Man traf viele Bekannte, die kamen und gingen, ich versäumte die nächsten Schiffe und war nicht der einzige. Nachdem meine Mutter nun im Innern Rußlands war, schien ihre baldige Ausreise noch schwieriger. Man wußte damals nicht, daß nach schon sechs Monaten sich Rußlands Stellung im Krieg und damit auch die Bedingungen der dorthin verschlagenen polnischen Flüchtlinge entscheidend ändern würden.

Damals, Januar 1941, sah ich Erlangung eines türkischen Transitvisums für sie zur Weiterreise nach Cypern als eine der wenigen Chancen für sie, wieder mit ihren Kindern zusammenzukommen. Ich wäre gern mit dem Anwalt Halil Bey in Istanbul in engem Kontakt geblieben. So versuchte ich, wie ein Freund das nannte, mich noch in Mersin etwas am Rand der Türkei festzuhalten. Es war ja auch noch Vorsorge zu treffen für Finanzierung der Weiterreise. Viele polnische Kriegsflüchtlinge wurden damals von der Exilregierung in London unterstützt, doch dazu gehörte ich nicht. Die Polizei drängte, wenn immer ein Schiff abgehen sollte, und schließlich mußte ich auch eines besteigen. "Vous vous devez débrouiller" sagte der Beamte, und das war es dann. Es war ein kleiner ägyptischer Frachter mit Passagierverkehr. Die Hauptfracht schienen Schafe zu sein, in einem großen offenen "Hold", aus dem ein penetranter Geruch strömte, der den abenteuerlichen Charakter unserer Reise noch verstärkte. Darum herum saßen hunderte von einfachen Passagieren, die man um ihr Los nicht beneiden konnte.

Etwas weg davon waren Kajüten, ich bekam einen Platz dort, mit anderen polnischen Flüchtlingen. Im Hotel hatte ich Jerzy Nowak aus Kattowitz kennengelernt, er gehörte zu einer Gruppe, seine Schwester war mit Lotte in der Schule bekannt, er wußte, wer ich war, zeigte sich hilfreich. Zu den Passagieren gehörten der Senator Roman Przedpelski und Sohn, er hatte von meiner Assoziation mit TürkDal und meiner Anwesenheit in Mersin bei der Durchfahrt in Istanbul gehört und begrüßte mich schon im Hotel in Mersin dem entsprechend. Er erwähnte wieder, wie es schon Podczaski und Daniec in Istanbul getan hatten, daß ich in Palästina mich immer an den dortigen langjährigen Vertreter von Dal, Hermann Safir, auch aus Polen stammend, um Rat wenden kann. Das Schiff fuhr verdunkelt, das östliche Mittelmeer war Kriegsgebiet. Der Seegang war beträchtlich, meine Anfälligkeit für Seekrankheit ominös. Nach dem Abendbrot suchte der Ingenieur K., wir hatten uns öfters im Hotel gesprochen, einen Vierten für eine Bridgepartie, ich war bereit. Die beiden anderen Partner, die K. gefunden hatte, waren Roman Maier, den ich auch schon im Hotel in Mersin kennengelernt hatte, Chefredakteur der Sanacja Regierungszeitung in Kattowitz: "Polska Zachodnia", der andere war Josef Winiewicz, und den kannte ich ja auch schon. Ich konnte nicht lange mitspielen, der Seegang wurde immer heftiger, einige verließen schon den Raum, Bridge verpflichtet ja zu mehr, aber ich mußte mich dann auch entschuldigen und in die Kajüte fliehen. Mit Mühe schaffte ich es am nächsten Morgen noch zum Frühstück, dann kamen wir in Haifa an. Die Polen hatten alle kaum Schwierigkeiten, Senator Przedpelski wurde von Hermann Safir abgeholt und stellte mich ihm vor, er sagte, ich solle ihn später in Tel Aviv anrufen, falls ich bei der Landung Schwierigkeiten habe. Bei mir verlief die Paßkontrolle gar nicht glatt. Der für die britische Mandatsverwaltung amtierende Inspektor Tabori, wie man mir nachher sagte, ein ungarischer Jude, sehr bekannt in Palästina, wollte alles über mich wissen. Er prüfte auch die ganze Korrespondenz, die ich mit mir führte, also mit meinen Verwandten in London, auch der Mutter in Rußland, es war ja dort sehr Verschiedenes. Er mußte mich wohl nicht nur vom Standpunkt der Mandatseinwanderungsbestimmungen prüfen, das war ja auch mein Übergang in Kriegszeiten vom neutralen Ausland in Englisch verwaltetes Gebiet. Vielleicht war es Tabori gar nicht so vollkommen fremd, ein polnischer Paß, aber jemand offensichtlich, auch in seiner ganzen Korrespondenz deutschsprachig, und jüdisch, kam nicht mit einem Zertifikat, sondern Transitvisum nach Brasilien, er wollte wohl seiner Sache ganz sicher gehen. Dabei war er sehr freundlich, aber Landegenehmigung gab er mir nur gegen Zahlung eines Deposits von Sechzig Pfund.

Ich konnte auf den Quai gehen, jedenfalls um zu telefonieren. Das Geld für das Deposit hatte ich nicht, ich war zuversichtlich, Herbert würde mich da auslösen, aber anscheinend hatte ich nur drei Stunden, dann sollte das Schiff nach Alexandria weiterfahren. Es kam schon ein Matrose, der mein Gepäck wieder an Bord nehmen wollte. Man hatte viel gehört über Flüchtlinge, die monatelang auf dem Mittelmeer herumkreuzten, von manchen hatte man nie wieder gehört. Ich hatte ja schon manches mitgemacht, aber geriet in ziemliche Panik. Sobald ich annehmen konnte, daß Hermann Safir und die Przedpelskis schon in Tel Aviv angekommen sind, rief ich dort an und erklärte meine Lage, hörte, wie er mit Przedpelski sprach, und dann sagte er zu, das Deposit für mich vorzuschießen und sofort alles Nötige zu veranlassen. Das Schiff wurde schon zur Abreise gerüstet, ich aufgefordert, wieder an Bord zu gehen, da kam zur Zeit noch die Bestätigung, daß mein Deposit bezahlt worden war. Ich konnte an Land bleiben (4).

Aufenthalt in Palästina

Jetzt war ich also in Palästina, eine sehr wichtige, neue Begegnung. Einmal das Land altzeitlicher jüdischer Vergangenheit, sehnsüchtiges Ziel zionistischer Hoffnungen auf jüdische nationale Existenz, ein Thema, dem ich neuerdings mit viel Sympathie, aber als wirkliche persönliche Identifikation doch mit angeborenen Hemmnissen und Vorbehalten bisher begegnet war. Ich wollte es nun wirklich ganz unvoreingenommen und mit soviel Idealismus wie möglich erleben. Der andere Aspekt, und vom Standpunkt meines Erlebens des Krieges ebenso wichtig, ich war jetzt auf englischem Gebiet, auf der Seite, von wo der Kampf gegen Hitler geführt wurde, die Seite der Alliierten, die die Hoffnung aller Gegner des Nationalsozialismus wurde.

Meine Kontakte sollten sehr mannigfach sein, und da war die Frage, ob ich werde bleiben wollen, und ob überhaupt bleiben können. Aussichten für Weiterreise nach Brasilien waren ganz undeutlich, im Gegensatz zu Bolivien hatte Herbert schon geschrieben, daß er in Brasilien keine passenden Verbindungen hätte und mir dorthin nicht helfen kann. Man hatte mir für die Nacht ein Hotel am Hafen in Haifa genannt, es gehörte Arabern. Die arabische Umgebung im Hafengebiet und Hotel war natürlich recht fremd. Ich wußte von einigen alten und neueren Bekannten in Palästina, aber von wenigen in Haifa. Ich sah den FWFer Grünpeter, auch aus Oberschlesien, der bei einer Bank arbeitete, mir erste Informationen und auch die Adressen von Bekannten gab, und beschloß, nach Jerusalem zu fahren.

Es war nicht leicht, dort Unterkunft zu finden, und ich weiß nicht, wer mich ins Hotel Zion brachte. Es wurde von einem vollbärtigen Besitzer streng orthodox geführt, so streng, das war wieder soviel fremder als alle die guten Bekannten und Freunde, die ich in Jerusalem wiedertraf. Das Klima schien mir gar nicht zu bekommen, ich hatte das stärkste Asthma und andere allergische Krämpfe, Freitagabend ging das Licht aus, und man konnte es auch nicht mehr anzünden im Hotel. Die Wirtsfamilie nahm auch gar keine Notiz davon, daß es einem schlecht ging, etwelcher Enthusiasmus über die neue Umgebung wurde bald gedämpft.

Es war anders mit den vielen Freunden und Bekannten, die ich wiedertraf. Da war Erich Markus aus Gleiwitz, Musikenthusiast; als Zahnarzt hatte er wohl Telefon, das war dort gar nicht so selbstverständlich damals. Otto Lilien selbst war bei der Royal Airforce in Kairo, aber Lore Lilien war da, auch der einstige Schulkamerad und FWV Bundesbruder Hans Roman. Ganz große Hilfe in meinen Krankheitsproblemen wurde der FWVer Max Altmann, einstiger Mitarbeiter und Nachfolger von Kurt Lange in der Krankenkasse der Studentenhilfe der Universität Berlin, jetzt Assistenzarzt am Hadassahhospital bei seinem Onkel, dem Laryngologen Dr. Lachmann aus Berlin. Bald traf ich auch Franz Goldstein, von seinem ersten Exil Prag noch rechtzeitig nach Jerusalem gelangt, mit seiner großen Bibliothek, und als Musik­ und Filmkritiker bei der Palästine Post tätig.

Mein Asthma nahm aber in wenigen Tagen solche Formen an, daß Max Altmann mich ins Hadassahhospital in die 2. Medizinische Abteilung bei Dr. Rachmilewitz einlieferte, der sich für mich als wunderbarer Arzt erwies. Ich teilte das Krankenzimmer mit einem jungen Kibbutznik. Mit seiner guten Stimme hatte sein Kibbutz ihn zur Ausbildung nach Jerusalem geschickt. Er schien ein einfacher Mensch, aber sehr geweckt, gut gebildet, mit großem Enthusiasmus für die Ideen des Kibbutz und das neue jüdische Palästina. Meine Aussprache der ersten hebräischen Worte fand er zwischen bedauernswert und belustigend. Ich sollte am Wort "bachur" versuchen, mich von meinem hochdeutschen Akzent dabei zu befreien. Es schien hoffnungslos. "Jecke potz" sagte er verzweifelt, ich mußte an Daniec's Ausspruch über meine preußische Akzentfahne denken, anscheinend blieb man Fremder überall. Verstehen lernte ich gut in den wenigen Tagen dort, wie auch in einem bewußt nichtreligiösen Kibbutz jüdische biblische Überlieferung ganz wie gegenwärtig als Folklore, wie Sagenüberlieferung oder Märchen weitergelebt, ja erlebt wird, und es wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Palästina.