Es war mein erster Besuch in Italien. In Triest war es auch kalt und unfreundlich, mich reizte der bunte, geschichtliche Hintergrund, man spürte die Nachbarschaft Jugoslawiens und manches von der österreichischen Vergangenheit. Es gab viele Flüchtlinge und andere Reisende. Von meinen KattowitzWarschauer Freunden war die Familie Steinitz noch dort, auf Emigration wartend. Er war ein großer Lehrmeister, wie man als Flüchtling so sparsam wie möglich leben mußte. Ich nahm gleich Kontakt mit Zürich auf, die Nachricht, daß ich aus Warschau entkommen war, wurde schnell in der Familie verbreitet, Lotte und Familie waren in Bukarest, standen in Kontakt mit meiner Mutter in Lemberg. Jetzt konnte ich wenigstens in Korrespondenz mit ihnen sein. Von Marianne hörte ich aus England und auch von der Dahlemer Familie, Tante Grete, Herbert mit Frau Ery und der jüngere Bruder Ernst. Er hatte arrangiert, daß Lotte und Familie in Bukarest bei den Eltern des gemeinsamen Freundes Ralph Kleeman wohnen konnten.
Beim polnischen Konsul Aleksandrowicz wurde ich freundlich, aber etwas zurückhaltend empfangen. Ich vermutete, daß er über mich rätselte, als ich meine Personalien und Lage erklärte. Mit meinen Papieren sollte ich so schnell wie möglich Italien verlassen, und Frankreich schien am nächsten. Ich erkundete mich beim Konsul, ob er mir dabei helfen könnte, ich würde mich dann für die polnische Armee stellen. Er winkte gleich ab, ich war ja Kategorie "C" wegen Kurzsichtigkeit, die polnische Armee in Frankreich war noch sehr klein und konnte nur gut trainierte Leute mit vorherigem Armeedienst brauchen.
Der nächste Besuch war beim Büro der Jewish Agency. Laut meinen Papieren lag dort für mich ein Zertifikat für Einwanderung nach Palästina, was ich ja natürlich gar nicht geltend machen wollte, aber ich sah den Leiter des Büros Dr. Goldin, um mich über Möglichkeiten zu erkunden, wie man nach Palästina kommen kann. Ich fand auch, daß ich die Bescheinigung in meinem Paß über ein Zertifikat erwähnen mußte. Es war mir nicht klar, ob er über diese "Kombination" aus Warschau zu fliehen, zum ersten Mal hörte, jedenfalls zeigte er sich empört und sagte mir, ich hätte in Warschau bleiben sollen. So provoziert, teilte ich noch mit, daß auch andere, darunter sehr aktive Zionisten, und zwar Revisionisten mit solchen Papieren ankommen, da sagte er, die sollen dort bleiben. Ich traute meinen Ohren nicht, weiß er, was er da sagt, fragte ich. Ich begann zu verstehen, daß es in Zionistischen Ämtern nur strikt politische Kategorien gab, die hatten mit charitativem Denken oder Gefühlen nichts zu tun.
Seit der Nachricht vom Tod meines Vaters hatte ich an keinem Gottesdienst mehr teilgenommen, in Triest nun ging ich Freitag abends in die Synagoge, um das Kaddisch Gebet zu sagen, und das habe ich dann versucht, bis zum Ende des Trauerjahrs aufrecht zu erhalten, wo immer ich nahe einer Synagoge war. Es hieß Bekanntschaft mit ganz verschiedenen Gemeinden und Gottesdienstformen, eine traurige, aber auch anregende und wichtige Erfahrung gerade in dieser Zeit der Verfolgung. Ich blieb nicht lange in Triest, fand, daß Marek Reichmann und Familie sich in San Remo aufhielten, und beschloß, dort herauszufinden, wie man nach Frankreich gelangen kann. Anscheinend gab es dafür Wege über die Grüne oder auch die Blaue Grenze, nämlich mit einer Motorbootfahrt, aber sehr riskant. Ich machte Halt in Mailand, wo Ernst Berliner war, auch Danek Zins aus Kattowitz, Pianist und Begleiter des Tenors Jan Kiepuras, und Frau B. mit Tochter, und traf einen polnischen Diplomaten, früher Handelsdelegierter in Hongkong, der erklärte, warum Leute wie er jetzt in der Emigration soviel Kontakt mit jüdischen Landsleuten suchten. Die Juden, fand er, haben einen so ausgeprägten Sinn für Kommunikation, und das ist, was wir jetzt als Emigranten alle brauchen. Es war auffällig, wie eng sich der Kontakt in der Emigration, wo immer man hinkam, gestaltete. In Mailand lernte ich auch einen älteren Mitemigranten, Anwalt aus Lemberg, auch Danzig, Dr. Parnes kennen, den ich später in Rom wiedertraf. Er wurde dann für mein rechtzeitiges Wegkommen von Italien entscheidend.
