Einige der alten Freunde Conrad Kaisers lernte ich auch kennen und besuchte auch Dr. Badt, den früheren Ministerialdirektor beim preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Er war selbst Sozialdemokrat aber auch immer alter Zionist gewesen stark angegriffen von der Rechten. Seine Schwester Bertha BadtStrauss, Schriftstellerin, hatte ich oft in Dahlem gesehen, eine Schulfreundin meiner Tante Grete, so auch eine Jugendbekanntschaft des Dr. Badt, und er sprach von ihr. Ich hatte wieder denselben Eindruck; Badt, trotz großer Erfahrung in Politik und Verwaltung und alter Zionist, wurde wie mancher andere deutschjüdische Einwanderer damals außerhalb des zionistischen Establishment gehalten.
Als wie eine persönliche Ermahnung blieb am stärksten in Erinnerung von allen deutschjüdischen Begegnungen mein FWV Bundesbruder Max Pinn. Er hatte sich in Berlin dem Kreis um Robert Weltsch angeschlossen, war überzeugter Zionist geworden, arbeitete bei Paltreu und war erst im letzten Moment nach Palästina gekommen, studierte nun nochmals für sein juristisches Examen dort. Wir hatten einige lange abendliche Spaziergänge in lebhafter Meinungsverschiedenheit. Ich mußte mich an meine Spaziergänge in München mit Walther Seuffert erinnern, aber diesmal ging es um ein anderes Thema. Ich hatte große Schwierigkeiten nicht nur für mich selbst, sondern auch vom Standpunkt des deutschjüdischen Assimilanten, und das waren wir ja beide gewesen, eine positive Bilanz über das, was ich dort sah, zu ziehen. Zuviel schien mir verloren zu gehen, nicht bei der zionistischen Zielsetzung an sich, sondern wie ich es empfand, daß sich die Dinge im Lande tatsächlich entwickelten. Sein Enthusiasmus war so groß, daß er all das bei Seite schob. Das ist die geschichtliche Entwicklung, sagte er, was Du dabei empfindest, ist ohne Belang, wenn die Zeit über in der Diaspora entwickeltes Gedankengut hinweggeht, dann muß es halt sein, das wichtige ist, daß es ein jüdisches Palästina geben wird. Strenge Ermahnungen, er war ein Mensch geneigt zu einer Art eiserner Disziplin, eigentlich sehr preußisch in seinem Charakter (8). Wir haben uns nicht geeinigt, ich fand, entscheidend muß sein, wie so ein neues Judentum aussehen, sich gestalten kann. Vor dieser großen Frage war ich so skeptisch, ja vielleicht kann man sagen, entfremdet geworden. Das war noch ganz unabhängig von dem großen Problem des Verhältnisses zionistischer territorialer Ziele zu der arabischen Umwelt.
Ich hatte natürlich auch lebhafte Kontakte mit polnischjüdischen Kreisen. Abgesehen von vielen Kattowitzer Bekannten, zum Teil schon in kurzer Zeit als Neuankömmlinge erfolgreich, so in der jungen Diamantenindustrie, aber auch viele, die sich sehr quälten, sah ich beinahe täglich einen Kreis, zu dem der mir von vielen Vorkriegsartikeln bekannte Krakauer Nationalökonom Dr. Ludwik Berger gehörte. Ich hatte da schon einige gemeinsame Anschauungen über polnische wirtschaftliche Probleme gefunden, und auch jetzt verstanden wir uns gut über nun aktuelle Fragen. Zu dem Kreis, den ich fast täglich in einem Caffee am Dyzengoff Platz traf, ich war unterdeß aus dem Hotel in ein möbliertes Zimmer in dieser Gegend gezogen, gehörte auch Zygmunt Hochwald, Herausgeber der Krakauer jüdischen Tageszeitung "Nowy Dziennik", eine der repäsentativsten der großen jüdischen Minderheit in Polen. Sie war prozionistisch, säkular, für bürgerliche, assimilierte polnische Juden mit jüdischem politischen Bewußtsein. Es waren mehrere Journalisten da, und das heißt ja oft, daß die Stimmung aufsässig ist, so gab es auch manche Kritik an jüdischer Entwicklung und Politik in Palästina. Die offizielle Spitze der jüdischen Präsenz in Palästina war die Jewish Agency, Sochnuth im jüdischen Sprachgebrauch dort. Weitzmann war ja im Ausland, der Statthalter war Ben Gurion. Einige prominente Vertreter der polnischen Juden gehörten zur Spitze. Meine Stammtischfreunde am Dyzengoff Platz schienen einen ganz guten "Draht" dorthin zu haben. Eines Tages kam jemand zurück aus Jerusalem und sagte, wenn man da in die Sochnuth kommt, die sprechen schon so, als ob sie morgen die Regierung des Landes sein werden. Ich war bestürzt. Das hatte nie zu meinem Blickfeld gehört.
