Das Ehepaar Kidd wollte sie adoptieren, wie würde Vater das nehmen? Ich fand man sollte ihm das nicht antun. Natürlich war das ganz falsch. Sie wollte sich auch taufen lassen, was ohnehin ihren Neigungen entsprach, anders als Lotte und ich hatte sie nie eine positive Beziehung zu ihrem Jüdischsein.
Arme Marianne, die Tragweite des Ernstes unserer Situation hatte man nicht richtig begriffen. Heute weiß ich es, man hätte alles in Bewegung setzen, alles andere hintanstellen sollen, und versuchen sollen, ihr das Geld für die kleine Gartenwirtschaft freizumachen und ihr nach England zu transferieren, und ihr zur Adoption durch die Professor Kidds zuraten sollen. Als ich sie zum Abschied auf die Bahn brachte, erzählte sie, Vater hatte ihr beim Abschied gesagt, sie würden sich wohl nicht wiedersehen. Er ahnte und verstand es vielleicht viel besser.
Die Stimmung ängstlicher Ungewißheit erreichte einen neuen Höhepunkt und eigentlich den entscheidenden Wendepunkt mit Hitlers Einmarsch am 15. März 1939 in die nach München noch unabhängig verbliebenen Teile Böhmens und Mährens, und Abtrennung der Slowakei von was bis dahin der tschechoslowakische Staat gewesen war. Es war mit hergebrachten Kategorien des Denkens schwer faßbar. Nach all den Zusicherungen, die Hitler in München gegeben hatte, marschierte er weiter. Churchill hatte es immer gesagt, Leute wie Schwarzschild hatten vergeblich versucht, Hitler die biedere Maske vom Gesicht zu reißen, jetzt ließ er sie selber ganz unverfroren fallen. Die Wirkung war momentan. Als Hitler gleich darauf seine Forderungen an Polen betreffs Danzig und den Korridor stellte, verpflichtete sich England schon am 31.März zu gemeinsamer englischfranzösischer Hilfe für Polen. Nach weiteren fünf Monaten brach der 2.Weltkrieg aus.
Nach der Besetzung Prags durch die Nazis ergoß sich ein Strom von politischen und jüdischen Flüchtlingen an und über die tschechischpolnische Grenze. Es waren dabei auch viele, die erst ein Jahr vorher von Wien nach Prag entkommen waren. Es fanden sich verborgene Wege über "die grüne Grenze" und wegkundige Begleiter, für politische Flüchtlinge einschließlich Journalisten wurde auch viel getan von den Deutschen Sozialdemokraten in Kattowitz unter Johann Kowoll. Viele, die entkommen konnten, lernte man in Kattowitz kennen, die Kaffeehäuser Skala und Opera waren voll von ihnen, es entstanden gute Bekanntschaften, ja Freundschaften, bei uns zu Hause kamen immer irgendwelche neue oder auch wiedergefundene Flüchtlingsfreunde zum Essen.
Viele blieben nur kurz, hatten schon von Prag aus an Visas gearbeitet, oder konnten sie jetzt sich verschaffen, die Konsulate, besonders das englische hatten viel zu tun und versuchten so viel zu helfen, wie es London ihnen erlaubte, die polnischen Behörden drückten alle Augen zu. Polen war ja nun selber in der heißesten Schußlinie. Die Leute, die da geflohen waren, sie erschienen beinahe schon
Schicksalsgenossen.
Viele der Flüchtlinge aber wurden von den Nazis bei Ankunft von Prag an der Grenze geschnappt und für weitere Untersuchung interniert. So erging es meinem armen Vetter Wolfgang Gerber. Er war einige Zeit in Prag geblieben, er kannte ja das GfE Geschäft und sie hatten dort Aufträge für ihn, mit späteren Bemühungen um Auslandsvisas hatte er noch keinen Erfolg gehabt, er war aus Prag geflohen, aber nicht bei uns angekommen, und wir hatten keine Nachricht. Bei Rosa Speier hatte ich damals das Ehepaar Kowoll getroffen, schließlich fuhr ich mit ihm wieder auf der Straße nach Teschen zu seinen Kontakten an der Grenze. Er erfuhr, daß Wolfgang auf der anderen Seite im Gefängnis saß, es wurden in Berlin Nachforschungen gemacht, ob etwas gegen ihn vorliegt.
Das klang nicht gut. Wenn man etwas über das Rassenschandeverfahren gegen ihn fand, würde er wohl zur Aburteilung nach Deutschland gebracht werden. Wenn nichts vorlag, wurden die Flüchtlinge meist entlassen und konnten dann sehen, wie sie über die Grenze kamen. Die Fahrt mit Kowoll gab mir eine Idee von seiner wichtigen Arbeit, ich hielt mit ihm Kontakt aufrecht.
Die wachsende Spannung zwischen Deutschland und Polen machte sich in Polens westlichen Provinzen besonders bemerkbar, Zeichen von Sympathie, ja Begeisterung von großen Teilen der deutschen Minderheit für Hitlers Forderungen auf Abtretung polnischer Gebiete wurden immer markanter, es kam zu Zusammenstößen, jugendliche Deutsche flohen auf die deutsche Seite und bildeten dort Stoßtrupps für den Tag, der kommen sollte. Man war umgeben von dauernder Kampfstimmung um die Zukunft Polens, und es waren nicht nur die vielen Flüchtlinge aus Prag, die einem die Lage deutlich machten.
Einer unser häufigen Flüchtlingsgäste, früher Syndikus der österreichischenglischen Handelskammer in Wien, schlug meinem Vater Besorgung von brasilianischen Einwanderungsvisen für die ganze Familie vor. Es war schwer vorstellbar, mein Vater nahe 74 Jahre, finanziell waren wir sehr gebunden, die Parzellierung kam nur langsam vorwärts, so auch unsere Entschädigungsklagen. Als sich die Lage so zuspitzte, machten wir besondere Anstrengungen auch für billigen Verkauf des gesamten Grundbesitzes. Als ein Interessent erschien unerwartet der polnische Bergarbeiterverband, noch immer unter Führung von Herrn Grajek wie zur Abstimmungszeit, jetzt war er Mitglied des polnischen Senats in Warschau. Er fand, sein Verband sollte die Grundstücke erwerben, aber konnte nicht allein entscheiden. Ich war interessiert zu hören, wie das mit seinen Erwartungen über Aussichten für einen Krieg zusammenhing. Ja, sagte der Senator Grajek, ich weiß, was Sie denken, aber die Schicksale des Krieges sind wechselhaft, ich weiß, wenn die Deutschen angreifen, wir werden schon weichen und Grund aufgeben müssen, aber wir werden dann wiederkommen. Das war also ein alter polnischer Oberschlesier, Bergarbeiterführer. Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht. So wie es dann kam, haben wir es uns beide wahrscheinlich in diesem Sommer 1939 kaum vorgestellt. Die Verhandlungen kamen nicht zum Zuge.