Mit meiner Mutter in Lemberg hatte ich von Istanbul gute Postverbindung, mit den regelmäßigen Schiffen aus Odessa kamen auch öfters Ausreisende von dort, die einem über die Verhältnisse berichteten. Für Mutter wurde durch Stella Braham und ihren Mann ein Einreisevisum nach England besorgt, es machte einen hoffnungsvoll, daß sie eines Tages auch mit einem dieser russischen Schiffe in Istanbul ankommen könnte. Bei dieser Aktion für ein englisches Visum hatte Herbert geholfen und auch Marianne. Sie hatte sich aber im April entschlossen, eine Stellung auf Guernsey in den Channel Islands anzunehmen und war dorthin abgereist, grade als ich dabei war, von Italien nach der Türkei zu gehen. Sie hatte keine richtige Arbeitsgenehmigung in England selbst bekommen, lebte von temporären Jobs, die sich ergaben. Für landwirtschaftlichen Betrieb zog Guernsey sie an, so schrieb sie.
Als Erleichterung und jedenfalls Versprechen für fortgesetzten Widerstand gegen Hitler empfand man die erfolgreiche Evakuation der britischen Truppen von Dunkerque, auch General de Gaulle entkam nach England. Sein Name war mir gut bekannt, schon durch Schwarzschilds Tagebuch, durch seinen vergeblichen Kampf um stärkere Tankausrüstung der französischen Armee. Noch in Warschau hatte man gesagt, wenn doch nur die polnische Armee seinen Ansichten in den späteren 30er Jahren mehr Beachtung geschenkt hätte. Die Lage nach der Evakuation von Dunkerque machte mir schwere Sorgen über Mariannes Schicksal. Hatte sie sich evakuieren können, hatte sie die richtige Entscheidung dafür getroffen? Sollte man telegraphieren, mit Zensur im Kriege? "Nihil nocere" hatte mir einmal ein Arzt als seine wichtigste Maxime genannt. Es ist eben nicht immer richtig. Ich habe nicht telegraphiert, ich weiß nicht, ob es sie erreicht und auch noch hätte helfen können. Sie ging einem tragischen Schicksal entgegen.
Die nationalsozialistische Propaganda über bevorstehende Invasion in England stiftete Verwirrung und Unsicherheit. Aus Berlin schrieb Margot Epstein mit großer Besorgnis über die Verwandten, die es geschafft hatten, nach England auszuwandern. Diese Gedanken teilte ich nicht, der Kampfwille und die Zuversicht, die von Churchill ausgingen, waren sehr überzeugend, die Türken blieben auch bei ihrer ganz eindeutigen proenglischen Haltung. Man sagte ihnen nach, daß sie eine gute Armee hatten, jedenfalls bedeutende Truppenstärke. Nachdem Italien im Juni auch in den Krieg eingetreten war, schien eine Ausdehnung auf das Mittelmeer zu drohen. Ich fand vieles an der türkischen Machtstruktur damals eindrucksvoll. Die modernistische und laizistische Bewegung Kemal Atatürks versuchte Land und Gesellschaft an westliche Ideen und Formen anzugleichen. Verglichen mit anderen "Parteidiktaturen", die im 20.Jahrhundert erwachsen waren, schien mir diese 1940 zivilisiert und mit einer grundsätzlichen Ausrichtung, die zu der stillen Allianz mit den Westmächten durchaus paßte. Eine Richtlinie war gewiß auch das alte Gefühl der Bedrohung durch Rußland, das immer dominiernd zu sein schien.