Der kalte Winter 1939/40 hielt noch immer an, Mailand war tief im Schnee. Erst auf der Fahrt nach Genua südlich der Bergkette änderte es sich etwas, und da war auch das Erlebnis der MittelmeerVegetation mit Pinien anstatt der gewohnten Bäume.
In San Remo fand ich eine billige Pension. Die Unbilden von Belagerung, Okkupation, Reise und andauernder Ungewißheit machten sich bemerkbar, ich wurde sehr krank, an die Motorbootfahrt nach Frankreich war ohnehin nicht zu denken. Mein Vetter Herbert in London wollte mir Einwanderung nach Bolivien ermöglichen. Nach dem Tod meines Onkels Paul Grünfeld und der Auswanderung der Familie mit einigen Mitarbeitern nach London wurde dort eine neue Firma gegründet, die schwedischen Werke und Chromerzgruben in Türkei und Cypern gehörten weiter dazu. Lotte und Familie konnten am 21.März von Bukarest nach Cypern abreisen, wo ihr Mann durch Herbert eine Stellung als Chemiker erhielt. Bei einer neuentstandenen Verbindung in Bolivien für Einkauf von Erzen wollte Herbert mich unterbringen. Ich wartete sehr, daß das zustandekommt.
Ernst Berliner fuhr von Genua nach den USA ab, und dann auch Dr. Koenigsfelds, direkt aus Warschau nach Genua kommend, auf dem Weg nach Brasilien. Die Abschiede waren immer bewegend, man hoffte, auch einmal so weit zu sein, aber der Bolivienplan für mich schien nicht gut zu gehen.
Statt dessen bekam ich von der Fremdenpolizei in San Remo Ende März einen Ausweisungsbefehl, die Zeit für ein Transitvisum sei abgelaufen. Ich sollte mich sofort bei der italienischen Grenzpolizei in Tarvisio melden, um über die Grenze, über die ich hereingekomen war, wieder zurückgestellt zu werden. Anstatt der vorläufigen, nun nicht verlängerten Aufenthaltsgenehmigung der Fremdenpolizei, wurde das von nun an mein einziger gültiger polizeilicher Ausweis, den ich in Italien vorzeigen konnte. Kaum von schwerer Erkrankung etwas erholt, befand ich mich also erneut in Alarmzustand.
Inzwischen war Marek Reichmann nach Rom gefahren, um dort an seiner weiteren Auswanderung zu arbeiten, ich mußte jedenfalls aus San Remo verschwinden und beschloß, nach Rom zu gehen. Die Geschwister Grelling hatten einen Teil ihrer Jugend in Florenz verbracht, ihr Vater hatte Deutschland im 1.Weltkrieg als Gegner des Kriegs verlassen, seinerzeit eine "cause celebre". Die Tochter Annemarie kannte ich von Dahlem her, sie hatte unterdeß den jungen Verleger Gentile geheiratet, Sohn des bekannten italienischen Philosophen, Senators und zeitweiligen Kultusministers Mussolinis, Dr. Giovanni Gentile. Ich hatte Annemarie's Adresse in Florenz (Fiesole) von Hans Grelling aus Zürich erhalten, hatte ihr schon geschrieben und gehört, daß ich jederzeit zu einem Besuch willkommen sei.
So meldete ich mich an, um auf der Reise nach Rom kurz in Florenz halt zu machen. Dieser Tag in Florenz war ein Lichtblick in meinem oft so bedrückenden und angespannten Flüchtlingsaufenthalt in Italien. Früh schaute ich mich um in den großen Kunstschätzen in Florenz und genoß das Stadtbild, machte einen Besuch im Verlag Olschki, worum mich Warschauer Leidensgenossen gebeten hatten. Die freundschaftliche Aufnahme zum Mittagessen in der alten Villa in Fiesole bei Annemarie und ihrem Verlegergatten war so wohltuend, man saß im Freien in der Frühlingssonne, es wurde viel Interessantes erzählt. Der kleine Sohn Giovanni spielte herum und machte die Verzauberung vollkommen durch sein Lächeln, wenn auch soviel Trauriges zu erzählen war. Ich sollte mich gleich am nächsten Tag bei Dr. Gentile (1) in Rom melden, fuhr über Nacht hin.