Die Balfour Deklaration hatte eine "Heimstätte" für das jüdische Volk in Palästina proklamiert, es war daraus schon eine starke jüdische Siedlung entstanden, der Jischuw genannt. Juden konnten auf vieles dabei stolz sein und weitere gute Hoffnung haben, aber die Idee eines jüdischen Staates anstelle eines Schutzes wie des von England ausgeübten Mandates, das schien mir ein verwegener Gedanke mit all den alteingesessenen Arabern herum. Man war im ganz arabischen Jaffa gewesen, im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv durch ganz arabische Gegenden gefahren, sollte, ja konnte es da einen jüdischen Staat geben, war das sinngemäß, im wirklichen Interesse der Zukunft des Jischuws? Man schien auch etwas skeptisch an dem Caffeehaustisch, ob solche Stimmung in der Sochnuth zeitgemäß oder wirklichkeitsfremd ist, aber meine Reaktion war viel stärker, für mich ging schon die Konzeption eines jüdischen Staats als Staat in Palästina zu weit. Ereignisse seitdem haben meine damalige Reaktion ja weitgehend überholt. Ich frage mich heute, war das mein Wirklichkeitsempfinden nach mehrmonatigem Aufenthalt in Palästina, oder ist da ein Ideologieverdacht: die Idee einer Zionistischen Heimstätte schon, aber die eines jüdischen Staates konnte meine assimilierte Grundhaltung schwer vertragen. Von dem eigentlichen Holocaust mit Millionen jüdischen Lebens vernichtet, wußte man damals im frühen Sommer 1941 noch nicht. Es ging alles darum, daß Hitler besiegt wird und das Hitlerregime von der politischen Szene Europas verschwindet.
Die Frage der Gestaltung der Nachkriegswelt in Europa beschäftigte mich immer mehr. Die Unterhaltung mit Winiewicz war da ein Stachel. Mit solchen polnischen Zielsetzungen schien es mir schwer, sich ein friedliches neues Europa vorzustellen. Ich versuchte für solch ein Europa eine Konzeption zu entwerfen und das sozusagen als ausführliche Antwort in die Form eines Memorandums an die polnische Exilsregierung in London zu bringen. Ein wesentlicher Gedanke war, die Formulierung von Kriegszielen der Alliierten dürfe sich nicht im luftleeren Raum bewegen, eine Schlüsselfrage mußte sein, wie man sich die Entwicklung in einem besiegten und von den Nazis befreiten Deutschland vorstellen kann. Das Postulat einer zunächst vollständigen Entwaffnung Deutschlands nach diesem 2.Weltkrieg schien unabweisbar, politisch sah ich die Antwort damals im Sommer 1941 in der sofortigen Gründung einer Europäischen Union mit Einschluß Englands. Nach Wiederherstellung Frankreichs müßten auch die mittel und osteuropäischen Nachbarn Deutschlands so gestärkt werden, daß sie eine wichtige Stütze für eine Europäische Union wären. Deutschland, zunächst unvermeidlich ganz entmachtet, könnte dann in eine solche Union hineinwachsen. Für WiederIdentifikation und gute Nachbarschaft wäre das der hoffnungsvollste Weg. Darauf, daß dies dann auch gelingt, muß man aber bedacht sein, daß drastische Grenzrevisionen auf Kosten Deutschlands da nichts Gutes für die Zukunft bringen würden.
Meine Hoffnung war, daß entgegen den Ansichten von Jozef Winiewicz, auf polnischer Seite die Konzeption eines starken Polens in einer Europäischen Union, aber letzten Endes eben unausweichlich als guter Nachbar eines reformierten, demokratischen Deutschlands Anklang finden könnte. Ich sprach häufig mit Ludwik Berger über mein Thema, er verstand das gut. Außerhalb des Zirkels, in dem wir uns trafen, hatte er auch Verbindungen zu Kreisen der Londoner Exilsregierung. Mein Entwurf für ein Memorandum wurde ganz umfangreich, ich gab es ihm zu lesen, aber er kam zurück und fand, es sei für die damalige Lage viel "zu liberal" und würde seine Wirkung verfehlen. Ich hatte es auf deutsch geschrieben, weder mein Polnisch noch damals mein Englisch waren gut genug, ohne diesen Umweg auszukommen, ich hätte es noch übersetzen lassen müssen.
