Für meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen zusätzlichen gehörigen Schock bekommen. Schon in den Wochen vor Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und Verdächtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz andere Formen an.
Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltür geöffnet, mein Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschränken. Man wartete auf die nächste größere Station, Tunel, Knotenpunkt mit der Bahn von Krakau nach Warschau, was würde man dort hören, wie war das mit diesen Flugzeugen? Die Abteiltüren gingen auf, man sprach die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten Bomben abgeworfen. Also das war es, der Krieg war da.
Es war noch früher Morgen am 1.September. Alles war bedrückt und aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coupé mußte sie gerufen haben, wir beide wurden verhaftet. Es war wieder dasselbe, auf seinen Flüchtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich mußte warten. Es war wohl auch besser, daß wir uns trennten. Schließlich konnte ich auch weiterfahren, mußte nochmals den Zug wechseln, es gab weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und fand ein Zimmer im Hotel Angielski.
Meine Freunde Zygmunt und Hannah Krieger hatten auch eine Wohnung in Warschau gemietet und waren schon vor Wochen dorthin gezogen. Ich rief an, sein Bruder, Bankier Hennek, war auch da, wohnte bei ihnen, ein Prokurist der Bank, Zygmunt Rosshändler war grade angekommen, da ich ein Doppelzimmer im Hotel hatte, könnte er nicht zu mir kommen. Ja, natürlich. Auf der Straße und im Café traf ich einige Kattowitzer, den Schulkameraden "Julek" darunter, überhaupt manche deutsche Juden mit polnischen oder deutschen Pässen. Von der Vereinigten Holzindustrie Viktor Bulowa und Frau, sie wollten mit ihrem Auto nach Schweden, ja das würde mich interessieren, sie wollten mich wissen lassen. Es gab Sirenen, Luftangriffe, schon schlechte Nachrichten von deutschen Erfolgen in den Grenzgebieten. Am Sonntag 3.September saßen wir im Café vor dem Hotel Europejski, als die Nachricht über Englands Kriegserklärung durchkam, es war eine enorme Erleichterung, man spürte es allgemein, vor den Botschaften Englands und Frankreichs gab es Sympathiekundgebungen (1).
Zum Abendbrot verabredete ich mich dort also mit dem Schulfreund, mein Hotel war ganz nahe dem Europejski. Es entsprach zwar den Gewohnheiten für einen Besuch in Warschau, aber an dem Tag war es wohl eine irre Idee. Ich bekam eine Tisch für zwei, aber er kam nicht, ich sah immerfort nach ihm aus, fiel wahrscheinlich auf, bestellte mein Essen, nachher in der Toilette verwickelte mich einer von diesen pfadfinderähnlich grün gekleideten jungen Männern mit Luftschutzabwehrtaschen umgehängt in eine Unterhaltung, erzählte mir über verschiedene deutsche Angriffe und die Wirkungen, die sie hatten, wollte wissen, was ich gehört hätte. Mit meinem holprigen Polnisch und heftigem Akzent sprach ich so wenig wie möglich, ging zum Tisch und zahlte. Als ich aus der Tür auf die Straße kam, wurde ich von zwei Bewaffneten verhaftet und in die Festung von Warschau gebracht, tief im Keller.
In einem ziemlich großen Raum waren schon etwa 40 Leute, man konnte sitzen. Es war eine eigenartige Mischung, ich sah Bekannte, das Ehepaar Löbel aus Kattowitz, er aus Bayern mit deutschem Paß, ich hatte sie schon am Morgen getroffen, einige ähnliche Fälle. Von verschiedenen Polen, die dort auch saßen, wurde besonders ein deutscher katholischer Geistlicher beschimpft, dem man nicht glauben wollte, daß er vor Hitler auf der Flucht war. Es wurde nicht viel gesprochen, plötzlich sah ich Ernst Berliner hereinkommen. Der jüngste Bruder des Schulfreundes Ludel Berliner hatte spät in Freiburg sein Chemiestudium beendet, war dann auch mit uns in Kattowitz, wir hatten uns gut kennengelernt. Da er ein sehr gutes Examen gemacht hatte, bekam er ein Stipendium für die Harvard University, ein amerikanisches Visum und Schiffsbillet von Gdyngen für die letzten Augusttage. Würde er es noch schaffen? Nun sah ich, er hatte es nicht mehr geschafft, war offensichtlich von Gdyngen noch nach Warschau gekommen, und nun fand man sich im Keller der Citadelle.
