgelehnt hatten, einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen, durch den Hitler auch die bestehenden Grenzen für zehn Jahre anerkannte. Auch nach Pilsudskis Tod 1935 änderte sich wenig in dem semiautoritären Regime Polens, dessen "Obersten"Regierung versuchte, Konflikte mit Deutschland zu vermeiden und eine gute Atmosphäre zu erhalten. So wurden, obgleich die Kreise um Pilsudski eher von linker, nichtklerikaler Seite kamen, eines Tages alle Freimaurerlogen verboten. Es gab keine Gesetze, die jüdische bürgerliche Gleichberechtigung einschränkte und schon gar nicht Rassengesetze, aber zunehmende Diskussion über die Notwendigkeit verstärkter jüdischer Auswanderung z.B. durch eine spezielle Aktion nach Madagaskar, und es kam ein stark umstrittenes Verbot ritueller Schächtung, das der polnischen Regierung auch wirtschaftlich vorteilhaft erschien.

Am auffälligsten aber wurde die eigenhändige außenpolitische Linie der polnischen Oberstenregierung in den beiden großen Krisen des Jahres 1938. Die Zeit des österreichischen Anschlusses benutzten sie, um ultimativ eine alte Rechnung mit Litauen zu begleichen, und in der Krise der Tschechoslowakei verlangte Polen die Zuteilung des 1920 bei der Tschechoslowakei verbliebenen westlichen Olzateils des früheren Österreich­Schlesiens und bereitete sich vor, dort mit polnischen Truppen einzurücken, sobald Hitler die Tschechoslowakei angreifen würde. Gewiß war das nicht als deutschfreundliche Maßnahme gedacht, es war der verzweifelte Versuch, wenn die westlichen Alliierten die CSR nicht verteidigen würden, die Grenze zu Hitler dort wenigstens etwas nach Westen zu schieben. Es war aber auch die polnische Verweigerung russischer Durchmarschrechte, die eine Einigung des Westens mit Rußland hinderte und zum Weg nach München führte.

So erlebten wir denn die Tage um München bei uns in Kattowitz als wirkliche Vorboten kriegerischer Verwicklungen, als polnische Militärbewegungen sich in der Stadt bemerkbar machten. Wir hatten auch Grundstücke in Nikolai, bei Kattowitz, es war auf dem Weg nach der Tschechoslowakischen Grenze bei Teschen. Ich mußte gerade dorthin fahren, es wurde eine Reise mit Hindernissen, die Straße war voll mit motorisiertem Militärtransport, auch Artillerie war zu sehen. Man konnte nur den Kopf schütteln, es sollte also wirklich dort einmarschiert werden, und es wurde auch.

Der Versöhnungstag 1938 stimmte einen besonders ernst, als ob man ahnte, es könnte der letzte in Kattowitz sein (14). Zunächst gab es neue dramatische Vorfälle, auch für uns persönlich. Die Naziregierung hatte bisher Aufenthaltsrechte jüdischer polnischer Bürger in Deutschland respektiert. Gleich nach München hatten sie begonnen, ihre Aggressivität auch gegen Polen zu richten, noch im Oktober gab es Forderungen und dann plötzliche gewalttätige Ausweisung aller polnischer Juden, die einfach abgeführt und an die nächste polnische Grenzstation transportiert wurden. Man kann sich vorstellen, was solch eine spätherbstliche, nächtliche Aktion gegen ganze Familien und viele ältere Menschen an Härte und Grausamkeit bedeutete. Jenny Grünfeld, die schon betagte, unverheiratete Kusine des Vaters aus der Zalenzer Grünfeld Familie, war einer Erbschaft wegen unlängst von Kattowitz nach Beuthen gezogen, hatte einen polnischen Paß. Sie wurde auch zwangsweise nachts an die Grenze gestellt, die von den Polen zunächst geschlossen wurde. An manchen Stellen zwangen die Nazis die Deportierten zu Fuß auf die polnischen Grenzposten zuzulaufen, es wurde eine grausame Nacht für alle Betroffenen. Bei uns läutete morgens das Telefon, meine Mutter fuhr an die Grenze, um die Tante auszulösen. Sie hat dann in Kattowitz bei uns zu Hause bis zu Kriegsausbruch und Flucht gewohnt.

Man erinnert sich, in Paris war der junge Grünspan so erschüttert über die Deportation seiner Eltern, daß er auf einen deutschen Diplomaten, der das nicht verdiente, ein Attentat verübte. Die Nazis benutzten das in der Nacht des 9.November 1938 als Anlaß für die "Reichskristallnacht". In allen jüdischen Geschäften wurden die Schaufenster eingeschlagen, und alle Synagogen in Deutschland sollten angezündet werden.

