Er war nun Präsident der Italienischen Akademie der Wissenschaften, ein imposantes Gebäude und Büro. Auch hier war der Empfang wieder überaus freundlich. Er erkundigte sich nach "Tante Grete", wie er sie wohl in der Sprache seiner Schwiegertochter Annemarie nannte. Er verfaßte eine Eingabe an ein Ministerium und beruhigte mich. Wenn ich in Schwierigkeiten mit der Polizei komme, sollte ich ihn sofort anrufen. Es kam nicht dazu, aber ich konnte auch nicht sicher sein, wie es ausgegangen wäre, ob noch Zeit geblieben wäre für einen Anruf. Das Damoklesschwert war noch nicht wirklich fort in meinen Gedanken, und die Wochen in Rom blieben davon beschwert. Es war nicht so einfach, sich ein Bild von der politischen Stimmung in Italien zu machen. Der 9.April, an dem ich in Rom ankam, brachte auch die Nachricht vom Angriff Hitlers auf Dänemark und Norwegen, also das Ende des angespannten Zwischenstadiums, in dem der Krieg seit dem Zusammenbruch Polens geblieben war. Das trug natürlich dazu bei, das Gefühl eigener Bedrohtheit zu steigern. Man kam nicht heraus aus dem Staunen über die Pracht von Rom, und doch hatte man dafür zunächst nur einige flüchtige Blicke, man war unter lauter Flüchtlingen, die Suche nach Reisezielen und Visen verdrängte alles. Man traf nicht nur jüdische oder polnische Flüchtlinge. So teilte ich in Rom einen Tisch in der Pension mit einem jungen lettischen Historiker und Journalisten, es war interessant und neu. In Triest war es ein alter griechischer Politiker gewesen, der zu Steinitz und mir sagte, wir hätten doch in Polen bleiben und gegen Hitler kämpfen sollen, wie das eben die Griechen seit Jahrhunderten für ihre nationale Sache tun mußten.
Ein Merkmal des Flüchtlingsdaseins wurde eine immer größer werdende Korrespondenz. So lange man noch im neutralen Ausland war, wie damals noch Italien, gab es Kontakt mit zu Hause, der nahen Schweiz, ebenso wie England, Frankreich und USA. Man hatte viele Bitten, Nachrichten zu übermitteln, auch an die in Warschau, Oberschlesien oder Berlin/Breslau Zurückgebliebenen.
Mein Vetter Herbert konnte den Bolivienplan für mich nicht weiterverfolgen, aber durch meine Bekanntschaft mit Dr. Parnes fand ich unerwartet die Möglichkeit, ein Visum nach der Türkei zu bekommen. Sie wurde zusehends ein Zufluchtshafen für die polnischen Flüchtlinge, meistens nur auf Transitbasis. Ich bekam ein Einreisevisum. Herbert bot sofort an, daß die Firma der türkischen Chromgruben, Türk Maden, sich um mich kümmern würde, aber Arbeitsgenehmigung für eine Anstellung bei ihnen könnten sie nicht bekommen. Lotte und Familie waren bei kurzer Durchreise nach Cypern schon in Istanbul betreut worden, hatten mir davon geschrieben. In Dahlem hatte ich einst die Tänzerin Palukka kennengelernt, ihr Vater war der Chef der Türk Maden in Istanbul, ich wußte auch, daß eine Reihe deutscher, darunter viele jüdische Emigranten als Professoren von der türkischen Regierung nach der Türkei gerufen worden waren. Es gab also Bezugspunkte. In Rom traf ich auch wieder Frau Nejfeld und sie bekam auch ein türkisches Visum. Während des Wartens auf die Visaausfertigung und Buchung einer Schiffspassage NeapelPiräusIzmirIstanbul hatte ich doch noch mir viel von Rom, auch seinen Museen und Kirchen in etwas größerer Ruhe ansehen können. Neapel ging an mir schnell vorüber, dafür war aber die Schiffsreise schön, wenn auch ins so ziemlich Ungewisse, und schön war auch der erste Blick auf Istanbul.
In der Türkei
Alfred Palukka hatte im Park Hotel für mich gebucht. Ein älterer Herr, viele Jahre mit der Firma meines Onkels Paul in der Türkei verbunden, er war albanischer Herkunft, sehr ruhig und weise, gab mir freundliche Einführung ins Leben in der Türkei, im Nahen Osten überhaupt, und nun mußte ich mich umsehen.
