Über meine Mutter hatte ich am 15. Juli aus Lemberg eine, wie ich es damals empfand, Schreckensnachricht bekommen. Sie war "nach Rußland abgereist", und, wie sich bei Nachfrage herausstellte, sie war ins Innere Rußland zunächst mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Die Briefe, in denen sie die Reise in Viehwagen mit allen Entbehrungen schilderte, waren herzzerbrechend, aber es waren gar nicht die Grausamkeiten und Demütigungen erwähnt, über die man von Deportationen in Viehwagen durch Hitlerdeutschland später hören sollte. Ich telegraphierte gleich an Brahams nach London und die Britische Botschaft in Moskau, wo ja ein englisches Visum für meine Mutter angekommen war. Dr. Frank empfahl mich an einen prominenten Patienten, der seit einiger Zeit in Istanbul stationiert war. Sir Dennison Ross war einer der führenden englischen Orientspezialisten, ein älterer, sehr freundlicher Mann, halb Gelehrter, halb eben ein prominenter Regierungsmann. Er bot sofort an, einen Freund in der Moskauer Botschaft zu alarmieren. Ich blieb in schrecklichster Ungewissheit, bis am 1.August Nachricht kam, daß meine Mutter in der Sowjetrepublik Mariskaja angekommen war, anscheinend interniert in einem Barackenlager im Wald.

Das Gute war, die Eltern und zwei Schwestern von Zygmunt Weingrün waren im selben Transport und sie blieben zusammen. Der Winter in dieser entlegenen Gegend wurde hart. Nach dem Krieg erfuhr ich, daß man meiner Mutter Aufnahme in ein russisches Altersheim angeboten hatte, aber sie dachte nur daran, uns Kinder so schnell wie möglich wiederzusehen. Vielleicht hätte sie eine bessere Chance gehabt, den Krieg dort in einem Altersheim zu überleben.

Es wurde noch viel versucht, Mutters Ausreise aus Rußland zu erreichen. Die Russen verweigerten damals Gebrauch der alten polnischen Pässe, wie meine Mutter ja einen hatte, für die Ausreise. Die Britische Botschaft konnte kein "Laissez Passer" ausstellen. Schließlich konnte ich durch den befreundeten Kattowitzer Zahnarzt Dr. Fritz Reichmann aus Lissabon einen mittelamerikanischen Paß für Mutter besorgen. Mit dem englischen Visum, oder für Türkei und Cypern, um die wir uns bemühten, hoffte man, darauf russische Ausreiseerlaubnis zu bekommen. Frau und zwei Kinder Dr. Reichmanns waren in Lemberg immer sehr hilfreich zu meiner Mutter, ich hielt auch weiter von Istanbul aus durch sie Verbindung mit Mutter im fernen Marijskaja aufrecht.

Unterdeß hatte sich die Kriegssituation im Balkan und am Mittelmeer sehr zugespitzt. Schon im Juni war Rumänien gezwungen worden, Bessarabien an Rußland abzutreten, im August/September andere Gebiete an Ungarn und Bulgarien, und es war in Rumänien eine Nazifreundliche Diktatur entstanden, der König Karol geflohen, antisemitische Richtungen hatten die Oberhand. Im Oktober besetzten die Deutschen Rumänien, und es verbreitete sich Besorgnis in der Türkei, daß deutsche Truppen auch Bulgarien besetzen und so an der türkischen Grenze erscheinen würden. Man gab sich zuversichtlich in der Türkei, daß die Deutschen dort nicht einfallen würden, weil die türkische Armee auf ihrem Gebiet erfolgreich Widerstand leisten könnte, aber als Flüchtling vor Hitler wurde ich, wie viele ähnlich placierte, doch sehr unruhig. Es kamen viele weitere polnische Flüchtlingsfamilien aus Bukarest auf der Durchreise nach Istanbul, viele gingen nach Palästina, andere konnten sich z.B. brasilianische Visen beschaffen. Das tat ich denn auch und dazu noch von der englischen Botschaft ein dazugehöriges Transitvisum für Palästina.

Italien griff Ende Oktober Griechenland an. Die Türkei war weitgehend abgeschnitten, jedenfalls für unsereinen. Syrien, damals noch von der mit Hitler zusammenarbeitenden französischen Regierung von Vichy kontrolliert, kam als Durchgangsland auch nicht in Frage. Der einzige Weg für Ausreise führte über den Hafen Mersin im Süden der Türkei mit Schiff nach Haifa, und alle, die nicht Hitler oder anderen Axismächten in die Hand fallen wollten, mußten ihn nehmen.