Durch einen seltsamen Zufall kamen wir diesem bis dahin massivsten Nazi Gewaltausbruch gegen die Juden auch selber ganz nahe. Großmutter und Walter Oettinger hatten uns nicht mehr in Kattowitz besuchen können. Ein "J" war in ihren Paß gestempelt und Ausreise nur mit ordnungsgemäßen Auswanderungspapieren erlaubt. Wir hatten mit dem Onkel ein Treffen in Beuthen für 9.November verabredet, bevor man ahnen konnte, was an dem Tag passieren wird. Erika Schlesinger, Kusine aus der Zalenzer Grünfeld Familie, hatte angeboten, in ihrer Wohnung in Beuthen zusammenzukommen. Auch mein Vater wollte mitfahren, um den Onkel Walter zu sehen. Am Morgen wußte man schon in Kattowitz, was sich in der Nacht in ganz Deutschland und auch in Beuthen ereignet hatte.

Wir hörten von Erika, daß inzwischen weiter alle jüdischen Männer abgeholt oder gesucht und in Konzentrationslager gebracht wurden. Ihr Mann, er war protestantisch, war noch nicht abgeholt worden, aber man befürchtete es. Da Onkel Walter schon angekommen war, fuhren wir auch nach Beuthen und nahmen teil an den Gefühlen und der Beklemmung, die die Vorgänge der Kristallnacht bei den deutschen Juden auslösten. In der Wohnung wartete man ängstlich jede Minute, ob SS oder Polizei doch kommt, um den Arzt Dr. Schlesinger abzuholen. Man hörte über andere Beuthener Verwandte, darunter den über 80 jährigen Onkel Wachsmann und Frau Bertha, älteste Tochter der Zalenzer Grünfelds, und deren Kinder Weissenberg und Brann, die abgeholt und gezwungen wurden, die Nacht über mit an der brennenden Synagoge zu stehen. Am Nachmittag gingen wir auf die Rückreise, die Straßen immer noch voll Glas und Trümmer, eine bedrückende Stimmung lag in der Luft.

Die Vorgänge hatten großen Nachhall von Abscheu und Zweifel im Ausland. So kurz nach den unerwarteten Konzessionen, die Hitler in München gemacht worden waren und "Frieden für unsere Generation" bedeuten sollten, brachte diese massive Exhibition Hitler'scher Grausamkeit und Zerstörungswut große Ernüchterung und damit einen Schritt weg vom Geiste des Appeasements. Auch in Deutschland schien Zustimmung zu diesen Vorgängen nicht allgemein zu sein. Unser jüngerer Onkel Paul hatte 1937, als der Ablauf des Genfer Minderheitenschutzabkommens auch die Juden in Deutsch-Oberschlesien voll der Nazi Gesetzgebung aussetzte, sein Geschäft in Beuthen aufgeben müssen und es seinem bisherigen Geschäftsführer Slamal, einem guten oberschlesischen Deutschen überlassen. Er selbst konnte sich nicht zur Auswanderung entschließen und zog nach Berlin. Herr Slamal kam kurz nach der Kristallnacht nach Kattowitz und besuchte uns.

Er war sehr erschüttert und in Aufruhr über die Vorgänge der Kristallnacht, es gäbe viele, die seine Entrüstung teilten. Er fand überhaupt, daß es viel Ablehnung gäbe. Neulich hatte er Besuch von einem Verkaufsdirektor von Krupp aus dem Westen, war zum Frühstück mit ihm verabredet. Als er ihn pflichtgemäß mit dem Hitlergruß begrüßte, winkte der Besucher ab, nein bitte, daß könne er vor dem Frühstück schon überhaupt nicht vertragen. So etwas gab es also, auch in solchen Kreisen, aber es hatte, leider, keine Konsequenzen.

Im weiteren Verlauf des Winters wurde die Wendung Hitlers nun zu aggressiver Frontstellung auch gegen Polen immer klarer. Weihnachten besuchte uns Marianne. Sie hatte in England nach der Einladung bei Brahams und Sprachkursen eine Au Pair Stellung bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar Dr. Kidd, er Naturwissenschaftler, gefunden, was auch mit Landwirtschaft zu tun hatte, und sie wurden ihr sehr gute Freunde. Daraus wurde dann Studium des Gartenbaus an der Universität Reading, so daß sie für diese Zeit keine Aufenthalts­Schwierigkeiten in England hatte. Für nachher machte sie sich Sorgen. Man hatte sie für Auswanderung nach Neuseeland begeistert, oder, wenn wir ihr finanziell von Kattowitz dafür helfen konnten, wollte sie ein kleines Gartenbaugrundstück in England kaufen, wovon man bei harter Arbeit gut leben könnte. Die Eltern, meinte sie, könnten dann auch hinkommen, wenn Hitler auch bei uns angreift.