Zu den deutschen Emigrantenprofessoren an der Universität Istanbul gehörte der Breslauer Mediziner, Internist, Dr. Frank. Er war ein jüngerer Vereinsbruder meines Onkels Walter Oettinger. Meine Großmutter schrieb sofort von Berlin, ich muß mich bei Franks melden, mit denen die Familie in Breslau gut bekannt war. Dann stellte sich auch heraus, daß Frau Frank aus Kattowitz kam, Mitschülerin meiner Kusine Margot Epstein, die mir auch darüber schrieb. Sie hatten zusammen viel Tennis auf unserem Tennisplatz gespielt. Franks hatten eine Tochter Sabine, die in Istanbul Orientalistik studierte, und einen jüngeren Sohn. Ich wurde sehr freundschaftlich aufgenommen und bin der Familie immer wirklich dankbar dafür gewesen.
Durch sie lernte ich auch viele andere Mitglieder der deutschen akademischen Emigration in Istanbul kennen; das wurde einer der recht verschiedenen Kreise, die ich dort hatte. Für meine Suche nach einer beruflichen Lösung hatte Dr. Frank mich an einen aus rassischen Gründen abgesetzten Direktor der Deutschen Bank in Istanbul empfohlen, der nach seinem Auscheiden eine Handelsfirma gegründet hatte.
Es ergab sich aber ein anderer Plan. Frau Nejfeld brachte mich mit ihrem Lodzer Landsmann Podczaski zusammen, ein mit einer Türkin verheirateter Pole, deren Bruder Tekim durch Podczaski zu einer Zusammenarbeit mit der polnischen staatlichen Exportgesellschaft für Agrarprodukte "Dal" gekommen war. Es gab eine Tochterfirma "Turkdal" in der Türkei, für die neue Geschäftstätigkeit gesucht wurde. Ich hoffte, für Außenhandelsgeschäfte Verbindungen durch Ferrolegeringar in Stockholm und Zürich anzuknüpfen, das Türkdal interessierte, und wir kamen zu einer Vereinbarung. Sie sollten alle Kosten tragen, ich selbst war auf Gewinnbeteiligung angewiesen, also es hing für mich alles davon ab, daß auch Geschäfte zustande kommen. Ich begann gleich aus ihrem Büro eine lebhafte Korrespondenz, der türkische Partner Tekim brachte viele mögliche Kunden.
Bald zog ich aus dem Parkhotel, in dem Herr Palukka mich glaubte zunächst unterbringen zu müssen, in die Pension Hella, die er mir empfohlen hatte. Sie gehörte Herrn Errol, der ursprünglich Grünfeld hieß, aus Ungarn. Es war eine interessant gemischte kleine Gesellschaft dort. Dr. Weiss aus Wien, ein Chemiker, gehörte zu den jüdischen Emigranten an der Universität, dann waren verschiedene Engländer da, ein älterer war in Istanbul als Sachverständiger für Marinetransport stationiert, ein junger Mann von der japanischen Botschaft und das Ehepaar Daniec, aus Polen geflohen, er war dort einer der Direktoren von Dal gewesen und jetzt in Istanbul verantwortlich für Türkdal. Mit ihm hatte ich auch die Vereinbarungen mit Turkdal abgeschlossen, und es ergab sich eine gute und freundschaftliche Zusammenarbeit. Er schien mir ein besonders guter Prototyp der neuen Wirtschaftselite, die sich im Polen der Zwischenkriegszeit unter den Zeichen des Etatismus gebildet hatte. Dal war eine unabhängige staatliche Wirtschaftsgesellschaft. Ausbildung und geschäftlichem Denken nach schienen Dals Leute aber ganz wie nach privatwirtschaftlichen Kategorien zu arbeiten und hatten in und für Polen gute Erfolge erzielt, zum Beispiel im Aufbau eines großen Exports polnischer prozessierter Schinken u.a. nach England.
Es war nur ein Zufall, daß ich in dieser Pension nun auch mit dem Ehepaar Daniec zusammen war. Zur Gesellschaft beim Mittagessen gehörte auch noch ein jugoslawischer Journalist, politisch gut informiert, schien manchmal ins Revolutionäre zu tendieren, so alles zusammen, es war eine lebhafte Tafelrunde mit oft ganz offener Diskussion über die Kriegsereignisse, die sich unterdeß dramatisch entwickelt hatten. Schon zwei Tage nach meiner Ankunft in der Türkei kamen die Meldungen über Hitlers Angriff an der Westfront, Einmarsch in Holland und Belgien, in London übernahm sofort Winston Churchill die Regierung. Der deutsche, uns atemlos haltende Vormarsch in Frankreich bedeutete den Zusammenbruch einer Welt und ließ einen sprachlos. Es waren Wochen der Agonie Europas, die man miterlebte, wie man es und wie es die Geschichte nie gekannt hatte. Rotterdam war Warschau gefolgt mit großen Verwüstungen durch erbarmungslosen deutschen Angriff.