Ein Zittern lief durch seine Gestalt.
»Laß doch, Kind!«
»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast mir immer zu viel nachgegeben, drum bin ich auf solche Gedanken gekommen. Du hast immer auf mich Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du bist zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht über alles reden sollen. Ich habe bis heute nacht«, ein Schauer schüttelte ihn, »an gar nichts geglaubt, vor gar nichts Achtung gehabt, — nun«, seine Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das Leben.« Er suchte sich aufzurichten: »Nur das Leben in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt zu haben.«
Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte sich nicht. In seinem Kopfe hämmerten die Pulse. Sein Kind sprach Worte, die er vergebens gesucht hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens, Reichtum und Stellung waren Ereignisse untergeordneter Wichtigkeit gegen das, was im Menschen lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das innere Glück!
Klaus Tiedemann stand langsam auf:
Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen. Klaus Tiedemann horchte: Unruhig ging Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine Lippen. Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur Tür: »Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht, er fängt zu phantasieren an!«
Klaus Tiedemann horchte wieder:
Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken.
Hatte er sich getäuscht?