Die "damalige Lage" hatte sich in diesen Wochen ganz entscheidend geändert, schwerwiegendst durch den Einfall Hitlers in die Sowietunion am 22.Juni 1941. Es war eine Überraschung, eine, meiner Ansicht nach, nicht rational erklärliche Entscheidung Hitlers. Auch dabei machten also seine Generäle mit. Da hatten Hitlers Gegener gewartet, daß Rußland und die Alliierten sich doch noch zusammenfinden, jetzt sorgte Hitler selbst dafür. Die Chancen, daß der Krieg gegen Hitler nicht nur in ein stalemate verwandelt, daß er auch gewonnen werden könnte, schienen nun weit besser. Die ersten Nachrichten von der russischen Front waren allerdings beängstigend, es war furchtbar von dem neuen riesigen Blutvergießen zu hören, das Hitler da angefangen hatte. Näher, im Mittelmeerraum, hatten die Deutschen aber vorher nicht nur Kreta erobert, auch in Nordafrika waren sie unter Rommel bis an die ägyptische Grenze vorgestoßen und stellten eine akute Bedrohung dar. Auf Cypern fühlten sich nach dem Fall Kretas alle bedroht, die Grund hatten, vor Hitler zu fliehen, und die britische Regierung veranlaßte ihre Evakuation, mit ihnen auch die Familie Weingrün. Es handelte sich aber um eine sehr viel umfangreichere Aktion für polnische Flüchtlinge, denn die britische Regierung hatte früher 500 polnische Flüchtlinge aus Rumänien nach Cypern evakuiert, wobei es sich um die im Falle einer deutschen Besetzung Rumäniens politisch am meisten bedrohten Personen handeln sollte. Die polnische Exilregierung in London war unter General Sikorski als breite Koalition aller der Parteien von den Nationaldemokraten bis zu den Sozialisten entstanden, die sich in Opposition gegen die Sanacjagruppierung um Pilsudski gehalten hatten. Deren Anhänger wurden von der Exilregierung so gut wie ausgeschlossen. Dafür wurden sie vornehmlich berücksichtigt, als die Liste für die Evakuation von 500 Flüchtlingen nach Cypern aufgestellt wurde. Die eigenen Anhänger wollten die Parteien der Exilsregierung lieber in wichtigere Zentren bringen. Lotte und ihre Familie wurden nun bei ihrer Evakuation von Cypern dieser polnischen Cyperngruppe angeschlossen. Für mich wurde es eine sehr bewegende Veränderung, daß ich jetzt Lotte und ihre Familie wiedersehen sollte. Die erste Station der Evakuierung sollte Palästina sein. Zygmunt Weingrün wurde bei Landung gleich zur polnischen Armee eingezogen, er hatte einst seinen Armeedienst gemacht. Er war nicht der einzige, die Gruppe war also kleiner geworden, es hieß bald, die Engländer würden sie nach Nordrhodesien weiterevakuieren, um die Zahl der polnischen Flüchtlinge in Palästina nicht weiter anschwellen zu lassen.
Unerwartet stellte sich für mich nun dieselbe Frage. Ich hatte beantragt, auf die Liste der polnischen Kriegsflüchtlinge gesetzt zu werden, die vorläufig in Palästina bleiben konnten und als Flüchtlinge betreut wurden. In Istanbul hatte ich nur im polnischen Konsulat einen neuen Paß bekommen und mich dabei auch zum Militär nochmals stellen müssen, wurde aber nicht genommen; es war nun wieder so. Dann kam Bescheid, für Kriegsflüchtlingsstatus könnten sie mich in Palästina nicht annehmen, aber mich als "War Evacuee" auf die Listen für den Transport der Britischen Regierung nach Nordrhodesien setzen. Das war eine frappierende Entwicklung, da Lotte und ihre Tochter auch dorthin gehen sollten. Ich entschloß mich dazu. Die Weiterreise nach Nordrhodesien schien gar nicht so populär bei manchen Mitgliedern der Cyperngruppe zu sein. Einige der zum Militär eingezogenen Männer hofften, ihre Familien könnten ihnen näher in Palästina bleiben, auch andere zogen das vor, es wurde nur in Ausnahmefällen erlaubt.
Immerhin ergaben sich verschiedene freie Plätze in der Gruppe, unter den neu in Palästina hinzukommenden waren auch einige andere jüdische Flüchtlinge aus Polen. Alter und sehr gern wiedergesehener Bekannter aus Kattowitz war der Tierarzt Dr. Ignacy Mann, er hatte unterdeß eine rumänische Architektin geheiratet, und dann war dort das mir aus Kattowitz bekannte polnischjüdische Arztehepaar Berman. Lotte, die von Cypern her schon viele Bekannte in der Gruppe hatte, versäumte aber die Abreise der ersten Teilgruppe, Zyga wollte sehr, daß sie in Palästina bleibt. Vor der Abreise der weiteren Gruppe wurde sie krank, ich stieg allein in den Zug, ohne sie. Es war ein schmerzlicher Abschied gewesen.
Der Transportleiter war Ing. K., Bekannter von Mersin und der Bridgepartie auf der Schiffsreise, und es war gut, daß Dr. Manns da waren. Einige Tage vorher war ich noch nach Jerusalem gefahren, um von Freunden Abschied zu nehmen. Franz Goldstein benutzte immer noch die Schreibmaschine, die ich ihm 1937 bei seinem Weggang von Kattowitz gegeben hatte. Nun borgte ich sie, um mir einige meiner Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz abzuschreiben. Ich dachte, da ich jetzt auch ein Flüchtling war und weit weg ging, könnte ich nicht jetzt die Maschine wiederhaben. Er hatte eine Redaktion in Jerusalem, ich dachte an mein Manuskript, an dem ich weiter arbeiten wollte. Er war sehr bestürzt, es ist doch sein Brot, sagte er, ohne diese Maschine wäre er vollkommen gelähmt. Ich habe sie dort gelassen.