Man traf sich oft mit anderen polnischen Flüchtlingen. Als Neuankömmling stellte sich eines Tages Jozef Winiewicz vor, der Chefredakteur des Dziennik Poznanski in Posen gewesen war, und setzte gleich noch hinzu, er sei ein Endek, also zur nationalistischen Rechtspartei der Dmowski Richtung gehörend. Ich wunderte mich eigentlich, wieso er das so betonen mußte. Man sah ihn dann nicht oft, aber eines Tages sah ich Daniec mit ihm durch den ganzen Raum schnurstracks auf mich zukommen, und Daniec sagt mir, Winiewicz will mich etwas fragen. Er wollte wissen, wie ich mir für nach dem Krieg die Grenze zwischen Polen und Deutschland vorstelle. Offenbar wußte er, wer ich war, woher ich kam. Wie Daniec gesagt hatte, ich trug ja meinen "preußischen Akzent" wie eine Fahne umher. Ich war ganz unvorbereitet auf diese Frage. Es war schon richtig, die Battle of Britain hatte Hitler schon so gut wie verloren und alle, die seine Niederlage herbeiwünschten, sollten sich Gedanken über die Gestaltung der Nachkriegszeit machen und dabei auch über künftige deutsch­polnische Grenzen.

Wie es in Europa damals im Spätherbst 1940 aussah, schien mir die Frage früh, und ich mußte sehr schnell denken. Mit voller Überzeugung habe ich dann geantwortet, ich fände die 1939 Vorkriegsgrenzen sollten wiederhergestellt werden. Sie waren doch gar nicht so schlecht gewesen, meinte ich. Daniec schien meine Antwort ganz gut und natürlich für mich zu finden, aber Winiewicz erklärte nach einer Pause sehr entschieden und aggressiv, die Grenze müsse weit nach Westen bis ganz an die Oder verschoben werden. Ich gab zu bedenken, daß dort doch gar nicht polnisch gesprochen wird. Nach ihm war das belanglos, es seien alte slawische Gebiete und sie müßten zu Polen kommen. Daniec klopfte mir beruhigend auf die Schulter und wir trennten uns (3). Während der größten Nervosität über deutschen Einmarsch in Bulgarien im November 1940 war ich nicht nach Mersin abgefahren, um zunächst einmal nach Palästina weiterzukommen, was viele gemacht haben. Es stellte sich heraus, die Flucht wäre auch nicht nötig gewesen. Bulgarien wurde zwar im März 1941 doch von deutschen Truppen besetzt, aber Hitler hat die Türkei nie angegriffen, und alle, die in Istambul blieben, sollten es gut überleben.

Im September war Sir Dennison Ross gestorben, der sich für die Ausreise meiner Mutter aus Rußland miteingesetzt hatte; ich nahm teil am Trauergottesdienst in der Englischen Botschaft. Nun am 14. Dezember starb Alfed Palukka nach monatelangem Leiden, ich hatte ihn immer seltener sehen können. Bei der katholischen Beerdigung sah man auch viele Deutsche. Zu Weihnachten lud Dr. Kessler seine jungen Freunde ein, sein Sohn lebte auch bei ihm, es war ein kleiner Kreis, es waren auch mit mir einige andere jüdische Flüchtlinge da. Es war etwas Tragisches dabei, wie er sein Weihnachtsfest verbringen mußte, denn seine Frau war in Deutschland, in Bethel beim Pastor Bodelschwing.

Es gab anscheinend nicht nur den Herrn Winiewicz, der sich mit den Problemen der Nachkriegszeit beschäftigte. In der englischen Botschaft sollte jemand auf Dr. Kessler als einen möglichen deutschen Reichspräsidenten hingewiesen haben, wenn Hitler abgesetzt wird. Vielleicht war Kessler durchaus geschmeichelt, als wir darüber sprachen, aber er wollte nichts davon wissen, er könnte es sich gar nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren und einigen Leipziger Kollegen zu begegnen, die ihn nicht einmal im Gefängnis besucht hatten.

Die Entscheidung, ob und wann ich weiterreisen sollte, wurde mir am 31. Dezember abgenommen. Die Türkische Polizei verlängerte meine Aufenthaltsgenehmigung nicht, und ich mußte sofort nach Mersin abreisen. Die Bahnfahrt ging durch Anatolien und dann die aufregende Gebirgsszenerie des Taurus, ein großartiges Naturschauspiel. An der Mittelmeerküste in Mersin war man schon wieder in einer anderen Welt nahe Syrien, auch bei der Bevölkerung merkte man das. Das Hotel hatte damals viele fremde Transitgäste verschiedener Nationen und Herkunft, die den Weg rund um das Vichy Syrien machen wollten.