Es gelang uns aber in den Wochen vor Kriegsausbruch die vier Gebäude, Wohn­ und Bürohäuser, die noch von dem Betrieb der Ziegelei her bestanden, zu verkaufen, und so hatten wir bei Kriegsausbruch etwas flüssige Mittel, um für das Gröbste zunächst gerüstet zu sein. Das brachte uns dann aber schon bis in die letzten Tage des August 1939. Es gab immer stärkere Anzeichen, daß Hitler eine Vermittlung überhaupt nicht haben wollte, daß er ganz auf Krieg setzte. Ich hoffte noch, wenn er sich überzeugt, daß England und Frankreich wirklich für Polen in den Krieg gehen, er doch noch zurückschreckt. Aber die Spannung wuchs, wir begannen, wieder zu beraten, was man tun würde, wenn es wirklich…

Die Eltern würden in Kattowitz bleiben, das wurde eigentlich immer angenommen. Wenn die Deutschen kommen sollten, für die Eltern als alte Leute, und sie hatten ja auch verschiedene alte Bekannte, hoffte man, es könnte kaum so schlimm werden, wie auf einer Flucht. Wir Kinder würden weggehen, weder ich noch mein Schwager sollten riskieren, den Nazis, falls sie in Kattowitz einrückten, in die Hände zu fallen.

Da war, wenn man die Lage betrachtete, noch die offene Frage, was Rußland im Konfliktfall tun würde. Man wußte, London und Paris verhandelten intensiv, aber es schien zu keiner Vereinbarung zu kommen. Trotz aller politischen Aggressivität und autokratischem Gebaren, wie sie es zum Beispiel im Spanischen Bürgerkrieg gezeigt hatten, ich selbst sah die Russen nicht als militärisch aggressiv an. Waren sie dafür genug gerüstet? Einstellung zu ihnen war eine sich wiederholende Kette von versuchtem positivem Interesse und gewaltiger Enttäuschung. Ich hatte das ja auch lebhaft in Literatur und Presse der deutschen Emigration verfolgt. Mitte der dreißiger Jahre, als man desillusioniert wurde über die Haltung der Westmächte gegenüber Hitler, bemühte man sich, herauszufinden, ob Rußland doch sich als eine Hoffnung für fortschrittliche und freiheitliche Gesinnung entwickeln könnte. Die Vergangenheit war nicht ermutigend. Gab es Entwicklungen, die zu Hoffnung berechtigen konnten? Zu wem konnte man hinsehen, wenn der Westen zu beginnen schien, sich mit Hitler abzufinden?

Es gab Erkundigungs­Pilgerschaften nach Moskau, auch Thomas Mann ging. Lion Feuchtwanger blieb sogar lange ein Getreuer, Schwarzschild hielt Distanz, und in Prag machte Willy Schlamm in der Weltbühne sogar einen Salto und wurde einer der heftigsten Rußlandgegner. Das hat man damals alles sehr miterlebt. Für mich war mit Stalins Säuberungsprozessen und Exekutionen wieder einmal alles vorüber. So war es ja schon in Deutschland spätestens 1932 beim Verkehrsarbeiterstreik in Berlin gewesen. Man konnte sich nur abwenden, und so war es ja auch mit der Behandlung von linken Abweichlern im Spanischen Bürgerkrieg, die Orwell zum Feinde machten, und auch als Arthur Koestler enttäuscht aus Rußland in den Westen zurückkehrte. Nun wartete man, konnten die Westmächte als Trumpfkarte gegen Hitler doch noch zu einem Abkommen mit Rußland kommen? Dann kam das rüde Erwachen als Stalin einen Pakt mit Hitler schloß. Nun schien der Ausbruch des Krieges fast unabwendbar.

Viele gingen schon fort von Kattowitz. Lotte reiste mit Nina nach Lemberg ab, viel Haushaltsgut, auch z.B. Silber von den Eltern wurde dorthin geschickt. Ich war zweifelhaft über die Wahl von Lemberg in ukrainischer Umgebung, würde ein Krieg sich nicht auch bald auf den Balkan ausdehnen, mit Rumänien und Jugoslawien, Restmitglieder der Kleinen Entente und Verbündete Frankreichs? Aber viele Bekannte und Freunde gingen nach Lemberg. Manche aber waren schon vor Monaten nach Warschau gegangen, hatten dort Wohnungen gemietet. Ich war auch für Flucht in Richtung Warschau, wenn einem schon nicht mehr Chance und Zeit blieb, noch eine Reise ins westliche Ausland zu versuchen. Manche unserer Bekannten waren vorsorglich auf Ferien gegangen. Man konnte in Polen damals Ausreiseerlaubnis und kleine Devisenzuteilung für Ferienreisen nach Frankreich oder England bekommen. Bis in die allerletzten Tage des August war ich aber mit Vater noch mit den verschiedenen Notariatsterminen und anderem im Zusammenhang mit den Hausverkäufen "unabkömmlich". Mein Schwager plante schon während dieser Tage, auch nach Lemberg zu fahren, aber er war noch in Kattowitz, als es im Laufe des 31. August ganz klar wurde, daß Hitlers Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht. In Polen wurde Mobilmachung erklärt, der zivile Verkehr auf der Eisenbahn sollte um Mitternacht eingestellt werden, der letzte Zug von Kattowitz nach Warschau um 9.30 Uhr abends abgehen. Ich begann meinen Koffer zu packen. Mein Schwager wollte im kleineren Skoda Wagen, den er immer benutzte, nach Lemberg fahren.