Zunächst blieben wir alle dort unten. Bei mir meldete sich mein Asthma besonders stark, und ich hatte meine Tabletten gar nicht mit. Die Nacht wurde eine Qual. Morgens wurden wir in Gruppen in ein Büro geführt, ein sehr ruhiger und sachlich scheinender Offizier prüfte die Ausweise; man wurde dazu aufgerufen, er sah meinen Militärpaß, fragte nach meinem zweiten Vornamen. Ich kannte ihn als Hans, aber zögerte, stand da vielleicht auf polnisch Jan? Ich entschied mich dafür, es stimmte, ich wurde entlassen, ging eine schiefe Ebene hinauf, an deren Ende man von weitem Licht sah. Mir entgegen wankte ein vollkommen mit stellenweise durchbluteten weißen Verbänden bedeckter Mann, er schien im Delirium, an den Seiten standen mehrere Wachen mit ihren Gewehren auf ihn gerichtet, anscheinend um sein Entkommen zu verhindern.
Ich konnte durchgehen, ein grausiger Eindruck, dieses Ende einer schrecklichen Episode. Auf der Straße sah ich bald eine Apotheke, sie war schon offen, kaufte meine Tabletten, konnte dann besser gehen. Im Hotel ging ich nach dieser Nacht im Festungskerker gleich unter die Dusche, und da war ich noch, als Zygmunt Rosshändler hereinstürzte, seine Sachen zusammenpackte und Adieu sagte. Er fahre mit Dr. Krieger weg aus Warschau, hoffe über Lemberg herauszukommen. Wie ich da stand, konnte ich nicht gut mitfahren. Das war's denn.
Ich rief bei meinen Freunden Krieger an, erzählte, was mir passiert war. Da der Bruder Hennek nun weg war, hatten sie das Zimmer frei und luden mich ein, zu ihnen heraus zu kommen. Das paßte mir sehr. Sulkiewicza 8 war ein ganz neues Sechsfamilienhaus in einer kleinen Seitenstraße der Belwederska, direkt am Lazienki Park, es hätte nicht schöner, passender und ruhiger sein können. Passend auch, denn außer meinen Freunden Kriegers hatten noch zwei andere Zuzügler aus Kattowitz dort Wohnungen gemietet: Ferdinand Baender mit Frau und noch sehr junger Tochter Steffi; er besaß ein großes Haus an der Grundmannstraße in Kattowitz mit einem Konfektionsgeschäft, hatte aber in Breslau gelebt, war von dort 1938 mit der Oktoberaktion der Nazis vertrieben worden und dann nach Warschau gekommen. Die anderen Zuzügler waren Erich Steinitz mit Familie; seine Firma L. Borinski, liiert mit der Familie Weichmann, hatte den alten Kolonialwaren und Produktengroßhandel in Kattowitz durch ein großartiges Delikatessengeschäft ergänzt. Beide hatten schon Logierbesuch aus Kattowitz. Bei Steinitzs wohnten die alten elterlichen Freunde Dr. Max Koenigsfelds und bei Baenders Dr. Hurtigs (2).
Der Hausbesitzer Rosen…..hatte auch eine der Wohnungen, eine andere Ing.Zandberg, der selber beim Militär war, seine Familie war da und mit ihnen Frau Dr. Krz. aus Gdyngen und Tochter Helena, Studentin. Sie war zum Luftschutzwart des Gebäudes ernannt worden. Das war also das Kompliment unseres Hauses, in dem wir die kommenden Wochen Belagerung, Fall und Okkupation von Warschau zusammen erleben sollten. Ich erzählte Kriegers, wie ich Ernst Berliner traf, und sie schlugen vor, daß er auch kommen sollte. Die Kriegers selber zogen dann bald in eine Pension in der Stadt und ließen uns die Wohnung (mit Dienstmädchen Bolla) hüten.