In Afrika gelandet
Eine nächtliche Zugfahrt sollte unsere Gruppe zunächst von Durban nach Johannesburg führen. Dort hatten wir einige Stunden Aufenthalt. Ich wußte, dorthin waren die Verwandten Mia Weissenberg und Kurt Koenigsfeld emigriert und die Freunde Hans Kunz mit Frau Margot, deren Eltern und ihr Bruder Ernst Koenigsfeld (EK). Ich hatte die Adresse von Kunz, alle kamen schnell auf den Bahnhof, mich zu sehen, ich war ja von soviel näher ihrer Heimat frisch angekommen. Sie wollten viel von mir hören, aber es war auch schon Monate her, daß ich von Kurts Schwester Erika Schlesinger aus Beuthen vor meiner Abreise aus der Türkei noch gehört und Kurt nach Pretoria darüber geschrieben hatte. Es wurde ein sehr bewegtes Wiedersehen, dann ging der Zug mit unserer polnischen Evacuee Gruppe weiter nach Bulawayo im damaligen Südrhodesien. Ich bekam noch die Adresse von Franz Schalscha, ursprünglich aus Kattowitz, der zu den dort eingewanderten deutschen Emigranten gehörte. Wir mußten dort den Zug wechseln, mit mehreren Stunden Aufenthalt konnte ich mich bei den Schalschas melden, wurde sehr herzlich begrüßt und hatte nun einen freundschaftlichen Kontakt in Bulawayo, der Stadt, die für das ganze damalige Nordrhodesien die nächste "Metropole" war, zu der Eisenbahnverbindung bestand. Die ging über die Viktoria Falls, erste vorüberfahrende Begegnung mit diesem großen Naturschauspiel, und dann Livingstone, unser erster Halt in Nordrhodesien. Auf dem Bahnhof erste Neugier, man trifft einen Transportunternehmer, der Taxis hat, Furmanovsky, Jude, das gibt es also auch.
Einige von unserem Transport waren dort platziert worden und stiegen aus. Ein Teil unserer "Cypern Gruppe" war ja schon vorher angekommen, auf verschiedene Orte in Nordrhodesien verteilt worden, meist nicht in Lagern, sondern in Hotels, und unsere Gruppe wurde auf diese Orte nun auch verteilt. Ich aber kam zu einer kleinen Gruppe, etwa zwölf, die auf einer Farm 15 Meilen von dem Ort Monze wohnen sollten. Auf der Reise hatte uns von der nordrhodesischen Regierung aus Major McKee, ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt Lusaka begleitet, der dem Parlament (Legislative Council) angehörte und uns nicht nur empfangen, sondern auch beraten wollte. Es hieß, natürlich wird arbeiten können, wer eine Stellung finden kann. Ich verwies weniger auf meinen nationalökonomischen Doktor, als mein Diplom Kaufmanns Grad, mit Betonung auf Buchhaltungskenntnisse; er meinte, wenn das so etwas wie ein Chartered Accountant wäre, dann würde ich bestimmt gleich eine Stellung finden. Nordrhodesien war eine britische Kronkolonie, deren Verwaltung und Beamte dem Colonial Office in London unterstanden. Im Norden hatte sich bedeutender Kupferbergbau entwickelt, der die Kolonie kriegswichtig machte. Neben Kupfer, Zink und Blei fielen auch Kobalt und Vanadium an.
Der Farmer H.L. Savory erwartete uns an der Station Monze, wo auch eine größere Gruppe ausstieg, die dort im Hotel untergebracht wurde. Die Farm der Familie Savory war schon alt und für nordrhodesische Begriffe ehrwürdig, ursprünglich vom Vater Savory angelegt, einstigem Landvermesser der ersten englischen Kolonialregierung Nordrhodesiens. Man hatte für uns sogenannte Rondavels (9) errichtet, ich bewohnte eins allein. Im alten Farmhaus hatte unsere Gruppe ihr Eßzimmer und Aufenthaltsräume mit sehr schönem Garten, eine lange Allee mit riesengroßen alten Bäumen führte vom Farmhaus des jetzigen Farmerehepaars Savory zu unserem kleinen Evacuee Compound. Von meinen Freunden und Bekannten in unserer Reisegesellschaft hatte ich mich in Monze verabschieden müssen, von der kleinen Gruppe auf der Farm Savory kannte ich niemanden, es waren zum Teil etwas schwierige Leute, aber ich kam gut aus. Die Farm war für unsere Begriffe riesengroß, hatte einen Viehbestand von etwa 2000 und großen Maisanbau. Die Schwarzen wohnten mit ihren Familien in Dörfern um die Farm, zu der sie zur Arbeit kamen.
