Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh; seinen Blick ertrag' ich nicht, Vater!« schreit sie auf und wirft sich ihm an die Brust. »Dort hat er gesessen und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.«
Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er kann's nicht glauben. Das Leben kann nicht alles stürzen, was er gebaut hat.
»Du siehst schwarz, Kind, — deine Nerven sind übermüdet. — Lecart hat dich gern wie ich.«
»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus. »Gern, das habt ihr mir damals gesagt, als ich eurem Willen widerstrebte. Lieber in Armut gestorben, als noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich, den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte, kein Vermögen und keinen Namen, — und Lecart hatte beides in euren Augen.«
In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun habt ihr euren Willen, habt eure Familie rein gehalten, so rein, daß der Schlechteste da draußen zu gut für euch ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl durch das Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das Haupt, als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu Worte kommen lassen wollte, aus verfehlter Liebe zu seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist es Berechnung eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde greift, ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die Sonne kein ärgeres bescheint, wenn wir dem Herzen nicht seine Stimme lassen, sondern schachern, noch immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten können, hättest mir mein Recht wahren sollen, das einzige, das schönste, das wir besitzen. Du hast dich gebeugt und hast geschwiegen, als meine Mutter ihren Plänen folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom Krankenbett und in den engen Grenzen ihrer einseitigen Erziehung. Du aber hast dich selbst durchgerungen, bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und hast doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt! Vater, Vater, du weißt nicht, was ich gelitten!! Vom ersten Tage der Ehe an war es ein Kampf! Ich ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets keine Verantwortung übernehmen, das war euch das Wichtigste. Ich glaubte eueren Vorstellungen, ihr spieltet ja so breit euere Erfahrung auf, und ich war ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei. So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets nur ein Mittel seiner Leidenschaft und seiner Berechnung. Deinem Schwiegersohne öffneten sich viele Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft hab' ich innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen herausdrehte und du es dir bieten ließest in deiner Schwäche. Vater, weißt du, was es heißt, an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?« Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich neben ihm gelegen und habe geflucht: ihm und mir. Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband, hat der Priester Gottes Worte gesprochen: ‚Wenn mich zwei Menschen in der Liebe um etwas bitten, es soll ihnen gewährt sein.’« Wieder schüttert ihr schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet — aber nicht um ein Kind, nein, um unser beider Tod!«
Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre Worte:
»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen! Es ist die letzte Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu spät ist. Leo ist tot. Wer wird der Nächste sein? Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem Sinn ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör' auf niemanden, hör' nur auf dich allein!« Sie faßt mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte. »Laß Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!«
Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung.
Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen Stimmen zerreißen die Stille der Nacht.
Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann horcht, sein Kind in den Armen.