Mein Aufenthalt war diesmal recht kurz, ich konnte bald entlassen werden und zog in die Pension Shalwa, von polnischjüdischen Einwanderen aus Sosnowitz geführt. Die Gäste waren mehr im gewohnten Stil, auch deutschjüdische, auch von der Universität. Nun hatte ich einige Wochen vor mir, in denen ich am Leben in Jerusalem teilnehmen konnte. Franz Goldstein war wieder ein interessanter Kontakt (5). Seine Bibliothek war gut installiert, ganz anheimelnd für Besucher, oft kam zum Beispiel Else LaskerSchüler, schon sehr alt, mit viel Zauber und Humor.
Eines Tages wollte sie eine Art Séance vorbereiten, so viele wie möglich sollten zusammensitzen und durch ganz starke Konzentration ein Ereignis herbeiwünschen, das den Fall des Hitlerregimes nach sich zieht. Sie war sicher, durch starke Konzentration könnte man das erreichen. Ihre Idee war, man muß sich ganz auf die Person Hitlers konzentrieren und wünschen, daß er eine ganz große Dummheit begeht, zum Beispiel in einem Argument mit einem seiner Generäle diesen ohrfeigt. Bin ich nicht auch der Ansicht, fragte sie mich, daß Hitler dann gestürzt werden würde? Das habe ich schon bestätigt, aber taktvolle Zweifel angemeldet, daß man so etwas tatsächlich herbeiwünschen kann. Mit einem so wundersamen Menschen wie ihr mußte man ja behutsam umgehen. Das Thema wurde auch allgemein akzeptiert, die Session fand später auch statt, aber ich mußte mich entschuldigen.
Heute weiß ich nicht einmal mehr, nach aller Literatur, die es über die Reaktionen und Nichtreaktionen der Generäle in der Hitlerzeit gibt, ob solch eine Entgleisung Hitlers damals wirklich zu seinem Sturz geführt hätte.
In seinen Anschauungen hatte sich Franz Goldstein, er schrieb immer noch als "Frango", immer besonders mit Max Brod und Arnold Zweig verbunden gefühlt und war in Kontakt mit beiden geblieben. Max Brod blieb eine Säule zionistischer Gesinnung, aber Arnold Zweig war, so erzählte Frango, von viel stärkeren Zweifeln und Entfremdung befallen. Frango war es ähnlich ergangen, seit er von Prag nach Palästina weiterreisen mußte. Er hatte in Jerusalem durchaus Anklang und Anschluß gefunden, materiell aber war es noch problematisch, aber da war er nicht allein.
Außer für die Palästine Post schrieb er dann auch für die Zeitschrift "Orient" (6), die von Arnold Zweig und Wolfgang Yourgrau herausgegeben wurde und sich stark für jüdischarabische Verständigung einsetzte. Darin gehörte sie zu der vom Rektor der Universität Dr. Magnes geführten Bewegung, der auch Martin Buber nahestand. Dessen Rolle im damaligen jüdischen Palästina schien mir bezeichnend für die Schwierigkeiten, einige Züge deutschjüdischer Tradition in den Strom der Entwicklung zionistischen Denkens einzufügen. Das betraf nicht nur solch geistige Prominenz, auch alte oberschlesische Zionistenführer, die ich traf, fühlten sich deutlich ausgelassen, als ob sie nicht Jahrzehnte lang für den Zionismus gearbeitet hätten. Es gab nur wenige, die damals ihren Begabungen und früherem Wirkungskreis entsprechende Stellungen einnahmen, z.B.in der Verwaltung Fritz Naphtali und im Bildungswesen Ernst Simon. Durch Lore Lilien lernte ich im jüdischen Bezalel Museum in Jerusalem Jakob Steinhardt kennen, einen alten Freund des Malers E.M. Lilien, und eine andere interessante Begegnung arrangierte sie für mich mit der Witwe Eliezer ben Jehudas, Pioniers der neuen Hebräischen Sprache, nach dem prominente Straßen in allen Städten benannt waren. Die eindrucksvolle alte Dame kam wie ihr Mann aus Rußland, sprach fließendes Deutsch, verwaltete sehr aktiv die Herausgabe des Hebräischen Lexikons und