Die Chronik verzeichnet etwas ruhigere Tage vorher, da deutsche Truppen von Warschau wegen der Schlacht mit polnischen Heeresteilen an der Bzura abgezogen wurden, aber am 13.September griff die deutsche Luftwaffe mit größter Vehemenz wieder an, mit 150 Großbränden verzeichnet für diesen Tag, mit besonders heftigen Verlusten im jüdischen Stadtteil. Die Bevölkerung der Stadt zeigte große Beherrschung und Starzynski dankt ihr besonders für den Einsatz beim Löschen der Brände. Die Deutschen melden am 14., die Polen dann für den 16., daß der Ring um Warschau vom Osten her auch geschlossen ist. Deutsche Versuche, in die Stadt einzudringen, werden noch erfolgreich abgewiesen, Artilleriefeuer steigert sich am 17. zu bisher unerlebter Intensität, die Chronik berichtet über um 5000 Geschosse in weniger als 20 Stunden, und dazu kamen noch die Luftangriffe wie eine Arbeitsteilung der Angreifer. Auch machte sich ein Rhythmus bei der Artillerie bemerkbar, die Batterien strichen mit ihrem Feuer in bestimmten Abständen und Intervallen über unseren Stadtteil oder Vorort, so daß man schon erwarten konnte, wann sie bei uns oder in nächster Nähe einschlagen könnten. Dann gab es auch Pausen, vermutlich für Frühstück etc. Als es zu solch enggezieltem Artilleriefeuer kam, war der Platz doch auch im Luftschutzkeller, vorher hatte man sich schon so an Artillerie gewöhnt, daß man auch bei leichterer Beschießung heraus oder auch in die Stadt ging. Am 17. September wurde auch das Elektrizitätswerk durch Feuer beschädigt.

Als das wichtigste Ereignis dieses 17.September erwies sich aber die Meldung vom Einmarsch russischer Truppen in die Ostgebiete Polens. Kriegers hatten in ihrer Wohnung einen sehr guten Radioapparat und wir konnten uns gut informiert halten. Außer dem Warschauer Radio hörten wir nicht nur deutsche Stationen, sondern auch Sendungen der BBC, und so hörten wir auch sofort über dieses schicksalhafte Ereignis. So empfand ich es und habe spontan gesagt, wir haben schon viel erlebt, aber das wird sich als das schwerwiegendste erweisen, die Russen haben angefangen zu marschieren, wahrscheinlich werden sie erst am Rhein halt machen. Warum ich diesen blitzschnellen Gedanken hatte? Es stellte sich ja auch zunächst als ganz falsch heraus, dann aber auch gar nicht, es wurde aber nur die Elbe, und das ist schwerwiegend genug geworden für Europa. Man wußte damals dort in Warschau am 17.September 1939 nicht, ob das eine gezielte aber einseitige Abwehrmaßnahme der Russen im Hinblick auf die schnellen deutschen Erfolge in Polen war. Daß es ein abgekartetes Spiel war, schon im Hitler­Stalin Abkommen vom 22.August vorgesehen, das begann man erst langsam zu ahnen.

Der Warschauer Bevölkerung wurde die Nachricht zunächst vorenthalten. Es war ja auch für die Menschen im belagerten und verzweifelt sich verteidigenden Warschau eine erschütternde Wendung. Als Ernst Berliner und ich in den Luftschutzkeller kamen und niemand etwas gehört hatte, haben wir zunächst auch nichts gesagt, aber am nächsten Tag ging das dann im Laufe von den üblichen Unterhaltungen über die Lage doch nicht mehr. Warum hatte das Warschauer Radio nichts gesagt? Außer unseren engeren Bekannten glaubte man uns nicht recht, nur Frau Zandberg schien anzunehmen, daß ich nicht Unsinn rede. Aber als die nächsten Nachrichtensendungen des Warschauer Radios immer noch nichts sagten, da sah sie mich auch vorwurfsvoll an, und Helena sagte, wenn wir Sie nicht schätzten und sie nicht ganz sympathisch fänden, müßte ich eigentlich jetzt dafür sorgen, daß Sie an die Wand gestellt und erschossen werden. Dann am 19.September kam doch die Nachricht, und die Betretenheit schlug breite Wellen. Nichts über Hilfe hatte man vom Westen gehört, jetzt wurde der Rest Polens von den Russen verschlungen, Warschau und sein Kampf blieben einsam und allein. Die Not wuchs ins Ungeheuerliche, Straßenränder und Plätze füllten sich weiter mit Gräbern, es brannte überall, Häuser stürzten ein, in der Versorgung mit Strom gab es Störungen. Die Chronik verzeichnet schon für den 16. September Anstrengungen des Diplomatischen Korps, auf ein Abkommen mit den Deutschen für eine Evakuierung der Ausländer hinzuarbeiten, und verzeichnet die Evakuierung am 21. September von 178 Mitgliedern des Diplomatischen Korps und 1200 anderen Ausländern (4).