Ich hatte angefangen, etwas Türkisch zu lernen, so konnte ich auch verstehen, woher der Drang nach einem türkischen Geschichtsbewußtsein, unabhängig von arabischislamischer Kultur genommen wurde. Es war ja alles auf lateinische Schrift umgestellt, in Postämtern konnte man noch manchmal sehen, wie ältere Beamte sich unter dem Schaltertisch noch Notizen oder Kalkulationen in arabischer Schrift machten, eigentlich war es verboten. Die Verwaltung beruhte auf ältester Tradition, manches noch von Byzanz herkommend, sagte man. Es gab einen Bazar, aber Handel und Wirtschaft waren doch stark in den Händen von Minderheiten, Griechen und Armeniern und nicht zuletzt den Juden, den länger eingesessenen sephardischen und auch später einigen aus Rußland zugewanderten. In türkischen Familien war es mehr üblich, seine Karriere im Militär oder der Verwaltung zu suchen. So ergab sich für die neue modernistische Jungtürkenpartei ein Aufgabenraum, türkische Wirtschaftsentwicklung vom Staat her zu stimulieren, also eine ähnliche Ausgangposition für Etatismus, wie ich sie von Polen her kannte.
Von polnischem Etatismus und neuer wirtschaftliche Intelligenz bekam ich in Istanbul noch einiges mehr zu sehen, mein Freund Daniec blieb nicht der einzige, Istanbul war ja ein lebhafter Durchreisepunkt für die verschiedensten polnischen Flüchtlinge geworden. Der Präsident von Dal in Polen war der Senator Roman Przedpelski gewesen, er wurde oft erwähnt, war auch aus Polen entkommen, noch im Balkan, sollte auch auf der Weiterreise durch Istanbul kommen. Dieser Name war mir sehr bekannt, denn sein Bruder war in Oberschlesien als Verwalter des größten Bergbau und Hüttenkonzerns vom Staat eingesetzt worden (2). Als Zeichen für die erfolgreiche Profilierung solcher neuen polnischen Wirtschaftselite schien mir auch bemerkenswert, daß im Verlaufe des Krieges und danach eine Reihe polnischer Berg und Hüttenfachleute in westlichen Ländern große Anerkennung fanden.
Meine Eindrücke und Kenntnisse der wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei waren in der nur kurzen Zeit meines Aufenthalts nicht sehr eingehend, aber da ich mich interessierte und durch meine geschäftlichen Anstrengungen bekam ich doch Einiges zu hören.
Es gab die beiden zur Wirtschaftsförderung gegründeten neuen staatlichen Banken, die Etibank, hauptsächlich für Bergbau, die Sumerbank für Verwaltung und Entwicklung von Industrie. Die Etibank hatte seit Kriegsausbruch das Monopol für Chromerzexport, damals sollte keines nach Deutschland gehen. Schon die Namen der beiden Banken fand ich interessant, bei Etibank kam er von den alten Hethitern, Sumerbank von den Sumerern. Mit dem Streben nach einem neuen, säkularisierten, von jeder arabischen Akulturierung unabhängigen türkischen Nationalbewußtsein wollte man also weit zurück in die Vergangenheit reichen. Die archäologische Suche nach den Hethitern erregte damals viel Aufmerksamkeit, es wurde viel über Bogazhkoi gesprochen, ich hatte auch unter den deutschen Emigrantenakademikern in Istanbul den jungen, aber schon damals anerkannten Hethitologen Dr. Güterbok kennengelernt.