anderer Werke. In der lebhaften Unterhaltung stellte ich auch Fragen über weitere Entwicklungen, denn ich wußte, daß ein Sohn in Tel Aviv für die Übernahme lateinischer Schrift für das Neue Hebräisch eintrat, ein paralleles Thema war mir ja vom Aufenthalt in der Türkei her geläufig. Es schien mir nicht, daß sich die Frau Elieser ben Jehudas mit den Bestrebungen des Sohnes identifizierte. Sie erwähnte aber ein anderes Thema, Reform der hebräischen Grammatik, das hätte ihrem Mann sehr am Herzen gelegen, aber, sagte sie, wie mir schien etwas kryptisch, jetzt während des Krieges kann dafür ohnehin nichts getan werden. Wieso, fragte ich. Ihr Mann hatte immer gesagt, daran würde er nur mit Hilfe eines bestimmten deutschen Philologen arbeiten können, und den könnte man ja jetzt während des Krieges eben nicht hinzuziehen. Ich war erstaunt, es schlug da ein Cord an, der mir ja von meiner Beschäftigung mit der Literatur deutscher Alttestamentler über israelitische Geschichte und Religion so vertraut war, aus der ich ja eigentlich glaube, mein bestes Verständnis für diese mir so wichtigen Themen gewonnen zu haben. So fühlte ich mich unerwartet recht zu Hause bei dieser Unterhaltung.
Eine, wie mir schien, wichtige Perspektive für Palästina wurde mir nahegebracht, als ich mich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühte. Einer meiner Bekannten aus dem Demokratischen Studentenbund Berlin war in Jerusalem erfolgreich geworden in einer der deutschjüdischen Privatbanken. Deren Anwalt arrangierte für mich einen Besuch im Immigrationsdepartment der Britischen Mandatsverwaltung, wo ich von einem Mitglied der arabischen Familie Nashashibi empfangen wurde. Im Gegensatz zu dem Großmufti aus der Familie Husseini, der scharf gegen England Stellung nahm, waren Mitglieder der arabischen Familie Nashashibi auf Seite der Alliierten und, so meinte man, vielleicht eher zu einem Zusammenleben mit den Juden in Palästina bereit. Die Unterhaltung spielte sich in vollendeter Höflichkeit ab, und ich habe mich oft an die Haltung dieses damals noch jüngeren Mannes erinnert. Sie vermittelte mir den Eindruck der starken, alteingesessenen Stellung der arabischen Palästinenser, aber, so dachte ich, auch eine mögliche Hoffnung, daß bei gegenseitigem Respekt es eine Möglichkeit für ein Zusammenleben geben könnte. Ich erhielt eine mehrmonatige Aufenthaltsverlängerung für mein Transitvisum.
In diesen Wochen konnte ich auch die Altstadt, Klagemauer und andere berühmte Stätten in Jerusalem besuchen, die Hebräische Universität und die Bibliothek. Aber meine Zeit dafür lief bald ab. Von der Pension Shalwa war ich grade in eine Wohnung im gleichen Haus umquartiert worden, und die Frau Justizrat aus Köln war, wie sich herausstellte, die Schwester des Dirigenten Otto Klemperers, es waren all die alten Möbel da. Mein Asthma nahm wieder bedrohliche Formen an, Max Altmann nahm mich wieder in die Hadassah, diesmal in die 1. Medizinische Klinik, wo mich ein deutscher Professor behandelte. Ich wurde dort vier Wochen gehalten, quälend und mit nachhaltigem Schaden, trotz des Vorgangs der früheren erfolgreichen Behandlung. Zum Schluß entschied der Professor, man müßte einfach einen Tag wählen, wo es mir einigermaßen ging, und dann sollte ich schnell packen und nach Tel Aviv übersiedeln in der Hoffnung, daß es mir dort besser gehen wird. Ich hatte durch Beobachtungen festgestellt, daß ich, wenn dem in Jerusalem besonders heftigen Chamsinwind zugekehrt, mehr litt als abgekehrt vom Wind. Es bestätigte sich auch, daß es mir dann in Tel Aviv weit besser, wenn auch nie wirklich gut ging.
Im Hotel Hayarkon an der BenYehudaStraße in Tel Aviv war erster neuer Eindruck die vielen Leute von der jüdischen "Bürgerwehr"Truppe der Haganah, die dort ein und ausgingen. Diese jüdische Selbstverteidigungsbewegung war gegenüber den schon so lange anhaltenden Angriffen arabischer bewaffneter Gegner des Zionismus entstanden. Die jüdische Arbeiterbewegung schien ihre Hauptstütze zu sein. Meine Erinnerung aus diesen Tagen in Tel Aviv bleibt an vernünftige und entschlossene Leute, oft schon gesetzteren Alters, man fühlte die große Zuverlässigkeit ihres Einsatzes. Unterdeß war der Krieg dem östlichen Mittelmeer immer näher gerückt. Die Deutschen waren nach einem ProachseStaatsstreich in Jugoslawien eingefallen, machten die anfänglichen Rückschläge der Italiener in Griechenland und Nordafrika wieder gut. Tel Aviv war schon von deutschen Luftangriffen bedroht, und Anfang Mai gab es in Irak einen pro Hitler Putsch gegen die Engländer durch Raschid Ali, vom Jerusalemer Mufti Husseini unterstützt, man war wieder im Feld äußerster Spannungen. Der Putsch im Irak wurde von den Engländern bald unterdrückt, aber im Mittelmeer spitzte die deutsche Invasion Kretas die Lage weiter zu.
In Tel Aviv hatte ich Verwandte wiedergefunden. Meine Tante Edith Samuelssohn aus Königsberg, Arztwitwe, selber einst schriftstellernd und Mitglied des Deutschen Penclubs dort gewesen, war eine Lieblingskousine meiner Mutter. Ihre Tochter Eva war diejenige, die sich für den Zionismus begeistert und bei Paltreu, der in Deutschland entstandenen Treuhandgesellschaft für Auswanderer nach Palästina, gearbeitet hatte. So kam dann auch ihre Mutter, recht unwahrscheinliche Kandidatin dafür von ihrem bisherigen Leben her, nach Palästina, und auch Schwester Lilly, Goldschmiedin, mit zweitem Vornamen Margarethe, die mit einem Arzt verheiratet war. Ich lernte in ihrem Haus viele ihrer meist Königsberger Freunde kennen und hatte oft guten Rat und Zuspruch. Tante Ediths Bruder war Paul Riesenfeld aus Breslau, ein Musikkritiker und lehrer, etwas exzentrisch, der nun für eine in deutscher Sprache erscheinende kleine Emigrantenzeitung in Tel Aviv schrieb.
Zu meinen bereicherndsten neuen Bekanntschaften in Tel Aviv gehörte Conrad Kaiser, der entfernt verwandt war. Als Lotte später auch nach Tel Aviv kam, wohnte sie mit Nina bei Kaisers, und ich nahm am Mittagstisch teil. Er war ein alter Zionist, KIVer, aber auch mit erfolgreicher Karriere im preußischen Staatsdienst, zuletzt Regierungsdirektor im Berliner Polizeipräsidium, mit weitem Horizont und Interessen, besonders Geschichte, hatte eine ausgewählte, große Bibliothek. In seinen Ansichten war er ein Beispiel konsequenter zionistischer Einstellung und Reaktionen auf alles was vorkam, und er versuchte mir, das jeweils ganz klar zu machen. Ich glaube, es war ein Raubmord in Tel Aviv über den die Zeitungen berichteten. Er brach in Jubel aus, das war es, nun gab es auch jüdische Verbrecher, die Juden waren auf dem Weg, ein normales Volk zu werden (7), das war die Essenz des Zionismus. Er konnte sehen, wie diese Interpretation mich überraschte und mir gegen den Strich ging, aber er ließ nicht locker. Eine starke Bewunderung, die ich teilte, verband ihn mit dem Werk Jakob Burkhardts, aber was für ein schrecklicher Antisemit er gewesen sei. Da war alle Literatur in seiner Bibliothek, auch Burkhardts Briefwechsel mit seinem Freund Prehn, es war wirklich so. Ein gemeinsames Interesse mit Conrad Kaiser war die Betrachtung jüdischer Ursprünge und Geschichte im Lichte der Erkenntnisse der alttestamentlichen Bibelkritik, auch hier war seine Bibliothek reich versehen.