Im noch immer intensiver werdenden Artilleriefeuer und bei Fliegerangriffen verbrachten wir dann den Versöhnungstag, wieder auch mit Gebet bei Steinitz, oft unterbrochen, wenn man doch in den Keller mußte, und an diesem 23. September deutete die Intensität des Feuers darauf hin, daß die Deutschen den Angriff auf die Stadt vorbereiteten. Lärm, Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, der gelb­rote Himmel ließen einem kaum Atem daran zu denken, was uns passieren wird, wenn die Deutschen einrücken sollten. Die Elektrizitätsversorgung brach am 24. September vollkommen zusammen und damit auch die Radiosendungen, die Wasserversorgung versagte weitgehend, Feuer konnte kaum noch gelöscht werden. Für den 25. verzeichnet die Chronik Luftangriffe von 7 Uhr morgens bis abends. Ich erinnere mich, das waren Stuka (Sturzkampf) Flieger, eine unbeschreibliche Tortur, und es gab zu jeder Zeit des Tages etwa 200 gleichzeitige Brände in der Stadt.

Am 26. September beschloß die militärische Führung und der Verteidigungsrat mit den Deutschen über Kapitulation zu verhandeln. Am 27.September, um 14 Uhr, trat ein Waffenstillstand ein, die deutschen Truppen waren jetzt unter dem Kommando des Generals v. Blaskowitz, der die wenigen von polnischer Seite gestellten Bedingungen annahm. Dann gab es Verhandlungen, zu denen außer den Bevollmächtigten des polnischen Militärs auch der Bürgermeister Starzynski zusammen mit technischen Beamten der Stadtverwaltung kommen mußte, die für Gesundheit, Elektrizitäts­ und Wasserversorgung verantwortlich waren. Die Deutschen verlangten die Stellung von zwölf Geiseln aus allen Teilen der Bevölkerung, unter ihnen war auch Schmuel Zygielboim von der jüdischen Arbeiterorganisation "Bund", dessen Name ich vorher noch nicht gehört hatte (5).

Unter deutscher Besetzung

Der erste Eindruck war, daß die Deutschen sich mit einiger Vorsicht an die Aufgabe des Einmarsches und der Besetzung der Stadt herantasteten. Es war ja wohl auch keine alltägliche Operation, eine Millionenstadt, die sich militärisch verteidigt hatte, ihre technischen Einrichtungen weitgehend zerstört, zu besetzen und dafür ein Abkommen mit Militär und Stadtverwaltung zu verhandeln. Der Einmarsch deutscher Truppen war erst für die nächsten Tage angesagt, aber aus der Stadt wurde uns berichtet, daß an einigen Punkten Soldaten in polnischer Uniform erschienen, die Deutsche waren. Noch am 30.September schien es unklar, ob der Einmarsch stattgefunden hatte oder wie weit er gekommen war (6).

In unserem Haus Sulkowicza 8 habe ich damals keine deutschen Truppen erlebt, wie ein Wunder blieben wir verschont, aber aus naher Nachbarschaft gab es bald schreckenerregende Berichte. Es war nun nicht so, daß deutsche Einheiten und schon gar nicht Militär kamen und blindlings Juden ermordeten, aber es zeigte sich sofort, daß Juden weitgehend vogelfrei waren, jeder Willkür ausgesetzt und eben in ständiger persönlicher Gefahr, auch Gefahr ihres Lebens. Meine erste Assoziation war, Leben unter dieser deutschen Okkupation in Warschau, das war wie "die ganze Zeit Reichskristallnacht".

Soldaten waren zunächst gleich auf Missionen geschickt, Wohnungseinrichtungen zu requirieren, die von der Besatzungsmacht gebraucht wurden. Das war wohl nicht ungewöhnlich, wenn fremdes Militär einrückte. Aber hier wurden sie in jüdische Wohnungen geschickt. In der Nachbarschaft kam eine Truppe, ließ sich bestätigen, daß die Bewohner Juden sind und begannen, alle Betten wegzutragen. Die alte Großmutter war krank, sie wurden gebeten, wenigstens das eine Bett ihr zu lassen, der befehlende Leutnant wollte das auch tun, da trat einer seiner Leute hervor und fragte ihn, "sind das nun Juden, oder nicht?". Das Bett wurde auch mitgenommen.

Das war so einer der Berichte, die einem vermeintlich Anhaltspunkte geben konnten, wie es bei den Deutschen damals aussah. Die Frage danach hatte ja einen wesentlich weiteren Rahmen, als wie sie es mit dem Antisemitismus hielten: Es hatte immer wieder Anzeichen und Berichte gegeben über hohe militärische Opposition gegen die nationalsozialistische Regierung, die dann im Widerspruch gegen die mehr abenteuerlichen Pläne Hitlers zum Vorschein kam. Darüber hatte man vor dem Einmarsch in Österreich und der Tschechoslowakei gehört, es gab die Rücktritte v. Fritzschs und v. Becks, und nun hatte man während der Belagerung gehört, daß der frühere Oberbefehlshaber Generaloberst v. Fritzsch aus seinem 1938 erzwungenen Ruhestand heraus mit den deutschen Truppen vor Warschau gekämpft habe. Hieß das, daß er dann von Warschau zurückkommen und die Wehrmacht dann Hitler zum Rücktritt zwingen würde, um einen Friedensschluß mit England und Frankreich zu erreichen?