Natürlich war bei der Ankunft in Afrika diese Frage, wie es mit den Schwarzen stand, ein Hauptgegenstand meines Interesses. Ich erinnerte mich an ein Buch, wohl etwa 1931 verfaßt, des damals sozialdemokratischen Geographen Walter Pahl, der die Frage der Schwarzen in Afrika als ein kritisches Problem der nahen Zukunft beschrieben hatte. Ich selbst hatte ja einmal diesen Seminarvortrag über die Zukunft des Britischen Empires halten müssen, aber da schienen etwaige Probleme auf den zentrifugalen Tendenzen in einigen weißen Dominien und Indien, und nicht so stark auf der Frage der Schwarzen in afrikanischen Kolonien zu liegen. Pahl hat das wenig später mit Blick auf Südafrika anders dargestellt. Es war eine ganz neue Begegnung für mich, nun inmitten dieser Fragestellung zu leben, und da waren rein menschlich nun auch die ersten Kontakte mit Schwarzen, zunächst einfach zu den Bediensteten, die für unsere Gruppe in dem kleinen Evacuee Compound beschäftigt wurden, oder dann auch die Hausangestellten des Ehepaars Savory oder Arbeiter auf der Farm.
Die sechs Monate dort waren eine gute Einführung ins Leben in Afrika (10), seine Reize als Gegensatz zum Leben in Europa, viele seiner Probleme, Leben mit englischen Menschen in den Kolonien. Mein Englisch verbesserte sich entscheidend, ich hatte soviel Zeit dafür und viel Verständnis und Hilfe von den Savorys. Mit einigen aus unserer Gruppe, die auch etwas Englisch konnten, hielten wir engen Kontakt mit der Farmer Familie, spielten auch Bridge dort oder sollten sie zum "Sundowner" besuchen. Das waren die abendlichen "Drinks" bei Sonnenuntergang, eine typisch koloniale Sitte, wurde mir gesagt, man mußte um die Zeit seine Chininpillen nehmen, und dazu mußte man natürlich etwas trinken. Die Pillen mußte ich auch nehmen, aber bekam trotzdem bald meine erste Malaria.
Als Tageszeitung brachte die Post das "Bulawayo Chronicle" mit kurzer Verspätung, auch gab es die "Sunday Times" aus Johannesburg, aber für wirkliche tägliche Nachrichten versorgte uns die BBC. Man konnte sich, wie es die Savorys taten, Bücher aus den guten Beständen der öffentlichen Bibliothek in Bulawayo kommen lassen. In diesen sechs Monaten wurde ich in meinem Rondavel, es hatte eine typische hohe Decke, die auch das Dach war, aus Gras, ein unermüdlicher Leser, natürlich nur englischer Bücher, viel Anthropologie, das war ja ein sehr aktuelles Interesse in der neuen Umgebung, aber auch alle politischen Fragen, die mit Afrika oder dem Kriegsgeschehen und seiner Vorgeschichte zu tun hatten.
Es war ein großes Programm, aber bald nahm ich auch wieder mein Memorandum über das erhoffte Nachkriegseuropa zur Hand. Ich weiß nicht mehr, wieviel mir davon nach der Grenzkontrolle am Suezkanal noch übrig geblieben war, ich bekam meine Papiere von dort nie zurück, ich machte wohl eine ziemlich neue Fassung jetzt, konnte eine Schreibmaschine der Savorys dazu benutzen. Ich konnte es doch vorläufig erst in Deutsch schreiben, ein früherer polnischer Richter jüdischer Herkunft hatte zugesagt, es mir ins Polnische zu übersetzen, es kam aber nie dazu.
Im April 1942 fing ich dann an, in der Wirtschaft des "Copperbelt" zu arbeiten, und da gab es neue Prioritäten. Auch wurde dann klarer, daß mein Bild einer Europäischen Union mit Rußland ruhig hinter seinen alten Grenzen sitzend, kaum den Realitäten entsprechen würde. Ich hatte es so erhofft, als beste Sicherheit nach dem Kriege für alle, ich hatte beiseite geschoben, daß am 17. September 1939 ich ja so spontan und panisch auf den russischen Einmarsch in Ostpolen mit der Vermutung reagiert hatte, sie würden erst am Rhein Halt machen.
Durch die polnische Vertretung in Lusaka erhielt man auch regelmäßig die in London erscheinende Exilpresse und Literatur. Als wir in Nordrhodesien ankamen, gab es dort eine Welle von Sympathie für die Russen, die unter den heftigen Angriffen Hitlers verzweifelt kämpften, und man konnte sich dem gar nicht verschließen. Für mich kam noch das Gefühl dazu, daß meine Mutter nun in deren Obhut war, durch die Deportation vor den Nazis gerettet. Die Freunde, die in Lemberg blieben, waren den Nazis in die Hände gefallen, die ja in von den Russen eroberten Gebieten sofort mit systematischen Massenmorden begannen.