Manchmal hatte ich gedacht mit unserem alten großen Mercedes wegzufahren, hatte Telefongespräche mit Johann Kowoll über die Lage und ob wir nicht zusammen wegfahren würden, aber woher sollte das Benzin für so einen schweren Mercedes im Kriegsfall kommen? Ich war auch kein guter Fahrer, es kam also für mich auf die Eisenbahn heraus. Ich rief Kowoll noch an, er hatte auch gesagt, J. Maier vom "Der Deutsche in Polen" war auch interessiert, aber es war niemand mehr da, das Telefon antwortete nicht mehr. Ich packte fertig, nur ein handlicher Koffer, man mußte leicht und beweglich sein, es waren sehr heiße Sommertage, so packte man also. Ahnte man, wie lange es sein würde, daß man nie wiederkommen, die Eltern nie mehr sehen würde? Man konnte es nicht ausschließen. Es gab einen herzzerreißenden, ganz kurzen Abschied, es war beinahe, als ob Mutter doch dachte, die Eltern sollten auch mitfahren. Mein Schwager brachte mich auf den Bahnhof, wir verabschiedeten uns, er wollte noch die Nacht durch nach Lemberg zu Lotte und Tochter fahren.

Als polnischer Staatsbürger war ich ja militärpflichtig, hatte
zunächst Aufschub für mein Studium erhalten. Als ich mich 1931 zur
Musterung stellen mußte, wurde ich wegen Kurzsichtigkeit zur
Kategorie C eingeteilt, vom Dienst befreit, aber konnte im Fall einer
Mobilmachung doch eingezogen werden. Ich hatte einen entsprechenden
Militärausweis erhalten, unter Personalien stand da auch
"Nationalität: Deutsch", "Religion: mosaisch". Neben meinem Paß hatte
ich diesen Ausweis auch bei mir, als ich nun meinen Zug bestieg.

Kapitel 8

Der 2.Weltkrieg bricht aus

Der Zug war übervoll. Mein einziger Koffer lag da irgendwo oben, ich stand oder vielmehr hing an dem Handgriff, der von der Decke kam, so voll war das Coupé, gesprochen wurde kaum. Von Station zu Station kamen noch Leute in den Zug, erst nach langer Zeit erreichte der Zug das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen. Man sollte aber warten. Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann mittleren Alters auf deutsch an. Er war ein jüdischer Anwalt aus Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich, wie er sagte, öfters im Café Skala gesehen. Er war ganz allein, sprach kein Wort polnisch. Was für ein Elend, dachte ich. Er hatte gehört, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei, könnte ich ihm helfen, dorthin zu kommen. Wir kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, für tschechische politische Flüchtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls für ihn hatten sie keinen Platz, er wäre ja nur ein "wirtschaftlicher" Flüchtling. Wir mußten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir, wir wurden aufgehalten, mußten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen Flüchtlingsausweis erhalten. Ich mußte meinen Militärausweis zeigen, da stand ja Nationalität deutsch, Bekenntnis mosaisch. Das schien schwieriger für die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb verhaftet. Dann hieß es, der Zug geht doch weiter, ich wurde freigelassen und stieg wieder in mein Coupé, es war mehr Platz, ich konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen Dombrowa­Olkusz, kamen nach Wolbrom. Es kam schon die Morgendämmerung und man sah eine Gruppe von Flugzeugen, sie flogen niedrig, paßten sich den Konturen des hügeligen Geländes an, eigenartig und unheimlich. Waren das schon deutsche Flugzeuge? Man wußte es nicht, aber konnte wenig Illusionen haben. Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemühungen des 31. August, belgischholländisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun der frühe Morgen des 1. September. Die eigene Situation war schwer zu glauben. Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein in diesem Zug, wohin fuhr er? Wo führte das alles hin, versank jetzt alles, was man kannte? Ich sah einen Lichtblick: Es würde wohl das Ende Hitlers sein, auch Deutschland würde von ihm befreit werden, aber was war der Preis? Was hieß Krieg 1939 verglichen mit 1914? Was würde die Zerstörung durch Flugzeugbomben sein? Man hatte von Guernica viel gehört, würden alle Städte im Nu zerstört werden?