Eine Bekannte in einer Pension etwas außerhalb Jerusalems sagte mir, es wäre ein Verwandter von mir da, Dr. Erich Sachs, von der Berliner Konzertdirektion Wolf & Sachs, wir hatten uns nie kennengelernt. Der Weg zur Pension führte durch das Quartier Mea Shearim der Ultraorthodoxen Juden, noch heute oft erwähnt und umstritten, und so lernte ich noch einen weiteren Aspekt des jüdischen Palästinas kennen. Besucht hatte ich auch von Tel Aviv aus verschiedene genossenschaftliche Siedlungen, Moshaws, deutschjüdische Hühnerfarmen, aber zu einem Kibbutz brachte ich es damals nicht. Vor der Abreise hatte man natürlich versucht, etwas über Nordrhodesien zu erfahren. Geographische Nachschlagewerke mußten her, etwas Geschichte, aber Augenzeugen fanden wir nicht, es wurde doch weitgehend eine Reise ins Unbekannte.
Reise nach Nordrhodesien
Die Eisenbahnfahrt in Palästina ging vorüber an einigen Siedlungen, noch mit viel Grün, dann Wüste, bei El Kantara kamen wir an den Suezkanal und Grenzkontrolle nach Ägypten, britische Militärverwaltung. Meine Korrespondenz und andere Papiere wurden wieder eingehend geprüft, man nahm einige meiner Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz für Polen und den Entwurf für das Memorandum an die polnische Exilregierung weg, versprach, ich würde es später wiederbekommen. Ich war perplex, wie hatte man ausgesucht, welche meiner Artikel zu weiterer Prüfung mitzunehmen und welche mir zu belassen? Aber es gab genug, was einen zunächst jetzt beschäftigte. Der neue Zug, der uns nach Cairo bringen sollte, hielt auf einem Bahnhof, als Alarm wegen eines deutschen Luftangriffs ertönte. Schneller konnte es einem nicht klargemacht werden, daß man in Kriegsgebiet war. Es wurden ängstliche Minuten, umso mehr, als das Gerücht aufkam, der Zug, der neben unserem stand, sei ein Munitionszug.
In Kairo kamen wir zunächst in ein Lager, ein Teil des Transports reiste weiter, aber das nächste Schiff mit Platz für unsere Restgruppe ging erst in einigen Wochen. Wir wurden ins Hotel Lunapark, gut gelegen in der Stadt, einquartiert. Natürlich bekam ich kein Einzelzimmer, ich mußte es teilen, mein Zimmergenosse war der Senator Rudolf Kornke, prominent in Oberschlesien als Vorsitzender des Verbands der polnischen Aufständischen. Als wenn sich das jemand ausgedacht hätte. Um mich klar zu identifizieren, habe ich gleich gesagt, wer ich bin, nämlich der Sohn meines Vaters, dessen Namen er ja gut kannte. Er war ein sehr ruhiger Mann nicht vieler Worte, aber mit sehr bestimmten Ansichten. Bei einer Unterhaltung über die Kriegslage, die Nachrichten von der russischen Front waren weiter schlecht, fragte ich, hätte der Eintritt Rußlands in den Krieg auf Seiten der Alliierten nicht die Aussichten auf eine Niederlage Hitlers entscheidend verbessert? Es entsprach der allgemeinen Stimmung. Nein, sagte Kornke, ohne den Eintritt der USA in den Krieg kann Hitler nie besiegt werden. Aber, meinte ich, Roosevelt hat ja schon die vollste industrielle Unterstützung für die gegen Hitler vereinigten Kriegspartner organisiert. Nein, sagte Kornke, das genügt nicht, nur Einsatz amerikanischer Truppen in Europa kann die Situation wenden. Es schien die nüchternste Analyse, die ich bis dahin gehört hatte. Die Japaner haben ja dann dafür gesorgt, daß es dazu kam. Als sie in Pearl Harbour angriffen, mußte ich an den Senator Kornke denken.
Unseres war ein Turmzimmer, direkt unter dem Dach. Es gab damals auch in Kairo deutsche Luftangriffe. Bei einem Alarm, und es wurde ziemlich heiß, wollte ich ins Vestibül des Hotels gehen, wo in Mangel eines Luftschutzkellers sich die Bewohner versammeln sollten. Kornke bestand darauf, oben zu bleiben. Sind Sie wahnsinnig, sagte er, dort unten fällt das ganze Haus auf Sie, wenn wir getroffen werden, hier oben ist es vielleicht halb so schlimm. Er klang sehr überzeugend, ich blieb mit ihm oben, ungemütlich wie es wurde.
