Wüste Rufe kommen näher.
Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren Höhlen liegen. Sein Kopf ist dumpf, ein eiserner Druck hält ihn gefangen.
Das ist die Frucht seines Lebens!
Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander. Nicht Vater und Kind sind es, die nun rechten, es ist Mann und Weib.
»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns Stimme aus der Brust. »Ich bin aus niederem Stande und hab' vieles erst im späten Leben kennengelernt, was euch als Kinder schon geläufig war. Ich hab' lange Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld zu verdienen und dadurch etwas in der Welt zu werden.«
Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe lösen ihm die Zunge; sie prallen an die Wände und hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er überhaupt in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das Geheimnis seines Lebens!
Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich werfend, keucht er: »Ich war auch ein Mensch von Fleisch und Blut und hab' geglaubt an den Inhalt der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus niederem Stande, wie ich es selbst war, drüben über dem Wasser. Sie sollte mir beistehen, sollte mir die trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach Hause kam. Und sie hat es getan — ein paar Jahre lang. Da hab' ich den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte gehabt. Dann haben wir ein Kind bekommen — Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür ich arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken gehabt als Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht, nein; für meine Familie! Ich hab' wenig Zeit gehabt: Da hab' ich's nicht merken können — in meinem eigenen Haus!«
Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die Hunde gegen das Gitter.
»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon, hat mich allein gelassen mit meinem Kinde. Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich, »hab' ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir getan. Keine Plage war mir zu viel gewesen; jede Erniedrigung hab' ich ertragen für mein Weib, das war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten, ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen und alles andere. Vom Anfang hab' ich wieder begonnen. War es früher Ehrgeiz, der mich trieb, so war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie sollte von mir hören da draußen irgendwo in der Welt, sollte sich eingestehen müssen, daß sie einen schlechten Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben lange Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt, ich wollte Frau und Kind haben. Doch nun wollte ich der Herr sein, darum hab' ich mir ein Weib gekauft — deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber Wahnsinn aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts mehr, sie gab mir nichts. Ich wollte nur euch, auf euch hab' ich alles übertragen, was die andern von mir nicht nehmen wollten — meine Liebe. Ich war stets unscheinbar, meine Geburt hing an mir mit eisernen Ketten, — so wollte ich mir in euch jemanden ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da hab' ich zum Schluß in alles gewilligt; mein Leben war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren Augen sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt, da ward' ich betrogen; da ich anders dachte, erst recht!« Er bricht jäh ab; die Tür fliegt auf: Gerhard steht auf der Schwelle. »Sie sind da!«
Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster. Dumpfes Geheul, das durch die zerbrochenen Scheiben sich doppelt und dreifach verstärkt, übertäubt das Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde.