Noch war die Gefahr für mich nicht vorüber, meine Abreise verzögerte sich. Für Benutzung eines Schnellzuges brauchte man eine Genehmigung, und Juden waren Schnellzüge neuerdings verboten. Orbis hatte noch keine Lösung für mich. Eine kleine Verbesserung in den Verhältnissen war noch gewesen, daß der Postverkehr von und zwischen dem besetzten Warschau und Orten in Deutschland aber auch dem neutralen Ausland schon gut funktionierte. So hatte ich Kontakt nicht nur mit Zürich, sondern auch der noch in Berlin lebenden Familie, Großmutter und Onkel Walter Oettinger, von der Grünfeld Familie die Epsteins und Hans Hirschel.

Kontakt hatten wir von unserer Enklave auch weiter mit Erika Schlesinger in Beuthen, wo Tante Jenny unterdeß zurückgekehrt war, und durch das Hausmädchen von Königsfelds mit den vielen traurigen Vorgängen in Kattowitz. Ich war sehr gerührt, als durch sie der Kürschnermeister Klimanek, zur katholischen deutschen Gruppe gehörend, bei dem wir jeden Sommer unsere Pelze aufbewahrten, mir den Pelz meines Vaters nach Warschau schickte. Ich bekam auch einige Kondolationen zum Tode meines Vaters, so eine besonders bewegende von dem deutschen Baumeister Kutchera, Nachfolger meines Vaters in verschiedenen Berufsverbänden.

Die Verwandten in Berlin rieten, ich soll doch versuchen, zu ihnen zu kommen. In diesen ersten Kriegsmonaten hatte man wohl noch keine richtige Vorstellung dort, was das Schicksal der in Deutschland zurückgebliebenen Juden sein würde. Als ich meine Papiere mit D­Zugbillet nach Triest bei Orbis endlich abholen konnte, um mit dem nächsten D­Zug am 10. Januar 1940 abzufahren, wurde ich gefragt, ob ich bereit bin, mit einer alten polnischen Dame und ihrem Enkelsohn zusammen zu fahren, da sie gar kein Deutsch sprechen. Es war eine Frau Aleksandrowicz, Mutter des amtierenden polnischen Konsuls in Triest, und dessen kleiner Sohn. Ich war verwundert, vielleicht war es ganz natürlich, daß man bei Orbis auf diese Idee kam, aber in Wirklichkeit, dachte ich, war meine Passage unter einem größeren Risiko als die der alten Dame. Ich sagte aber doch zu.

In der Sulkiewicza 8 gab es einen bewegten Abschied. Bei den freundschaftlichen Gefühlen, die sich entwickelt hatten, wurde es so schwer, sie alle dort ihrem so ungewissen, aber doch so bedrohend schwer aussehende Schicksal zurückzulassen. Ich hatte schon lange versucht, besonders den Familien Baender und Hurtig zur Ausreise zuzureden, sie hätten die Mittel in Warschau gehabt aber hatten Sorge für das Leben im Ausland. Ich meinte, es ist noch niemand verhungert, und was einen in Warschau erwartete, sah grimm aus. Ich nahm Abschied.

Es war ein sehr kalter Winter geworden, 1939/40, so war es ja in ganz Europa. Der Zug sollte gegen 10 Uhr abends gehen, ich traf jemanden von Orbis auf dem Perron, der mich mit Frau Aleksandrowicz bekannt machte. Wegen des Wetters verspätete sich die Abfahrt des Zuges um einige Stunden, wir mußten bei minus 26 Grad auf dem überfüllten Bahnsteig warten. So fing die Fahrt schon mit einer schweren Probe an, dann ging es ganz glatt, vor Kattowitz verschwand mein Gesicht unter meinem Mantel und blieb. Man mußte annehmen, daß wir den Anschluß an den Zug, der unsere Wagen durchgehend nach Wien plombiert und ohne Grenzkontrolle durch das "Protektorat" (die besetzte Tschechoslowakei) bringen sollte, schon längst versäumt hatten, die Verspätung war des kalten Wetters wegen nur noch größer geworden. Mir ahnte nichts Gutes, selbst nachdem ich Kattowitz ohne Zwischenfall passiert hatte.

So war es auch; wir hatten keinen durchgehenden Zug nach Wien, mußten einen Zug im "Protektorat" nehmen und eine unvorhergesehene Grenzkontrolle zwischen dem "Protektorat" und Österreich in Breclav (Lundenburg) passieren. Sie wurde für mich sehr unangenehm. Männer und Frauen wurden getrennt, Frau Aleskandrowicz konnte mit ihrem Enkelsohn gehen, mich grillten drei SS­Leute. Ich dachte zeitweise nicht, daß ich davon komme, einer schien ein fanatischer und grober Judenhasser, die beiden anderen mehr zivilisiert, zum Schluß fanden sie wohl, sie sollten meine Ausreisegenehmigung aus Warschau honorieren. Die Aleksandrowiczs warteten schon besorgt auf mich, wir fuhren nach Wien weiter, mußten den Bahnhof wechseln. Das waren wohl auch die Dinge, wegen der man mich gebeten hatte, sie unter meine Obhut zu nehmen. Wir aßen Abendbrot am Südbahnhof und fuhren dann nach Triest weiter. An der deutschen Grenzkontrolle nach Italien erschienen nochmals SS Leute, stolzten provokativ umher, schrien, aber es war wohl mehr ein Einschüchterungsmanöver, wir kamen ohne Schwierigkeiten durch, dann auch an der italienischen Kontrolle, meine "Kombination" schien also noch zu halten.

Als der Zug weiter fuhr in Richtung Udine überkam mich ein großes, unvergeßliches Gefühl der Erleichterung. Es war kaum vorstellbar, nun schien ich gerettet vor Nazis und Gestapo, was für eine Wendung. Sicher, die Zukunft war ungewiß, noch mit vielen undurchsichtigen Wolken verhüllt, aber das war eine Erlösung, wie man sie selten empfinden konnte. Frau Aleksandrowicz bemerkte das gleich, wie ich fühlte und nahm Anteil. Die Fahrt hinein nach Triest hoch über den unwirtlichen, windgefegten Karst nahm sich auch wie eine schicksalsvolle Reise aus, beim Abschied bat sie, ich möchte doch ihren Sohn bald im polnischen Konsulat besuchen.

Kapitel 9

Kriegsflüchtling

In Transit in Italien