Tagsüber sahen wir uns kaum, er hatte seine Kreise und Freunde, und ich hatte meine gefunden. Mit den Manns und anderen meistens jüdischen Evacuees machte ich Ausflüge zu den Pyramiden, auch den Ausgrabungen in Sakara, die Museen waren leider wegen des Krieges geschlossen oder sogar evakuiert. Man besuchte Moscheen in der Stadt, aber ich hatte auch noch meine eigenen, deutschjüdischen Kontakte. Otto Lilien war im Stab der Royal Air Force als Experte für Aerial Photography. Er nahm mich in den jüdischen Servicemen Club mit, ins Haus des FWV Bundesbruder Dr. Hermann Engel, als bekannter Orthopädischer Chirurg aus Berlin nach Kairo emigriert und dort sehr anerkannt, so war der Internist Dr. Rosenberg, den ich durch meinen Onkel Walter Oettinger in Berlin kannte. Ich ging in Synagogen, wie ich es auch in Istanbul und Palästina getan hatte, der sephardische Gottesdienst war schon vertraut geworden. Assimilation gab es, viele gute Bürger kamen mit Fez als Kopfbedeckung in die Synagoge. Man merkte sie aber auch sonst, es gab da reiche und vornehme Kaufmannsfamilien, deren Häupter den Paschatitel trugen und gute Beziehungen zum Königshof hatten.
Dann sah ich Dr. Hans Nissel, verwandt mit Familie Landshut in Jerusalem, Verwandschaft unserer Sachs Familie. Er war deutschjüdischer Emigrant, Elektroingenieur, arbeitete in einer dieser jüdischen Firmen und wohnte mit seiner Familie im schönen Gartenvorort Madi. Es waren viele Engländer da, zum ersten Mal kam ich mit ihm auf einen Bowlinggreen. Er war auch ein passionierter Cellospieler, ich sah so auch Leben in Kairo von angenehmster Seite. Aber der Krieg war furchtbar nahe, die Nazis machten nicht nur Luftangriffe, sie waren vor der Tür, und der König, der es mit den Engländern hielt, im Lande stark umstritten.
Die Britische Armee und ihre Verwaltung war überall sichtbar. Es war ein eindrucksvoller Apparat, der da zur Verteidigung Ägyptens und des Mittleren Ostens aufgebaut wurde. Die polnische Armee, die im mittleren Osten gebildet wurde, war auch dabei, mein Schwager Weingrün war damals bei Tobruk stationiert, ich habe ihn während unseres Aufenthalts in Kairo nicht sehen können. Es kamen dann die Tage, wo wir stündlich auf den Befehl zur Weiterreise warteten. Es sollte ein nächtlicher Konvoy zur Hafenstadt Suez sein, sobald ein Schiff zur Abfahrt bereit ist, und es durfte dann niemandem gesagt werden, wann wir abfahren. Es konnte also gar keine Abschiede geben. Indem man selbst Abschied von Kairo nahm, wurde man nachdenklich. Jetzt hatte ich seit Kriegsbeginn vom altbekannten mitteleuropäischen Gebiet weg soviele alte Kulturstätten, Rom, Istanbul, Jerusalem und Kairo gesehen, und nun ging es wirklich weit weg, ins Innere Afrikas, wie mir schien. Aber auch der Besuch in Kairo war ganz unter dem Zeichen des Krieges, die Sorge, wie er weiter geht, und um all die Lieben, die weiter in großer Not oder Bedrohung waren, die Mutter in Rußland. Von Marianne hatte man nur Rotkreuznachricht, sie war unter Naziokkupation in Guernsey gekommen, und soviel Familie doch noch in Deutschland, Beuthen, Breslau und Berlin zurückgeblieben. Man fuhr schweren Herzens in die unbekannte neue Welt.
Der Konvoy fuhr mit viel Vorsicht durch die Wüstennacht, in Suez erwartete uns die "New Amsterdam", größtes, neugebautes holländisches Passagierschiff gewesen, jetzt von den Alliierten als wichtiges Truppentransportschiff benutzt. Unsere polnische Evacuee Gruppe war zusammen untergebracht, aber in den allgemeinen Räumen traf man sich mit vielen Soldaten, die das Gros der Passagiere waren. Die meisten waren Urlauber, viele auch aus Südafrika. Das wurde also gleich ein Hauch der neuen Welt, in die wir reisten. Gleich auf den Anfang der Reise fiel das jüdische Neujahrsfest. Einige in unserer Gruppe legten Wert darauf, ich tat es auch, und so war es auch bei einigen der Soldaten und Offiziere aus England und Südafrika, es gab einen gut besuchten Gottesdienst. Natürlich gab es dann auch viele Unterhaltungen über Leben in Südafrika, wie war es im Vergleich dazu in Nordrhodesien, wollten wir wissen. Es war aber niemand da, der wirklich dort gewesen war.
Auch die Schiffsreise stand ganz unter Vorsicht vor dem Feind, nicht nur das Rote Meer, auch der Ozean bis nach Süden hinunter galt als bedrohtes Gewässer. Wir erfuhren, daß das Schiff uns nach Durban bringen und wir von dort ohne Aufenthalt mit dem Zug nach Nordrhodesien fahren würden. Die Reise nach Durban dauerte wohl etwas über zehn Tage, das kann ich noch gut schätzen, denn der letzte Tag der Reise war der Versöhnungstag, es gab wieder Gottesdienst und ich fastete, aber aß noch das letzte frühe Abendbrot, bevor wir in Durban landeten.