Man war natürlich fast dauernd mit allen Hausbewohnern zusammen, denn zunehmend spielte sich das Leben im Luftschutzkeller ab. Das Radio spielte eine große Rolle, es wurde sehr gut geführt, dem Ernst der Stunden angemessen, viele Bekanntmachungen, Reden, Kommentare, Musik, viel klassische, auch das bekannte Warschauer Orchester unter dem alten Fitelberg. Am stärksten in Erinnerung blieb das Pausenzeichen, der Anfang von Chopins Polonaise Adur, immer wieder, und dann die ominösen Signale: "uwaga, uwaga nadchodzi..", es schien die Möglichkeit eines baldigen Airraid Alarms anzudeuten, Sirenen und alles wieder in den Keller. Dazwischen sollte man auf der Belwederska helfen, Luftabwehrgräben auszuheben. Helena war verantwortlich, daß man da mithalf. Ich habe das erklärt, ich wollte nicht nochmals riskieren, als verdächtig von patriotisch begeisterten Mithelfern denunziert zu werden. Das verstand man auch. Wenn ich hinausging, dann um mitzuhelfen bei der Versorgung der Freunde mit Lebensmitteln.
Diese wurden sehr knapp, je mehr sich die Lage in Warschau verschärfte. Man mußte alle Vorkost, Fleischer und Bäckerläden der Umgebung abklappern, um einfach irgendetwas zu beschaffen. Für besondere Gelegenheiten erwies sich Erich Steinitz sehr großzügig und verteilte Konserven und anderes von den Vorräten, die er aus seinem Geschäft nach Warschau gebracht hatte. Ihm gebührte wirklicher Dank dafür.
Es war sehr schnell gegangen, daß die Stadt Warschau de fakto von deutschen Truppen belagert war. Schon vom 3.September an hatten sich die Luftangriffe sehr verstärkt und schlechte Nachrichten über Zusammenbruch polnischer Verteidigung in den Westgebieten Polens häuften sich. Die Deutschen hatten ja zugeschlagen, als die Mobilisierung in Polen noch in den Anfängen war, Teile der Zivilbevölkerung in den polnischen Westgebieten begaben sich auf panische Flucht, überfüllten Verkehrsmittel und Straßen, auch Warschau füllte sich mit Flüchtlingen, aber auch mit versprengten Truppen von Heeresteilen, die im Westen aufgerieben wurden, und es kamen die ersten Transporte von Verwundeten. Die Möglichkeit Warschau zu halten wurde bald in Zweifel gestellt, die Regierung ordnete zunächst Verlegung der Ämter auf das Ostufer der Weichsel an und beschloß schon am 4.September Verlegung von Warschau nach Lublin, die am 5 und 6 eilig durchgeführt wurde; auch der Staatspräsident verließ Warschau. Aber der Gedanke, Warschau aufzugeben, drang nicht durch, der Bürgermeister Stefan Starzynski wurde zum Zivilen Kommissar für die Verteidigung ernannt, und schließlich gab auch der Oberkommandierende General RydzSmigly von Lublin aus den Befehl zur Verteidung Warschaus und ernannte dafür einen militärischen Kommandanten. Starzynski gab ihr seine starke Note.
Sein Name war mir gut bekannt, er war ein prominenter Vertreter der wirtschaftspolitischen Ideen des Pilsudski Regimes, eben des Etatismus, und ich hatte viel über und von ihm gelesen. Nun hörte man ihn täglich mit seinen Radioansprachen an die Bevölkerung und mußte seine Energie und seinen Mut bewundern, mit der er alles versuchte, die Verteidigung, das Funktionieren der technischen Einrichtungen und Feuerwehr und die Versorgung der Bevölkerung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.
Als Übergang von "mittelbarer" zu "unmittelbarer" Verteidigung
Warschaus wird der 8.September angesehen, als Beschießung mit
Feldartillerie begann und die ersten deutschen Panzerabteilungen in
der Umgebung von Warschau getroffen wurden, am 9.
begann schon Feuer von schwerer Artillerie. Obgleich die Stadt schon von den verschiedensten Seiten her unter Angriff war, gab es immer wieder Reste polnischer Heeresgruppen, die sich durchschlugen und in die Stadt kamen, ebenso wie viele Zivilflüchtlinge. Neben dem Artilleriefeuer und meist mit ihm abwechselnd, gab es fortgesetzte Luftangriffe, die Zerstörung und großen Brände waren furchtbar, viele Tote wurden schon oft nur an Straßenrändern begraben. Die Spitäler waren überfüllt, viele fielen Zerstörung oder Bränden zum Opfer, über der geschundenen, verzweifelt kämpfenden Stadt breitete sich eine riesige Rauchschicht, der Himmel wurde gelb von all dem Schwefel, den man auch stark riechen konnte und einatmen mußte, er wechselte bald von gelb in lilagelb, rotgelb, blaugelb, die Detonationen peinigten. Die Haltung und Stimmung der Bevölkerung in allen Teilen blieb exemplarisch, es war eine Atmosphäre der Bereitschaft und Einigkeit, solidarischer Handlungen und Verständnisses.
Starzynski trug mit seinen Ansprachen wohl entscheidend dazu bei, aber auch viele Organisationen von Bürger und Arbeiterschaft. Während von außerhalb der Regierungslager stehenden Kräften die sozialistischen Arbeitergruppen unter dem Veteranen Niedzialkowski einen prominenten Platz im Beirat des kommandierenden Generals
einnahmen (3), nahm man die Mitarbeit, zu der die Jüdische Gemeinde und andere Jüdische Organisationen aufgerufen hatten, wohl als gegeben an, sie waren im Verteidigungsrat nicht vertreten. Dabei war etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus jüdisch.
Starzynski hatte in seinen Ermahnungen an die Bevölkerung häufig von der Wichtigkeit der Sauberhaltung von Straßen und Häusern gesprochen und dabei auch das dicht besiedelte jüdische Viertel, das Warschauer Ghetto erwähnt und an die jüdische Bevölkerung appelliert.
Außer den deutschjüdischen Bewohnern unseres Hauses hatten sich noch eine ganze Reihe anderer in der näheren Umgebung gefunden, auch hatten wir Besuch von dem ursprünglich polnischjüdischen Dr. Alberg aus Kattowitz, wo er als Syndikus von Giesche arbeitete, auch spanischer Honorarkonsul war. Er war Katholik geworden. Nun schien er sehr aktiv bei der Verteidigung Warschaus. Sein Vater aber war ein sehr typischer Warschauer Jude, mit entsprechendem Akzent, er kam uns öfters besuchen. Als das jüdische Neujahrsfest kam, wurde in Erich Steinitz's Wohnung gebetet, er war sehr kompetent dafür, es waren nostalgische Stunden.