Eine für mich nähere Bekanntschaft wurde aber der Nationalökonom Dr. Kessler, aus Leipzig aus politischen Gründen emigriert, der Vorsitzender des Verbands Republikanischer Hochschullehrer zu Zeiten der Weimarer Republik gewesen war. Er war auch einmal in Kattowitz zu einem Vortrag im Deutschen Kulturbund, wo ich ihn gehört hatte. Franks riefen an, um mich einzuführen. Sabine Frank nahm regelmäßig teil an Abenden bei ihm, wo oft Schauspiele deutscher Klassiker mit verteilten Rollen gelesen wurden, und ich ging mit ihr. Er beeindruckte mich sehr, das Bild eines deutschen Wissenschaftlers, von gediegener Sachlichkeit, mit einem weiten Blick, nicht nur auf seinem Fachgebiet, sondern alles kulturelle und auch religiöse einbeziehend, man konnte ihm nur mit großer Hochschätzung und im Laufe der Monate auch Zuneigung begegnen. Sein Vater war protestantischer Geistlicher gewesen, Generalsuperintendent der Kurmark, und er schrieb, unter anderem, gerade an einer Biographie seines Vaters. Er selbst war ursprünglich erst Althistoriker geworden und dann zur Nationalökonomie gekommen, für die er den Lehrstuhl in Leipzig hatte. Dort war er bald nach Hitlers Machtübernahme verhaftet worden. Für mein Verständnis des türkischen Wirtschaftslebens, aber auch des Kriegsgeschehens, war diese Bekanntschaft sehr interessant, ich habe ihn oft gesehen. Er nahm mich auch mit in sein Institut an der Universität, und ich lernte die türkischen Assistenten kennen, die er dort in Wirtschaftswissenschaften ausbildete. Von einigen anderen Wirtschaftsexperten unter den deutschen Emigranten, die nicht an der Universität, sondern in Regierungsämtern arbeiteten, lernte ich auch den Agrarexperten Dr. Wilfrid Baade kennen (auch seine Frau, die aus der Leinenfabrikantenfamilie F.V. Grünfeld aus Landeshut stammte), und sah auch wieder Dr. Hans Wilbrandt, der bei unserer mitteleuropäischen Studententagung 1931 in Preßburg gesprochen hatte.
Die Sommermonate 1940 der "Battle of Britain" waren für die Engländer grausam und verzweifelt, aber doch erfolgreich verlaufen, und das Gefühl unmittelbarer weiterer Bedrohung hatte sich gewendet. Wie aber sollte es weitergehen, woher sollte eine wirkliche Wende kommen? Es war immer noch schwer, wirklich Zuversicht zu gewinnen. Da erinnere ich mich an meine Unterhaltungen mit Lotek Potok aus Bendzin, der einer der vielen polnischen Flüchtlingspassanten auf dem Weg vom Balkan nach dem Westen oder nach Palästina war. Er war ein sehr erfolgreicher Industrieller in der weiterverarbeitenden Stahlindustrie gewesen, einer der Partner in dem Syndikat, das gewalzte verzinkte Bleche nach dem Verfahren des polnischen IngenieurErfinders Sendzimir herstellte und diesem damit zu seinem großen Erfolg verhalf. Potok fand die Lage ganz einfach. Die Amerikaner hatten schon angefangen, England industriell massiv zu unterstützen. Sehen Sie, sagte er, wenn sie die Stahlproduktion der Welt zusammenrechnen, auch wenn der ganze Kontinent Europa jetzt in deutscher Hand ist, das Übergewicht bleibt schwer gegen die Deutschen, und man kann sich darauf verlassen, sie müssen den Krieg verlieren. Es war das Zuversichtlichste, was ich in jenen Tagen hörte, hatte er Recht? War das der allein wichtige Schlüssel? Immerhin, ich habe diese Unterhaltung mit ihm in Istanbul nie vergessen.
Aber mit Stahl allein Hitler aus Europa zu vertreiben, da fehlte wohl doch etwas. Wieder, wie Mitte der dreißiger Jahre, mußte einem dabei auch Rußland einfallen. War das nun doch der fehlende Faktor, auf den man noch hoffen mußte? Es interessierte mich immer sehr, Leute zu treffen, die noch immer vereinzelt aus Lemberg mit den russischen Schiffen ankamen, die vom Schwarzen Meer her durch den Bosporus ihren Weg zum Hafen Istanbul nahmen, mit lauten Klängen der Internationalen. Es gibt manchmal so Reaktionen, die man nur als ganz emotionell und primitiv bezeichnen kann, so ging es mir einmal. Jemand beschreibt, wie die russische Polizei auftritt. Man sitzt in einem Kaffee, in Lemberg, sie kommen herein für eine Kontrolle, jeder mit zwei Schußwaffen, eine nach rechts, die andere nach links vom Gang her gerichtet. Ich habe mir das vorgestellt, ich hatte von so einer Szene noch nie gehört, die zwei Pistolen, oder was es war, für jeden, das war mir zuviel. Ich wußte wieder, das ist nicht für uns, es bleibt ganz fremd.